Der Wörtermarkt in der Cannstatter Kindertagesstätte

Der Wörtermarkt in der Cannstatter Kindertagesstätte

Der Wörtermarkt in der Cannstatter Kindertagesstätte

Im Rahmen des JES-Theaterprojektes an Kindertagesstätten zur Förderung der Sprachkompetenz von Kindern mit Migrationshintergund, entstand an der Cannstatter Kita eine kleine Produktion mit dem Titel „Der Wörtermarkt". Das Projekt wurde finanziert vom Jugendamt Stuttgart.

Über einen Zeitraum von drei Monaten leitete ich eine Theatergruppe der Kindertagesstätte. Inhaltlich beschäftigten wir uns mit dem Kinderbuch "Die große Wörterfabrik".
In unserer eigenen Produktion „Der Wörtermarkt", machten sich die fünfjährigen Spieler und Spielerinnen selbst auf die Reise in die Stadt, in der man für Wörter bezahlen muss, bevor man sie selbst aussprechen kann. Sie begaben sich in die Fabrik in der die Wörter hergestellt wurden, und auf den Markt auf den diese verkauft wurden.

12 Einheiten (ein Treffen pro Woche) waren für die Intensiv-Phase vorgesehen und wir haben sie gut genutzt.
14 Kinder gehörten der Gruppe an (wenn auch nie alle da waren). Sie hatten durch das Theater-Abo vom Jungen Ensemble Stuttgart (kurz JES) die Möglichkeit vier Produktionen des Hauses zu sehen. Und nun durften sie selbst spielen.

Da die einen Kinder mehr, die anderen weniger gut Deutsch sprechen konnten, fingen wir mit Übungen an, die weitestgehend mit Körpersprache zu tun hatten. Wir fingen an damit zu arbeiten, wie man Gefühle darstellen kann. Zunächst eingebaut in einen Raumlauf („Und jetzt laufen alle total wütend durch den Raum!") später als Figuren in Standbildern. Besonders gut funktionierte es, wenn sich zwei bis drei Kinder eine Situation ausdachten, in der sie wütend/ fröhlich/ traurig waren, dies dann als Standbild zeigten und die anderen Kinder raten mussten, was dargestellt wurde. Wie deutlich einige Kinder auf Knopfdruck „total wütend" darstellen konnten, war beeindruckend. Aber auch was die zuschauenden Kinder in den dargestellten Bildern entdeckten war überraschend. Ein Kind zeigt nach oben, ein anderes schaut in die aufgezeigte Richtung: Ganz klar!, meinte ein Kind. Da oben fliegt eine Sternschnuppe vorbei!
In Vorbereitung auf einen Theaterbesuch, in dem es um eine Urlaubsreise ging, spielte ich mit den Kindern, einen imaginären Koffer zu packen und mit den Bus in ein unbekanntes Land zu fahren. Diese Spiel war für die Kinder so einprägsam, dass ich daraufhin in fast jeder Stunde danach gefragt wurde, wann wir wieder "Busfahren" würden.
Damit war relativ schnell klar, dass wir das Thema Reisen wieder aufgreifen würden.
So eindeutige Wünsche von Kindern erleichtert die Arbeit natürlich ungemein und schafft die Möglichkeit, tatsächlich gemeinsam mit den Kindern etwas zu erarbeiten.

Durch Zufall fiel mir das Buch „Die Wörterfabrik" von Agnès de Lestrade in die Hände. Den Inhalt fand ich sehr geeignet für ein Projekt, welches zur Förderung der Sprachkompetenz dienlich sein soll. In der „Wörterfabrik" geht es um ein Land, in dem man Wörter kaufen muss, bevor man diese aussprechen kann. Selbstverständlich gibt es teure und billige Wörter. Und ein Junge mit wenig Geld, kann, obwohl er nur so mickrige  Wörter wie „Staub" zur Verfügung hat, ein Mädchen einen Kuss entlocken, weil er sie so lieblich ausspricht.
Da viele Kinder, ob mit oder ohne  Migrationshintergund, auch nicht immer genügend Wörter im Repertoire haben, um sich mitzuteilen, fand ich dieses Buch recht passend. Nach dem ersten Vorlesen, wurde dies auch von den Kindern bestätigt.
So bauten wir uns mit Stühlen und Körben unseren eigenen Wörtermarkt. Jeder Marktstand besaß Wörter einer bestimmten Kategorie, z.B. Schimpfwörter, liebe Wörter, Kleidungs-Wörter, Nahrungs-Wörter, Begrüßungs-Wörter.
In unserer kleinen Produktion packten die Kinder, wie einst in der Stückvorbereitung, ihre Koffer und fuhren dann mit dem Bus in eine unbekannte Stadt. Es traten Kinder auf, die in Bewegungsbildern eine Wörtermaschine darstellten und anschließend mit den hergestellten Wörtern zu ihren Marktständen gingen. Die Kinder im Bus kamen nun zu dem Markt und kauften ein – nonverbal, schließlich hatten sie dafür noch nicht die passenden Wörter erworben.
Zum Schluss wurden die Zuschauer mit Wörtern beschenkt.
Das Publikum bestand zum Teil aus Eltern der spielenden Kinder, aber auch aus den jüngeren Kindern der Einrichtung.
Beachtlich fand ich, dass die Kinder auf meine Musikvorschläge, die das Geschehen untermalten, sofort ansprangen. Da Paul Kalkbrenner nicht unbedingt als Kindermusik bekannt ist, hat mich das sehr überrascht.

Natürlich liefen nicht alle 12 Einheiten wie geschmiert. Einige Kinder fehlten oft, andere könnten an so manchen Tagen sich kaum konzentrieren und sprangen ständig unkontrolliert durch den Raum. Aber, dass dieses Projekt doch, wie ich es empfand, so gut gelang, war zum großen Teil auch den zuständigen Betreuerinnen zu verdanken, welche das Projekt durchweg gut unterstützten. Sie gaben den Kindern das Gefühl, Teil einer wirklich tollen Sache zu sein. Das wirkte sich total auf die Kinder aus und machte das Projekt in der Tat zu einer „tollen Sache". Die Erzieherinnen unterstützten mich, wo es nur ging und brachten eigene Ideen in den Prozess mit ein.
Ohne diese Unterstützung wäre das Projekt nicht zu dem geworden, was es war: Eine gelungene kleine Bewegungstheater-Produktion.

verfasst von Julika Tulipa am 08. Mar. 2013

Kommentare (1)

  1. Cerridwen schrieb am 15. Mar 2013 um 12:20 PM

    Das klingt super! Das Buch werde ich mir auch mal anschauen. Erinnert ein wenig an "Erzähler der Nacht" von Rafik Schami. Vielleicht für ein Projekt mit älternen Kindern zum gleichen Schwerpunkt.

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