Ein Schuljahr mit den Gablengirls

Ein Schuljahr mit den Gablengirls

Ein Schuljahr mit den Gablengirls

Ein Schuljahr in einer Ganztagsschule stand mir bevor. Und obwohl meine Zeit mit den 14 Mädchen noch nicht ganz vorbei ist, ziehe ich Bilanz.

Seit September arbeite ich an einer Grundschule im Ganztagsbereich. 14 Mädchen. 2 Mal die Woche. Eine junge engagierte Lehrerin, die mit dabei sein soll.
Als ich schon mal in einer Grundschule eine Lehrerin in meinen Kursen hatte, setze sie vor allem, wo man sich bewegen musste, ein „P“ vor. Bis heute habe ich nicht herausgefunden, was dieses „P“ genau heißt, aber es bedeutete, dass sie nicht mehr mitmachte, sondern lieber als Zuschauer dabei sein wollte.
Die aktuelle Lehrerin jedoch wirkte so, als würde sie nicht nur Zugucken. Das empfand ich als vielversprechend. Die weiteren Ausgangsvoraussetzungen waren nicht ganz so vorzüglich. Denn arbeiten im Ganztagsbereich hat so seine Tücken. Der Plan war es, ein Jahr lang, zwei Mal wöchentlich, für zwei Stunden mit einer Gruppe Drittklässler zu arbeiten. Als frischgebackene Bachelor-Theaterpädagogin hatte ich noch keinen blassen Schimmer, wie ein einjähriges Projekt zu strukturieren sei und beschloss, zunächst einmal mit ganz normalen Basics anzufangen. Dinge, die ich auch schon an Kindern ausgetestet hatte. Das würde bestimmt recht spaßig werden.
Doch dann ging es los. Noch bevor die erste Stunde überhaupt begonnen hatte, flossen die ersten Tränen. „Warum dürfen die anderen zum Sport und wir müssen Theater machen?“, fragte ein heulendes Mädchen mit Rotznase. „Weil das ein ganz tolles Projekt ist!“, gab die Lehrerin zur Antwort. Na, toll! Da schienen einige richtig Lust auf Theater zu haben.
Eigentlich war es so, dass die Kinder zwischen verschiedenen Nachmittagsangeboten wählen durften. Dazu gaben sie Erst- bis Viert-Wünsche an. Leider hatte ich auch einige Mädels, die Theater nur als Drittwunsch angegeben hatten. Das war natürlich voll „fies und unfair“ für die, dass sie nun Theater machen mussten.
Zudem war es Vorgabe von meiner Einrichtung zweimal die Woche Theater zu machen. Da die Schule aber nur teils Ganztagsangebote hat, mussten die Kinder an einem Tag in der Woche aus dem regulären Unterricht raus genommen werden, was natürlich auch voll „fies und unfair“ war.

Ich lies mich nicht entmutigen, machte lustige Musik an und begann die Stunde mit Übungen aus einem Clownsworkshop, mit denen ich immer super Erfahrungen gemacht hatte.
Doch nicht in dieser Gruppe. „Frau äh.. Jule. Kannst du mal bitte richtige Musik anmachen? Das ist voll blöd, was du da hast!“ Manno! Eigentlich dachte ich von mir selbst, dass ich immer eine ausgezeichnete Musikauswahl treffe. Doch weit gefehlt.
Ich lies meine Praktikantin einen Musikmix mit den aktuellen Chart-Hits zusammenstellen. Damit hatte ich zumindest während der Warm-Ups eine gute Stimmung sicher.

Erzähltechniken
Wir versuchten zusammen eine Geschichte zu erfinden. In kleinen Gruppen sollten sich verschiedene Enden der Geschichte ausgedacht und angespielt werden.
Die Hälfte der Kinder war hochgradig begeistert und probte Szenen in Spielfilmlänge ein. Andere Kinder saßen auf der Bank und gucken mich finster an. „Was ist los? Fehlt euch eine Idee?“, frage ich und bot meine Unterstützung an. „Nein! Die Geschichte ist bescheuert! Feen!! Das ist voll die Kinderscheiße!“, antwortet mir die Achtjährige.

Standbilder

Kleingruppen durften sich eine kleine Geschichte ausdenken. Worum es darin ging wollte ich aufgrund der unterschiedlichen Interessen nicht vorgeben. Diese Geschichte sollte dann in wenigen Standbildern dargestellt werden.
Die Idee war es, die Standbilder zu fotografieren und aus den Bildern dann einen Comic mit Sprechblasen und so weiter zu machen. Dann würden wir schöne große Sprechblasen und sonstiges basteln und den Comic verkörpern. Ganz cool, dachte ich. Doch die Kids leider nicht. „Warum müssen wir die Standbilder jetzt nochmal machen?“ - „Damit ich sie fotografieren kann!“- „Boah! Kein Bock!“.
Dinge zu wiederholen war auf gar keinen Fall drin, denn: Das ist dann langweilig. Mist!

Gablengirls in "Mädchenfreundschaften"

Die Konkurrenz
Nicht nur, dass ich scheinbar noch nicht die passenden Übungen für die Mädels finden konnte. Bald schon kam das gesamte Ausmaß der Unfairness zutage. An einem netten Herbsttag wurden in einem anderen Ganztagsangebot Drachen gebastelt. Direkt vor unserem Fenster sprangen nun Kinder herum und ließen ihre selbst gebastelten Drachen steigen. Und sie lachten dabei.
Meine Kinder hingegen brachen in Tränen aus. Nicht alle, aber auch zwei weinende Kinder schafften es, die Stimmung der Gruppe entsprechend zu zerstörend. Es sei so arg unfair, dass sie keine Drachen basteln würden. Immerzu müssten sie Standbilder machen! Immer nur Theater! Unfair! Eigentlich wollten sie eh viel lieber in eine andere Gruppe.

Die magische Wirkung von Applaus
Nachdem das Comic-Projekt eher semierfolgreich durchgeführt wurde, ließ ich die Kinder bestimmen. Jedes Kind durfte sich ein bis zwei Bereichen zuordnen. Tanz, Spiel, Musik, Sonstiges. In Gruppen oder alleine, durften sie sich ein oder zwei Dinge ausdenken und einstudieren. Präsentiert würde alles in der darauffolgenden Woche vor den Erstklässlern. Wer meine Hilfe wollte, durfte diese in Anspruch nehmen. Wer meine Hilfe nicht wollte, durfte drauf verzichten.

Unsere Show wurde von mir und meiner wunderbaren Praktikantin moderiert. Was genau nun dargeboten wurde, wussten wir jedoch auch nicht. Auch wenn einige Beiträge (wie das super leise Vorlesen eines kompletten Kinderbuches) schwer auszuhalten waren: Die Erstklässler fanden es toll, was die Großen da vorbereitet hatten. Das dankbare Publikum gab der Gruppe mit ihrem liebevollen Applaus den nötigen Egoschub, den es zur Weiterarbeit brauchte.

Von da an konnten Projekte starten, die über einen längeren Zeitraum entstehen würden. Die Kinder waren bereit sich länger als nur eine Woche auf ein Ziel hinzubewegen. Wir brachten innerhalb einiger Wochen ein Schattenspiel zustande. Dass mehrere Wochen an einer Sache dran geblieben wurde, war der erste Erfolg. Die Mädels waren süchtig nach Applaus geworden und die Aussicht nach der nächsten Dosis, lies sie konzentrierter werden.

Es folgte eine Szenencollage zum Thema „Mädchenfreundschaften“. In drei Gruppen wurden nette Szenen erfunden. Wir spielten mit dem Einsatz von Musik rum, was den Mädchen super verhalf in die Stimmungen der Szenen einzutauchen. Nach sechs Wochen präsentierten wir wieder in der Schule. Es war eine kurze Collage aus den Szenen und gemeinsamen Bewegungseinheiten. Sechs Wochen mit diesen Kindern an einem Projekt zu arbeiten hielt ich vor einigen Monaten noch für undenkbar. Doch ich wusste, nun sind sie bereit für ein richtiges kleines Stück.

Das zweite Halbjahr
Für das neue Halbjahr nahmen wir uns vor, eine Eigenproduktion zustande zu bringen, die wir bei den Grundschultheatertagen miniDrama im JES aufführen würden.
Von Februar bis Juni sollte sich alles um ein einziges Thema drehen.
Das neue Halbjahr versprach aber noch eine Veränderung: Theater sollte nur noch einmal die Woche stattfinden. Dass die Kinder aus dem regulären Unterricht rausgenommen wurden, fanden alle Beteiligten nicht schlau. Und so kam ich nur noch einmal wöchentlich in die Schule.

Kind: „Oh voll schade!“ Ich: staunte.

Gablengirls in "Supergirls"

Auf der Suche nach einem ansprechenden Thema stieß ich auf eine Kinderfernsehserie in der Kinder Superkräfte hatten. Oh man! Als Kind – und irgendwie heute auch noch – liebte ich diverse japanische Serien, in denen Superheldinnen gegen das Böse kämpften. Das sollte unser Thema sein! Und ich stach total ins Schwarze! Alle waren begeistert inklusive der Grundschullehrerin, mit der ich mich mittlerweile auch außerhalb der Schulzeiten traf, um das Projekt zu planen und weiterzuspinnen. Wir fanden reale Geschichten, in denen die Mädchen schon mal einen Helden brauchten (zum Beispiel der Papa, der die Tochter grade noch rechtzeitig von einer viel befahrenen Straße rettet) und ließen dann später die Taten von Superheldinnen durchführen. Im Laufe der folgenden Monate entstand tatsächlich ein kleines Stück. Die Mädels bastelten in ihrer Freizeit Requisiten und waren sogar zu einer langen Probe an einem Samstag bereit. „Zusammen sind wir: Die Supergirls!“ riefen sie am Ende des Stückes. Und das sind sie wirklich. Aus dem Haufen Mädels, die sich wo es nur ging anzickten, sind kleine Kämpferinnen geworden. Und vor allem: Eine Gruppe!
Wir (fast) Erwachsenen und die Mädels hatten ein Projekt gestartet und beendet, was uns alle gleichsam begeistert.
Und auch unsere Premiere bei miniDrama im JES ist gut über die Bühne gegangen. Wenn ich auch noch nicht herausgefunden habe, mit welchen Übungen ich die Heldinnen zum lauten und deutlichen Sprechen motivieren kann, und mein überdurchschnittlicher Einsatz von Musik aus dem Sailor Moon Soundtrack, einigen befremdlich erschien, ist unser kleines Stück für uns ein voller Erfolg.
Nächste Woche wird es in der Schule den Mitschülern und Eltern präsentiert.
Wir sind gespannt!



Fotos: Tobias Metz

verfasst von Julika Tulipa am 23. Jun. 2013

Kommentare (1)

  1. Julika Tulipa schrieb am 28. Jun 2013 um 06:42 PM

    Ergänzung:
    Doppelvorstellung in der Schule ging gut über die Bühne.
    Es gab sogar einen spektakulären Stromausfall. Aber die Supergirls, haben das Stück souverän zu Ende gebracht.

    Antworten



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