Ab in den Dschungel

Ab in den Dschungel

Ab in den Dschungel

Es war das attraktivste Angebot, dass mir seit Langem gemacht wurde: Im Auftrag eines städtischen Theater sollte ich mit möglichst vielen Kindern ein Musical realisieren.
Ich sollte die Schneiderei nutzen können, die hauseigenen Musiker, es sollte ein großes Casting geben, eine Kindergruppe sollte Theaterspielen, eine andere sollte den Chor bilden und und und.
So gut und wichtig die Arbeit in Schulen auch ist: mal nicht aus Zeitungspapier Kostüme basteln und mit Schultischen und -stühlen Bühnenbilder kreieren, klang für mich sehr verlockend.
Das Thema, bzw. das Stück war bereits vorgegeben – es handelte von Tieren aus dem Regenwald, die durch die Rodungsarbeiten bedroht waren und nun versuchten, die Bauarbeiter aus ihrem Revier zu verjagen.
Also auch noch ein Stück mit einer Message. Kinder die gesellschaftsrelevante Themen auf der Bühne verhandeln: Da bin ich dabei!
Doch ich wusste noch nicht, was für Herausforderungen die Reise in den Dschungel für mich bereit hielt.
Die Anfrage kam im Frühling, das Projekt sollte nach den Sommerferien starten. Bei einem großen Planungstreffen im Juni, bei dem auch alle Kooperationspartner anwesend waren, ging ich davon aus, dass ein genauer Fahrplan für das Projekt ausgearbeitet wird und alle Verträge unterschrieben würden. In der Realität wurden jedoch erst über Fördermöglichkeiten verhandelt und Überlegungen getätigt, wie die Kinder für das Projekt begeistert würden – und das mitten in den Sommerferien. Wer sollte so kurzfristig fördern, und welches Kind sollte von einer Ausschreibung erfahren – die meisten waren im Sommerurlaub.
Ich bekam einen Eindruck davon, worauf ich mich eingelassen hatte.
Im November startete das Projekt mit Kindern einer einzigen Grundschule, die sich für eine Kooperation kurzfristig bereit erklärt hatte.
Von einem Casting konnte keine Rede mehr sein – ich musste nehmen was ich kriegen konnte. Immerhin waren bei der Auftaktveranstaltung 33 Kinder. Ein bunter Haufen, alle hochmotiviert. Vielleicht, sollte es doch noch was werden.


Mit der Ansage „Sie können sich ja dann sortieren, wer in die Theatergruppe und wer in den Chor soll“ wurde ich mit der Horde allein gelassen.
Bei einer Umfrage, wer Lust auf Chor habe, meldeten sich 5 Kinder. Ein etwas kleiner Chor. Ich versuchte die Truppe zu motivieren und für Chor zu begeistern. Tatsächlich waren die Chorprobentermine aber auch nur von vier Kindern wahrnehmbar. Puh!

25 Spieler*innen für 10 Rollen und vier Chorkinder. Das würde spannend werden.
Es wurde Dezember und ich bekam zu Weihnachten endlich meinen Honorarvertrag auf den ich seit dem Sommer wartete.
Was wurde aus der versprochenen Begleitband? Aus finanziellen Gründen und langen Diskussionen bekam ich letztlich im Februar einen Pianisten an die Seite gestellt. Nun, gut. Das hatte ich mir pompöser vorgestellt, aber immerhin musste ich nicht mehr meinen Chor auf der Blockflöte begleiten.
Wir arbeiteten fleißig vor uns hin. Eine mit mir befreundete Tanzpädagogin konnte ich zum Glück für das Vorhaben begeistern. Sie dachte sich mit mir zusammen nicht nur knuffige Tänze aus sondern war auch eine emotionale Stütze, als die Zustände im Theater kaum aushaltbar waren. Innerbetriebliche Probleme übertrugen sich auf unser Projekt.


Planungstreffen im Theater wurden ohne Absprachen festgelegt, Vorstellungstermine etliche Male verschoben und der Umgangston wurde immer gereizter und aggressiver. Und ich fragte mich täglich, wie ich vor den Kindern eine positive Arbeitseinstellung haben sollte, wenn sich im Hintergrund alle die Augen auskratzten.
Doch der Frühling kam und damit auch der Optimismus. Ich bekam endlich einen Bühnenbildner an die Seite, ebenso wie eine Schneiderin. Mit dem viel kleineren Budget, als ursprünglich angedacht, versuchten wir rauszuholen was geht.
Bis zum Ende gab es organisatorische Probleme. Aber die Menschen, mit denen ich künstlerisch zusammen gearbeitet habe, haben bis zur letzten Minute vor der Premiere alles gegeben. Auch wenn die äußeren Umstände schwierig waren. Auf Bühnenbild, Schneiderei, Tanzpädagogik, Klavier und Technik war Verlass.
Ich konnte es fast nicht glauben, als bei der Premiere die Kinder in den tollsten Farben erstrahlten, mein vierköpfiger Chor, alle Solis mit der größten Sicherheit sang, die elfköpfige Affengruppe, bestehend aus den jüngeren Teilnehmenden, durch das Publikum sprangen und sich auf der Bühne lausten und die zehn Hauptdarsteller zum ersten Mal den gesamten Text ohne Fehler sprachen.
Klar saß nicht jeder Sprung und jede Drehung, und die ein oder andere Banane lag nicht dort, wo sie sollte. Aber die Begeisterung der Kinder und der Applaus waren am Ende unser wohlverdienter Lohn für den Stress des dreiviertel Jahres.


Ich wollte oft das Handtuch werfen und habe im Winter so viel geflucht, wie selten bei einem Projekt. Doch ich bin froh, dass ich es durchgezogen habe.
Auch die Organisatoren des Projektes waren begeistert und ich nehme an, erleichtert, dass diese Geschichte noch ein gutes Ende nahm.

Doch was ist die Moral der Geschichte? Sollte man sich allen Unannehmlichkeiten stellen, in der Hoffnung, dass das Resultat einen alles vergessen lässt? Oder sollte man auch einfach mal ein Projekt abblasen?
Ich habe meine Antwort darauf noch nicht gefunden.

verfasst von Julika Tulipa am 22. Jan. 2018

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