Waffelessende Freunde

Waffelessende Freunde

Waffelessende Freunde

In dieser Spielzeit hatte ich die Gelegenheit zwei Projekte mitzugestalten, die für mich totales Neuland waren. Zum einen leitete ich Theatergruppen mit Kindern und Jugendlichen aus Flüchtlingsfamilien, zum anderen gestaltete ich mit einer befreundeten Kollegin die Theater-AG an einer Schule für Erziehungshilfe. Über Letzteres möchte ich in diesem Artikel berichten.

Meine Kollegin, ihres Wesens Sonderpädagogin, warnte mich vor: Es sei wirklich ganz schlimm an der Schule und ob mit den Schülern überhaupt was Aufführbares zustande käme, sei fraglich. Dennoch stand unser Vorhaben, an einer Schule für Erziehungshilfe eine Theater-AG ins Leben zu rufen, die parallel zum Unterricht laufen würde.

Zum Schuljahresanfang hatten wir eine ziemlich buntgemischte Gruppe von zehn Schüler im Alter von 6 bis 10 Jahren.
Die erste Stunde begann bereits prächtig. Tür knallend kamen schlecht gelaunte Kinder in den Saal mit den Worten „Kein Bock auf Scheiß-Theater“, andere kamen zu spät, schmissen ihren Rucksack in die Ecke und straften uns mit feindseligen Blicken. Einige sagten nichts, andere erzählten davon wer von wem auf dem Schulhof beschimpft wurde. Die eigenen Sätze in dieser Gruppe zu Ende zu sprechen, war annähernd unmöglich, da entweder das gesagte umgehend kommentiert wurde oder man irgendwen aufhalten musste, eine andere Person zu treten.
Wie wir bereits anfänglich vermuteten war es für die Älteren nicht sonderlich interessant, mit den Kleinen zusammen Theater zu spielen. Wir stellten nach zwei Schnuppereinheiten zur Auswahl entweder in der Gruppe zu bleiben oder in den regulären Unterricht zu gehen. Die Gruppe war daraufhin nur noch halb so groß.

Bald schon kristallisierten sich Übungen heraus, die in der AG gut funktionierten. All samt simple Warm-Up-Spiele, gerne mit Wettkampfcharakter.
Da jedoch das Streit-Risiko bei Übungen im Raum sehr hoch war (A tritt versehentlich auf den Fuß von B und wird daraufhin gejagt und gehauen) und die Konzentrationsspanne nicht überdurchschnittlich hoch war, entschieden wir uns zunächst in kurzer Zeit ein kleines Schattentheaterstück zu erarbeiten. So konnten wir die Stunden einteilen in kurze Übungsphasen und Phasen in denen jeder alleine basteln konnte und sich so nicht mit den Mitschüler auseinandersetzen musste.
Konfliktpotenzial war auch da gegeben (A zu B: „Boah, was soll das denn sein? Das ist voll hässlich was du machst!“. B verlässt daraufhin wutschnaubend den Raum und knallt die Tür so sehr, dass die Fassung um die integrierte Milchglasscheibe ehrheblichen Schaden davon trug. Die Versuche B zu beruhigen bewirkten gegenteiliges, sodass der Mülleimer heftige Tritte erleiden msste, bis dieser komplett zerbeult war).
Nichts desto trotz, war die Theater-AG in der Lage zur Weihnachtsfeier eine kleine zehn-minütige Schattentheater-Sequenz zu zeigen.


Klar, wir waren stolz auf unsere kleinen Chaoten. Aber der Weg bis dahin gestaltete sich als äußerst zäh.
Es gab Tage, an denen die Kinder für eine halbe Stunde gut mitmachten und man das Gefühl hatte, in kleinen aber deutlichen Schritten würde es nun vorran gehen. Doch das hieß nichts. Die darauffolgende Stunde konnte aus einzigen Beschimpfungen und Ermahnungen bestehen.
Durch ein Ampelsystem konnten wir den Kindern verdeutlichen, wann ihr Vehalten von uns nicht mehr geduldet wurde. Das gestaltete sich so, dass jedem Teilnehmer eine Klammer zugeteilt wurde, die zum Beginn der Stunde auf einem grünen Kreis hing. Wenn man sich störend verhalten hatte, rutschte die Klammer auf Gelb, Orange oder Rot runter. Durch gutes Verhalten konnte man wieder zu Grün "aufsteigen". Wer am Ende der Stunde auf Grün war durfte sich auf eine Belohnung freuen.
Wer sich allerdings völlig daneben verhielt, konnte auch auf Schwarz wandern und war somit für die darauffolgende Stunde gesperrt.
Dieses System funktionierte anfänglich erstaunlich gut. Doch auch die Aussicht auf Schokolade war kein zuverlässiger Schutz vor Streitigkeiten.

Es musste ein neues Konzept her.
Wir beobachteten, dass die Kids sich sehr schwer damit taten, wenn wir ihnen versuchten etwas zu erklären. Spiele und Übungen hingegen, die sie bereits kannten und mochten, funktionierten weiterhin gut.
Also entschieden wir uns, den Teilnehmern so wenig wie möglich zu erzählen. Die Phasen des Erklärens wurden auf das Geringste reduziert.
Wir klebten verschiedene Symbole auf den Boden, auf denen unterschiedliche Aktionen durchgeführt werden sollten. Kombiniert haben wir das mit der Kartensammlung von Maike Plath (FREEZE).
Nach einer kleinen Begrüßung, wurden fast nur noch kurze und knappe, sehr eindeutige Kommandos gegeben. Das koppelten wir mit der Geschichte, die wir bereits für das Schattentheater erarbeitet hatten, in der es um Tiere ging, die auf der Suche nach Freunden waren.
So gab es Kommandos und Karten zu unterschiedlichen Standbildern und Tierbewegungen, die später nur noch durch hochgehaltenen Schilder gegeben wurden.
Diese Forn des Arbeitens funktionierte weitestegehend gut. Bereits erarbeitete Sequenzen konnte man recht ausführlich wiederholen und wurden von Stunde zu Stunde kleinschrittig erweitert. Nach spätestens einer halben Stunde bekamen die Kinder Bastel- bzw. Mal-Aufgaben. Die Ergebnisse waren Masken und Bilder, die als Bühnenbild dienlich waren.

Mit dieser Arbeitsform kamen wir stetig voran. Selbstredend gab es noch immer Unruhen und Katastrophen.
Wenn ein Kind zufälligerweise irgendwo Pfeil und Bogen gefunden hatte und man Sorge hatte, dass sogleich irgendjemand einen meterlangen Pfeil im Auge hatte; wenn ein Kind eine Woche vor der geplanten Theatervorstellung von der Schule genommen wurde, da die Familie umzog und es versäumte der Schule bescheid zu geben; oder wenn ein Mädchen am Tag der Aufführung eine dreiviertel Stunde zu spät kam, stockte uns regelmäßig der Atem.
Doch als ein Mädchen, welches sonst nur Schimpfwörter für einen übrig hatte, die man hier nicht niederschreiben möchte, letztlich hinter der Bühne fast gelähmt vor Lampenfieber standund dann allen Mut zusammen nahm und alle Mitspieler ihre Streitereien für den Moment ablegten, um eine gute Vorstellung zu geben, hatte sich für uns der Aufwand ausgezahlt.



Unsere kleinen Chaoten spielten wie die bravsten Kinder die Geschichte von der hässlichen Kackerlacke, dem, vor dem Schlachter geflüchteten, Pferd und dem waffelbackenden, bösen Wolf - der in Wahrheit garnicht böse war - und luden anschließend zum gemeinsamen Waffelessen ein.
Der Aufwand und das Durchhalten hatte sich für die letztlich nur noch drei Spieler gelohnt; sie erwartete ein wohlverdienter Applaus.


verfasst von Julika Tulipa am 05. Jun. 2015

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