Die Pyramide der Meinungshoheit - An der Spitze sind noch Zimmer frei

Die Pyramide der Meinungshoheit - An der Spitze sind noch Zimmer frei

Die Pyramide der Meinungshoheit - An der Spitze sind noch Zimmer frei

Gedanken zu Westwind 2014, dem großen Treffen der Kinder- und Jugendtheater aus NRW. von Julian Gerhard (Theaterpädagoge (BA), MA-Student für Szenische Forschung)

Der mir erst seit wenigen Tagen bekannte Kurzfilm „The Scare is scared“ von Bianca Giaever, bringt das ästhetisch auf den Punkt, was ich beim diesjährigen Westwind so sehr zu formulieren gesucht habe. Hier wird eine Sechsjährige gefragt, was in ihrem Wunschfilm passieren sollte, der noch nicht existiert. Man hört vor allem die Stimme des Kindes, hin und wieder gibt es Zwischenfragen von Giaever, und man sieht wie die Handlungen von Schauspielern auf den von der jungen Erzählerin sprunghaft entschiedenen Schauplätzen, umgesetzt werden. Eine schräge, schöne und gar nicht eindimensionale Story entsteht – natürlich führt das zu einer gewissen Komik, aber diese fußt nicht auf einem Unvermögen des einen oder anderen, sondern auf der ganz eigenen Dynamik, die dieses Regietandem mit sich bringt. Der Film ist künstlerisch so stark, weil die Ideen und Impulse des Mädchens ernst genommen wurden und die beiden mit ihren Qualitäten eine wirkliche Gemeinschaft eingegangen sind.

Diese Gemeinschaft ist etwas, was vielleicht stärker im Jungen Theater Einzug erhalten sollte. Irgendwie schien es auch beim Westwind 2014, dem großen Treffen der Kinder- und Jugendtheater aus NRW, alles sehr separiert – hier die Theatermacher und dort die sogenannte Zielgruppe.

Die Young Experts zum Beispiel sind eine Gruppe von Kindern, die alle Inszenierungen besuchen, am Ende einen mit 2000,00 € dotierten Preis vergeben und, die dieses Jahr in Essen ein kleines Lager auf einer Grünfläche neben dem Grillo-Theater aufschlagen konnten, in dem man sich zwischen den Stücken austauschen und toben konnte. Auch tauchten hier vereinzelt die Künstler auf und sprachen mit ihnen über ihre Theaterstücke. Eigentlich eine tolle Sache, aber dieses neben dem Theater gastieren, ließ sich scheinbar auch auf die Strukturen des Festivals übertragen – mittendrin ist etwas anderes. Am Ende unterteilten sie das Preisgeld und vergaben es an die beiden mit Abstand härtesten Produktionen, zum einen an das Kriegsdrama „Der Zigeunerboxer“ vom Westfälischen Landestheater Castrop-Rauxel und zum anderem an den Autopsie-Krimi „Die Durstigen“ vom Theater Bielefeld. Beide Arbeiten fanden bei der mit 10.000 € dotierten Preisvergabe der Fachjury keine Erwähnung – hermetisch von einander getrennt bestimmt jeder für sich, was nun gutes Junges Theater sein soll.

Natürlich gibt es viele Anstrengungen Kinder und Jugendlich dabei zu haben und selbstverständlich ist es ein großer Act, Kindergärten und Schulen als wirklich engagierte Kooperationspartner zu gewinnen. Allein, dass die Young Experts die ganze Zeit vor Ort sein konnten, ist eine große Leistung und verdient alle Achtung. Jedoch möchte ich hier für den Schritt vorwärts, hinweg über den kleinen Heckenzaun des Rahmenprogramms, plädieren.

Es ist schon ein sehr spezielles Unterfangen: Da wird eine Produktion nach der anderen für Kinder und Jugendliche in den Fachrunden besprochen und bei all den Diskussionen über die präsentierten Arbeiten, ist die Zielgruppe nicht dabei. Das von der zuständigen Theaterpädagogin in Rekordzeit vorgetragene Feedback der jeweilige Partnerklasse, muss reichen – diese Zusammenfassung bleibt unkommentiert, sie beendet das jeweilige Inszenierungsgespräch.

Und in den einzelnen Diskussionsrunden habe ich häufiger gewisse Gesprächsdynamiken bemerkt: Ansichten, wie die, dass der eine oder andere Moment im Stück XY möglicherweise eine größere Herausforderung für Kinder gewesen sein könnte, werden im Allgemeinen nicht gerne gehört. Der Verweis auf unhaltbare Mutmaßungen über Kinder und das Totschlagargument, man würde sie unterschätzen, folgt allzu schnell. Und es wird immer wieder erwähnt, dass ein Kinderstück nur dann gut ist, wenn es auch für Erwachsene funktioniert. Ist das wirklich so? Ich weiß nur, dass man das immer über die großen Zeichentrickfilme von Disney gesagt hat, die zu Weihnachten in die Kinos kamen – die verfolgten aber andere Interessen. Ich saß schon in einigen Theaterarbeiten für die Allerkleinsten und musste mir eingestehen, dass ich zwar für Dada, A. Artaud oder die Filme von M. Barney zu begeistern bin, mir das hier Dargebotene jedoch einfach zu abgefahren ist – der Großteil der anwesenden Zielgruppe feiert das Ganze aber (manche weinten auch, aber sie hatten auf jeden Fall einen Zugang der mir verwehrt blieb).

Ist es nicht irgendwie weird, wenn eine alte Generation die Meinungshoheit über eine junge Generation haben soll, wenn es eigentlich um letztere geht?

Ich glaube die Lebensrealitäten der jeweiligen Altersgruppen und Generationen lassen sich durch derart pauschale Statements, wie dass es einfach für alle interessant anzusehen sein soll, nicht greifen. Kinder und Jugendliche müssen verstärkt reflexiv und künstlerisch einbezogen werden, nicht als repräsentative Darsteller, sondern auch im Dramaturgie- und Regiewesen. Auch weil die Zeit sich immer ändern wird: Was weiß ich schon, was es heute wirklich bedeutet ein Grundschüler zu sein.

Künstlerische Intuition ist nicht nur das, was in den verschiedenen Akademien ausgebildet werden soll, sie ist bei Kindern und Jugendlichen bereits vorhanden – sie fließt, folgt eigenen Gesetzmäßigkeiten und verändert sich oder versickert irgendwann. Ja, es gibt Jugendclubs.. aber führen diese nicht häufig ein Schattendasein und werden sie nicht oftmals als eine Art Trainingscamp für das „richtige“ Theater verstanden? Lässt das Theater sich wirklich von den unvoreingenommen Ideen junger Menschen herausfordern und überraschen?

Kindern und Jugendlichen müssen die großen Türen geöffnet werden, wenn ihre Zeit und ihr Leben künstlerischen Ausdruck in den Theatern finden soll.

verfasst von Julian Gerhard am 08. Jul. 2014