In Fräulein Elses Oberstübchen

In Fräulein Elses Oberstübchen

In Fräulein Elses Oberstübchen

Am 15. und 16. Juni 2013 brachte die junge Regisseurin Irina-Simona Barca, zusammen mit ihrer Assistentin, Jana Oppermann, im Burgtheater in Lingen ihre erste, größere Regie-Arbeit auf die Bühne: „Else hautnah". Eine eigenwillige Interpretation der bekannten Novelle „Fräulein Else" von Arthur Schnitzler aus dem Jahr 1924: In zunächst vollkommener Dunkelheit tastet ein Licht den Körper einer jungen, blonden Frau in hellem Body ab und der Zuschauer erfährt den Anstoß des Gewissenskonflikts, in dem sich Else befindet: Sie soll ihren in Not geratenen Vater retten und den reichen Kunsthändler Mr. Dorsday um Geld bitten. Dieser willigt ein unter der Bedingung, Else nackt sehen zu dürfen.

Else Hautnah

Die anmutige Else, gespielt von Marielu Strehlow, steht im Raum wie in einem verwunschenen Zauberwald, obskure Gegenstände baumeln von der Decke. Dann huscht ein Schatten über die Bühne, der sich als Elses eigenes, inneres Gegenüber entpuppt. Im schwarzen Ganzkörper-Kostüm steckt Julia Windisch. Die verwunderte Else beäugt und belauert sich selbst. Wie geht es dir, Else? Außen hui – und innen? Irina Barca zeigt Else als eine junge Frau in Aufruhr, die am eigenen Abgrund entlang tänzelt. Was tun, Else? Den Vater retten! Aber was ist mit der Scham, sich zu entblößen? Wie umgehen mit dem Reiz, den eigenen Körper zu zeigen? Erniedrigung, Suizid-Gedanken. Die „junge Dame aus gutem Hause" – sie wankt und wankt und hat als Gegenüber nur sich selbst.

Else Hautnah

„Keine klettert so gut wie ich, keine hat soviel Schneid, Sporting-Girl." hallt es im imaginären Ping-Pong-Spiel wider. Das ist komisch, tragisch und: sexy. Denn die beiden Schauspielerinnen verkörpern Elses Gegensätze in flinkem, sehr körperbetontem Spiel, voller Energie, wenngleich auch mimisch sehr unterschiedlich: Marielu Strehlow ist verletzlich, zart, reduziert, fast introvertiert. Julia Windisch bedrängt sie massiv, schlüpft zwischenzeitlich in die Rolle von Mr. Dorsday und verleiht dem lüsternen Mann eine Dimension mephistophelischen Ausmaßes: schmatzend und zischend umschmeichelt sie Else. Gesichtszuckungen wie Gustav Gründgens auf Speed. „Dadaistisch", nennt Barca dieses Spiel und tatsächlich ist die Inszenierung selbst ein zerebraler, surrealer Tanz, der an Buñuel erinnert.

Else Hautnah

„Else hautnah" ist mal brutal, mal anmutig-elegant inszeniert in streckenweise sehr hohem Tempo. Barca lässt ihre Else sich hin- und her reißen, beinahe zerfetzen. So hat man Else noch nie gesehen. Und sie sich selbst wohl auch nicht. Der eindrucksvollen Bildsprache und faszinierenden Rhythmik ging eine lange Probenzeit voraus. Gewiss nicht nur der männliche Zuschauer kann sich der geheimen Lust hingeben, Voyeur zu sein, wenn Else mit Else kämpft, bis sie nach diesem furiosen Seelenstriptease den Zuschauern in einem bizarren Scherbenhaufen aus weißen Köpfen, in zersplittertem Bewusstsein, zu Füßen liegt. Und wenn zum Schluss ein von der Decke baumelndes Kinderspielzeug aufgezogen wird und ein Wiegenlied erklingt, ist das alles andere als beruhigend. Die Melodie begleitet die wegdämmernde Else ins Ungewisse.

Else Hautnah

Tilman Rademacher, Schauspieler, Regisseur / Münster

verfasst von Tilman Rademacher am 06. Aug. 2013