Der Bühnenterminator! Kinder, Kinder .... wie die Zeit vergeht.

Der Bühnenterminator!  Kinder, Kinder .... wie die Zeit vergeht.

Der Bühnenterminator! Kinder, Kinder .... wie die Zeit vergeht.

Seit 15 Jahren arbeite ich auch als freischaffende Theaterpädagogin (TP) in der Schweiz. Klasssenlehrpersonen der Stadt Zürich, können sich bei Schule und Kultur anmelden und eine Fachbegleitung Theater anfordern. Und für zwei Wochen begleiten Theaterpädagogen dann die Klasse und das Lehrerteam durch die Räume der Wünsche. Wir sind dann nicht Vertreter der Theaterhäuser, wie Schauspielhaus oder Opernhausund bereiten vor oder nach, was dort für das junge Publikum geboten wird. Wir sind selbstständige wandelnde Theaterhäuser. Wir sind Intendanz und Regie in einer Person, Lichttechniker und Dramaturg, Putzfrau und Bühnenmalerin, also von der Glühbirne bis zum Stromausfall kehrt jedes Problem zu uns selbst zurück.

Eigentlich wollte ich für diese Ausgabe „Kinder, Kinder“ über „Die Geschichte aus dem Hut“ schreiben, in dem sich zwei Haferflocken mit Minister Mineral auf die Jagd nach  dem vegetarischen Ungeheuer aufmachen; diese Geschichte erfunden von 9jährigen Kindern, muss auf eine Veröffentlichung warten.
Zu wenig Zeit. Also greife ich wie die Amerikaner zur „action-story“. Einer Story die zeigt, was mit Kindern möglich ist.

Ein kleines Beispiel im Vorfeld: In einem 1 Jahres Gymnasiums Projekt hatten wir Wiederaufnahme.
Am Nachmittag war das Fernsehen da. Die Vorstellungen, hatten einen guten „Ruf“! Das Fernsehteam sah die Durchlaufproben, packten ihre Kameras wieder ein und meinten: „Unmöglich, dass ihr am Abend spielt!“- Wir hielten dagegen: „Heute Abend werden die Kinder grossartig sein. Kinder verfügen über unglaubliche Kräfte. Die machen Quantensprünge wenn es drauf ankommt“!
Sie glaubten uns nicht. Am nächsten Tag, wurden unsere Spieler ins Fernsehstudio direkt eingeladen. Die Abendvorstellung war ein grosser Erfolg gewesen.

Wie oft habe ich selbst gezögert kurz vor der Premiere, die ja schon mal nach neun Tagen ansteht; „Diesmal klappt es nicht, diesmal ist das Scheitern vorprogrammiert“, nein, immer wuchsen die Kinder im letzten Moment über sich hinaus, beflügelt weil gefordert und Ikarus flog.

Eine angemeldete Klasse wünschte sich bei meinem ersten Besuch, zu 98% ein Stück im Stil von „Terminator V.“! Vor allem hatten es ihnen die Explosionen angetan. Filmausschnitte die sie mitbringen durften, sprengten alles in die Luft was Hollywood so zu bieten hatte. Kinder, Kinder.
„Biedermann und die Brandstifter, von Max Frisch; das ist die einzige Möglichkeit, wenn wir nicht das ganze Schulhaus in die Luft sprengen wollen“.
„Ein Wahnsinnsstück für eine 6. Primar“, meinte der Mentor unserer einsatzfreudigen Praktikanten, die sich uns für die Theaterzeit zur bedingungslosen Verfügung gestellt hatten. „Eine echte Herausforderung für meine leistungsstarke Klasse“, fügte Herr M. der Klassenlehrer hinzu und freute sich, als die Klasse mit 14 zu 8 für Biedermann entschied.

Ich ging also nach Hause und teilte das Stück in filmgerechte „Takes“ auf, kleine Abschnitte, 64 an der Zahl, und dann ging es darum diese „Takes“ auf viele Biedermänner, Ehefrauen Babette, Dienstmädchen Anna, Ringer Josef Schmitz und Kellner Willi Eisenring aufzuteilen. In der Klasse fanden sich bereitwillige Co-Regieleute die diesen Job übernahmen. Den Chor im griechischen Stil wollte die ganze Klasse übernehmen.
Als ich nach einer Woche Pause wieder in die Klasse kam, war ich baff über die Arbeitsleistung, die die Kinder in Eigenregie erbracht hatten. Viele konnten ihre Texte rückwärts und vorwärts. Wir konnten mit szenischen Dialogen beginnen. Und stürzten in eine Lawine von Arbeit.
Episches Theater wollte umgesetzt werden, das hieß: Weg von der Guckkastenbühne, weg von der Idee hier der Zuschauer, da die Spieler (im Gegensatz zur Theaterwelt ist der Schüler konservativ) der Raum sollte offen sein, die Zuschauer sollten ganz klar mitbekommen, das hier ein Spiel von Schauspielern vorgeführt wird - ein Lehrstück ohne Lehre, wie Frisch sein Stück bezeichnete, ganz nach seinem Vorbild Bertold Brecht, meinte die Denker-Dramaturgengruppe der 12jährigen.
Zuerst also ein modernes Bühnenbild, dann eine Möglichkeit die filmische Idee der kurzen Segmente und des raschen Wechsels umzusetzen. Und das alles ohne raffinierte Dreh – Senk – Hebebühne in einem Ohne-Alles-Singsaal.
Wir begannen die Proben mit 3 grossen schweren braunen Lederwohnzimmersesseln, die wir vor dem Brockenhaus retteten. Die Sessel stellten die Co-Regisseure mit dem Rücken aneinander, so dass sie in der Mitte des Raumes wie ein Stern in drei Raumrichtungen ausstrahlten, und jeder Biedermann hatte seinen eigenen Wohnradius.
Nach anfänglicher Begeisterung, stellten die Babettes plötzlich mit Schrecken fest, dass bei dieser Idee die Möglichkeit bestände, dass sie in einem ihrer „Takes“ nur von hinten gesehen und gehört werden könnten. Das gab Stoff für Diskussionen.
Die natürliche Eitelkeit aller Schauspieler setzte sich durch. Nach heftigem Disput setzte die Regie die Zuschauer auf die Bühne, so dass sie von oben in das Wohnzimmer und den Dachboden der Familie Biedermann schauen konnten. Jetzt war Jedermann und Jedefrau sichtbar.

Kurz darauf verfolgte uns die nächste Idee des Dramaturgieteams: Mit diesem Biedermann ist nicht ein Mensch, ein Schicksal gemeint, sondern alle
Figuren stehen für uns alle. Sie zeigen auf die Verführbarkeit des Menschen, der wider sein besseres Wissen handelt. Aus was für Gründen auch immer. Biedermann muss austauschbar sein.

Also da war eine Klasse von 22 Schülern, mit einer Jungs Mehrheit – ideal, um dieses Prinzip der Austauschbarkeit zu visualisieren. Jetzt hatten wir 3 Biedermänner, 3 Schmitz, 3 Josefs, 3 Babettes und mehr. Wer kommt wann? Und wie finden die Wechsel von einem „Take“ zum anderen statt?
Auch diese Fragen wurden gelöst! Wir einigten uns auf drei Familien Biedermann.

Da widersprach die verantwortliche Requisite: „Wie soll das zu bewerkstelligen sein? Wir brauchen jetzt nicht nur eine Marmelade, sondern drei, nicht vier Teller, sondern zwölf, nicht 20 Fässer sondern...." An diesem Punkt hörten wir auf das Prinzip Vervielfältigung für denkbar zu halten. „Schade, dass wir die Fässer nicht unter den Fotokopierer legen können“, sagte die Frau Oberrequisiteurin depremiert.

Wir kämpften uns also ganz im Sinne einer konsumorientierten Gesellschaft durch eine immer grösser werdende Anzahl von Gegenständen, zu bühnendeutsch Requisiten, die herangeschafft und hergestellt werden mussten, die aufgestellt und überprüft, die in Listen geführt und auf ihre Anwesenheit hin kontrolliert und die Annas und Willimanns und Requisiteure konnten ein Lied davon singen, was es heisst Besitz anzuschaffen und
zu verwalten.

Und so bekam dann das Ganze überdimensionale Ausmasse: eine Theaterpädagogin, ein Lehrer, eine Handarbeitslehrerin, zwei Superpraktikanten und einen Mentor-zu-besuch dirigierten mit 22 Schauspielern, vier Co-Regisseuren, zwei Chor-Rap-Animatoren, ein Schlagzeuger,  vier Scheinwerfern, zwei Lichtpulten, drei Sesseln, drei Beistelltischen, drei Esszimmertischen, drei Tischdecken und drei Kerzenleuchtern, sechs Flaschen Wein und 6 Gänsen (von der Requiste frisch aus Pappmacheé gebacken), ein Friedhofskranz und zwölf Benzinfässern, einer langen Zündschnur und mehreren Zündkapseln ein Theaterfeuerwerk.
Was sich wie ein Küchenrezept liest, war das naive Werk einer jungen Theaterpädagogin für die das Größer, Weiter, Höher noch nicht in einer Performance mit Kartons gipfelte.

Irgendwann an einem Donnerstag stellten wir fest, dass dieses 1 Stunden Werk, dieses Lehrstück ohne Lehre einfach nicht aufhören wollte. Unendlich zogen sich die „Takes“ in die Länge, Stunden verstrichen und wir sahen immer noch keinen Ausgang in Sicht, wir spielten und spielten was das Zeugs hielt, ein Schauspieler musste ersetzt werden, weil er sich die Magen –und Darmviren aus dem Leib schwitzen musste. Mit Textblättern und Auswendiggelerntem, mit Soufleussen und Takeankündern, mit Lichttechnikern und Umbauteams spielten wir uns der Verzweiflung entgegen!

Will denn das kein Ende nehmen?

„Und wenn wir heute länger proben und morgen früher aufstehen?“ – Wir konnten die Stunden, Minuten und Sekunden nicht so dehnen, dass wir noch eine Woche aus der Zeit herausschindeten ... denn in einer Woche – ja, da wären wir soweit, da bekämen wir alles in den Griff.

Dann kam der Knall. Der Hausmeister untersagte uns die Anwendung von Pyrotechnik. Ein Aufschrei ging durch die Klasse. Aber das Feuerwerk in der Schule blieb verboten. Zum Trost schauten wir uns auf dem Videorekorder all die schönen Knalleffekte an, die bei einer richtig gross angelegten Brandstiftung unverzichtbar sind.
Wir Pädagogen begannen allmählich die Schönheit des Feuers zu entdecken, führten die Begeisterung der Jungs für all die Explosionen nicht mehr auf Zerstörungswut, sondern auf den Urknall zurück.
Haben wir nicht das Leben auf diesem Planeten den minütlichen Explosionen der Sonne zu verdanken?

Und unser Schreibteam fügte den Szenen von Frisch ihre eigenen Entwürfe hinzu, fachgerecht aufgeteilt in „Takes“, „Wie es auch hätte sein können“!
Sie waren erstarkt durch die Begegnung mit den leichtgläubigen Biedermanns, die den Mut nicht hatten, ihrer eigenen Wahrnehmung zu vertrauen und ihr Wissen in die Tat umzusetzen. „Da gehört manchmal auch dazu NEIN zu sagen“!

Der rauschende Beifall an der Premiere ersetzte das Feuerwerk allemal.

verfasst von Claudia Zoellner-Gubser am 07. Oct. 2013