2x3 Schwestern - Das Musical

2x3 Schwestern - Das Musical

2x3 Schwestern - Das Musical

In rund neun Monaten hat die Musicalgruppe "The Stage Hogs" am TPZ Köln für Jugendliche von 13 bis 16 Jahre unter meiner Leitung eine Musicalfassung von Anton Tschechows "Drei Schwestern" entwickelt und aufgeführt.

Die Projektfindung ging wie folgt von statten: Nachdem die Musicalgruppe The Stage Hogs durch das Ausscheiden einiger Mitglieder, nur noch aus Mädchen bestand, war das Thema „Schwestern“ schnell klar. Es bot sich daher Tchechows Drei Schwestern an und somit auch eine Konzentration auf die Figuren der Schwestern Olga, Mascha und Irina. Zunächst stellte ich den Inhalt des Stückes und einige Textauszüge vor, die die Mädchen begeistertet aufnahmen. Die Rollen der drei Schwestern wollte ich verdreifachen, weswegen sich chorisches Theater besonders eignete.
Nicht nur die Eigenheiten der einzelnen Figuren sollten so herausgearbeitet werden, sondern auch deren Gemeinsamkeiten und Allgemeingültigkeiten. Ebenso sollte die Demontierung des Stückes mit Elementen des postdramatischen Theaters erfolgen, um durch die Auflösung der Figuren und des Textes zu einer Konzentration auf das Wesentliche zu gelangen.

Eine literarische Vorlage wie Drei Schwestern von Tschechow zu einem Musical umzuarbeiten ist in sich schon eine Herausforderung. Neben dem Traum eine Inszenierung von Drei Schwestern in die Realität umsetzen zu können und dies mit Theaterelementen, die zuvor in meinen Inszenierungen so gut wie keine Rolle gespielt haben. 

Zusätzlich zu der Vermittlung von Musical als lebendiges, spannendes Theatermedium, war es mir auch wichtig, neue Impulse aus dem theaterpädagogischen Aufbau BuT aufzunehmen. So wollte ich vor allem den Moment des Chors, der im Musicaltheater meist zur Unterstützung der Songs und der Hauptcharaktere auf gesanglicher und tänzerischer Ebene dient, aus der Sicht des griechischen Chors betrachten. Zudem interessierte mich das postdramatische Element „Mikrofon“.



Begonnen haben wir mit der Ensemblenummern: L.O.V.E. von Nat King Cole. Hierzu wurde von den Teilnehmerinnen ein Bewegungsablauf entwickelt, der im Folgenden den Ausgangspunkt für viele chorische Elemente bildete. Auch die Suche nach den Solosongs begann in dieser Anfangsphase, wobei die Mädchen nach Vorlieben Songs mitbrachten. Die Unentschlossenen erhielten von mir Songvorschläge, die sich aber nicht am Inhalt der Stückes orientierten, sondern viel mehr an den gesanglichen Fähigkeiten der Mädchen.

Nach dieser Ausprobier-Phase, folgte die Auseinandersetzung mit dem Text. Hierbei bin ich nach einer postdramatischen Methode vorgegangen: Die Mädchen wurden in zwei Gruppen eingeteilt. Die eine Gruppe hat die ersten drei Seiten der literarischen Vorlage bekommen, die andere die letzten drei Seiten. Dann haben die Mädchen jede einzeln alles gestrichen, was sie nicht interessant fanden. Dabei spielte der „Sinn“ keine Rolle.
Im zweiten Schritt haben sich dann die Gruppen zusammengesetzt und alles, was eine in der Gruppe gestrichen hatte, ebenfalls gestrichen. So blieb nur noch ein Textskelett übrig, was erstaunlicherweise sinnvoll und logisch war. Die Teilnehmerinnen mochten ihren so entstandenen Anfang und Ende des Stücks sehr. Ungewöhnlicherweise haben dann auch alle Mädchen ohne Protest das ganze Stück schon innerhalb von einer Woche gelesen.
Meine Herangehensweise stand unter dem Motto „Zutrauen und Ausprobieren“.
Musical ist in seiner Form schon per se eine Herausforderung. Nun kam in diesem Fall auch noch ein „klassischer“ Text dazu, also eine ungewohnte Sprache und verschiedenste „neue“ Theaterelemente. Pädagogisch war es mir besonders wichtig, das sensible Instrument „Stimme“ zu stärken. Ich wollte vermeiden, die Teilnehmer auf unsaubere Intonation aufmerksam zu machen (=“Du singst falsch!“), da die Teilnehmer meist selbst hörten, wenn ihre Töne nicht sauber sind. Unsaubere Intonation liegt meist nicht an einem „schlechten“ Ohr, sondern an einer schlechten Gesangstechnik. Durch Sicherheit in der Gesangstechnik, die durch das reflektorische Atmen und eine gute Atemstütze aus dem Bauch entsteht, werden die meisten Intonationsfehler behoben. Die Idee „Ich singe falsch“ ist dagegen etwas, was die meisten Menschen, so sie es denn einmal gehört haben, ihr Leben lang mit sich herumtragen. Dies kann im schlimmsten Fall dazu führen, dass ganz aufgehört wird zu singen.

Schauspielerisch wollte ich erreichen, dass die Teilnehmerinnen eine Präsenz entwickeln und ihre Kreativität auch in einer vermeintlich „strengen“ Form wie dem Chor fördern. Der Eigenanteil der Teilnehmerinnen sollte eine große Rolle spielen. Künstlerisch wollte ich die Reduktion des Textes auch in allen anderen Bereichen deutlich machen: Das Bühnenbild, die Ausstattung, die Auswahl der Songs, sowie die Choreografien. Alles sollte sich auf das Wesentliche konzentrieren.

Musical bietet als theatrales Mittel den Vorteil, dass Stimmungen bereits durch die Musik gesetzt werden. Dadurch sind Stimmungen oft spürbarer als nur durch Text. Außerdem bieten Songs und Choreografien Strukturen, die wie Anker fungieren. Bei den Stage Hogs kam nun die Besonderheit hinzu, dass eigentlich nur zwei Teilnehmerinnen wirklich nennenswerte gesangliche Fähigkeiten haben. Zum Glück konnte ich den gesanglich nicht so talentierten Jugendlichen die Sicherheit geben, dass sie „nicht peinlich“ sein werden, in dem ich durch theaterpädagogische Übungen ihre schauspielerischen Fähigkeiten stärkte. Wenn eine Figur klar ist, darf die Rolle auch alles: Oft ist gerade das Skurrile einer Figur das, was sie lebendig macht. In erster Linie geht es jedoch um eines: Spaß am Singen.

Nachdem die Strichfassung und die Songauswahl in groben Zügen stand, mussten die Songs in das Stück eingearbeitet werden. Dabei sollten sie nicht nur eine inhaltlich sinnvolle Reihenfolge ergeben; es mussten auch einige Besonderheiten beachtet werden: Zum Einen sollten sich Ensemble- und Solonummern abwechseln, zum Anderen sollten nicht alle gesanglich starken Nummern hintereinander kommen und somit die etwas schwächeren Nummern dagegen abfallen lassen. Außerdem gab es einige Songs, die durch ihren Songtext an einer bestimmte Stelle kommen mussten. So etwa sollte Goodbye relativ ans Ende und Moskau musste den Anfang bilden.

Exemplarisch hatten wir bereits Chorstellen ausprobiert, aber an welchen Textstellen würde dieses Element besonders wirkungsvoll sein? Wie würden die Wechsel vonstatten gehen, da die Zusammensetzung der drei Schwestern, immer eine andere sein würde?
Nicht eine Regieentscheidung legte schließlich die Wechsel fest, sondern die Spielerinnen selbst. Zum Beispiel: “Mascha 2: Der Teufel mag das holen! Ein verdammtes Leben... CHOR (=Mascha 1, Olga 1 & Irina 2): Ein verdammtes Leben!” So entstand auch die Idee, den Chor “Gesichtslos” zu machen. Die Spielerinnen des Chores würden jeweils Smilies vor ihre Gesichter halten, so dass sie zu einer ewig grinsende Masse wurden. Somit benötigte der Chor starke Gesten und einen eindeutigen Sprachduktus, um die fehlende Mimik zu ersetzt.

Am Ende dieser Probenphase kam mir auch der rettende Lösungsweg für das Mikrofon: da die Schwestern sich in der Provinz langweilen, aber alle musisch begabt sind, spielen sie Singstar, ein Playstation-Spiel bei dem Karaoke gesungen wird. Dieses Konzept eröffnete viele schöne Spiel- und Szenenmöglichkeiten. Nicht nur aus künstlerisch-ästhetischen Gründen war es diesmal wichtig zu reduzieren, sondern auch aus rein pragmatischen: Die TPZ Bühne wurde am Premierenwochenende auch noch von einem anderen Kurs genutzt, daher musste das Bühnenbild für 2x3 Schwestern flexibel und leicht auf- und abzubauen sein. Außerdem musste die Guckkastenbühne genutzt werden. Diese Einschränkung fand für mich einen klaren Anknüpfungspunkt im Stück: Die Enge der Provinz unter der die Schwestern leiden, konnte durch die Enge der Bühne dargestellt werden.
Die Bühnenbildidee entstand bei einer Probe in der frühen Probenphase.



Während einer Improvisation, entschied ich mich den Spielenden zu helfen, in dem ich ihnen Kissen als Requisiten gab. So wurde die grundsätzliche Bühnenbild-Idee geboren: Kissen als Zeichen von Wohnzimmer, Gemütlichkeit, aber auch Inaktiv-sein und Nichtstun. Das perfekte Symbol für die Situation der 2x3 Schwestern war gefunden.

Die Premiere am 12. Dezember 2010 wurde vom Publikum bejubelt und die Mädchen wurden gefeiert. Die Teilnehmerinnen waren sehr zufrieden. Ich allerdings konnte diese Begeisterung nicht vollständig teilen. Zwar hatten alle Abläufe, Szenen und Songs geklappt, aber die Leichtfüssigkeit war verschwunden. Zum Beispiel war aus der eigentlich komödiantischen Nummmer Ich will keine Schokolade plötzlich ein Drama geworden. Auch andere Szenen verloren ihren Witz. Es war mir nicht gelungen, transparent zu machen wie wichtig die Leichtigkeit für das Stück ist. Für die zweite Vorstellung machte ich diesen Punkt im Warm-up mit verschiedensten Übungen noch einmal deutlich. Und siehe da: Es war kein Problem die Leichtigkeit zu spielen, und das Stück funktionierte wunderbar. Ich war stolz auf „meine“ Stage Hogs und begeistert von ihrer Fähigkeit spielerische Unterschiede zu machen. Auch die Mädchen selbst spiegelten später wider, wie großartig es sich angefühlt hatte, diese Energie und Leichtigkeit zu spielen.

 

Heike Werntgen ist ausgebildete Schauspielerin (Lee Strasberg Theatre Institut, New York) Musicaldarstellerin (Stage School of Music, Dance, & Drama, Köln) und Theaterpädagogin BuT (TPZ Köln)
Für Heike stand schon früh fest: Das Theater ruft! Nach ihrer Musical- und Schauspielausbildung wurde sie für das Stück Off-Broadwaystück 'Drinks before dinner' in New York engagiert. Seit Jahren arbeitet sie theaterpädagogisch an unterschiedlichen Institutionen mit Kindern, Jugendlichen und Erwachsenen. Seit Januar 2011 ist sie nun die neue Theaterpädagogin am JTB.

verfasst von Heike Werntgen am 02. Nov. 2013