Eingeschnappt

Eingeschnappt

Eingeschnappt

Endlich wieder Jugendliche! Nicht völlig freiwillig, hat es sich so entwickelt, dass ich seit über einem Jahr fast ausschließlich mit Kindern arbeite. Und das soll nicht falsch verstanden werden: Ich mag meine Arbeit mit den Kleinen total, aber dennoch habe ich mich unheimlich gefreut, als ich das Angebot bekam, an einer Realschule die Theatergruppe zu übernehmen. Endlich Menschen, mit einem ausgeprägten Vokabular und mit denen man weniger kleinschrittig arbeiten kann. Ich hatte mir alles so schön vorgestellt..

Leider stellte sich die Gruppe als ein fauler Haufen heraus. „So steht mal auf!“ - „Oh nein! Ich will nicht stehen!!“. Sämtliche Übungen, in denen man sich zur Musik bewegen muss, habe ich aus meinem Repertoire gestrichen. Dabei liebe ich Übungen, in denen man sich körperlich anstrengen muss.
Doch natürlich kommt in den unpassensten Übungen der Bewegungsdrang dann doch durch. Eine Aufgabe bestand daraus, sich gegenseitig auf einem Stuhl sitzend im Status zu übertrumpfen, bis einer auf dem Stuhl steht und der andere von unten versuchen muss, aus dem Tiefstatus zu kommen – Ich konnte nicht mal „Los!“ sagen, da standen alle auf den Stühlen und waren im Begriff auf die Schränke zu klettern.

Ich konnte es nicht fassen! Und da diese Gruppe mir eh schon immer eher weniger als mehr Gehör schenkte, war ich in diesem Moment völlig ratlos, was ich mit der Gruppe nun tun sollte. Ich hatte an diesem Tag einfach keine Lust mehr, mir ihre Aufmerksamkeit erkämpfen zu müssen. Auf die Frage, was das denn nun sollte, sagten sie, sie wollten jetzt endlich ein Theaterstück spielen.
Aber wie soll ich mit Leuten ein Theaterstück machen, die sich nicht für das interessierten, was ich sagte? Als ich diese Frage zur Diskussion stellte, hörte mir die Hälfte der Gruppe bereits nicht mehr zu.

Wie deprimierend, dachte ich mir. Doch statt diesen Gedanken länger zu verfolgen, gab ich mich streng und zugleich eingeschnappt. Sie wollten ein Theaterstück spielen, aber nicht auf mich hören? In Ordnung, dann sollten sie das mal machen. Sie hätten noch fast eine ganze Stunde – in der Zeit sollten sie ein kleines Stück auf die Beine stellen. Ich würde nichts sagen! Sie sollten einfach pünktlich mit dem Resultat fertig sein und mir am Ende der Stunde was vorspielen. Nach einer kurze Erstarrung (ein so perfektes Freeze ist ihnen noch nie gelungen!) der Teilnehmer, fragten sie ungläubig nach, ob das mein ernst sei. Dies bejahte ich und setzte mich abseits, um die Gruppe in Ruhe arbeiten zu lassen.

Während die Gruppe in lautes Geschrei verfiel um auszuzählen, wer welche Rolle spielen dürfe, machte sich in meinem Inneren eine kleine Panik breit. Was habe ich denen denn nun erlaubt? Hoffentlich war das nicht eine absolute Schnapsidee! Was ist, wenn sie sich etwas ganz Grausames ausdenken würden und in der Auswertung dann sagen würden: „Geil, ohne dich ist es viel besser! Können wir das jetzt immer so machen?“. Oder was, wenn sie etwas ganz Tolles machen würden und ich mir Fragen über meine Daseinsberechtigung machen müsste?

Nach zwanzig Minuten hatte die Horde die Rollen ausgelost. Interessant war, dass die Rollen verteilt wurden ohne, dass sich jemals über den Inhalt der Geschichte ausgetauscht wurde. Brüllend plünderten sie den Fundus. Alle Kostüme wurden ausgepackt und anprobiert. Auch hier musste hin und wieder das Los entscheiden, wer welches Krönchen aufhaben durfte. Das nahm ebenfalls ungefähr zwanzig Minuten in Anspruch. Und dann wurde gespielt. Nie hatten sie besprochen, was gespielt werden sollte, aber sie spielten. Klar, es war irgendwie recht chaotisch. Aber jeder schien eine Idee davon zu haben, was als nächste kommt.

Nach dem sie eine Weile vor sich hingespielt hatten, trommelte ich die Mannschaft zur Nachbesprechung zusammen. Und dann geschah das Wunderbare. Ich fragte ehrlich neugierig und innerlich ein bisschen aufgeregt, wie denn nun die Stunde so war; was sie erlebt hatten usw. „Na irgendwie war das voll doof, weil nie jemand zugehört hat!“, „Alle wollten was anderes. Da hat halt jemand gefehlt – zum Beispiel: Du! – der sagt, wo es lang geht!“, „Ja und ich hatte halt nur so eine doofe Zwergrolle und durfte kaum spielen. Nur die, wo laut waren hatten die guten Rollen!“, „Ja also das wäre schon gut, wenn du nächstes Mal wieder mitmachst!“

Es war wie im Film! Diesen Effekt habe ich mir erhofft, aber nicht für tatsächlich möglich gehalten. Dieses Feedback war die pure Einsicht. Mein Verhalten möchte ich keineswegs als Taktik verkaufen – vielleicht hatte ich Glück, dass das so nun funktioniert hatte. Aber immerhin: Es hat funktioniert. Mittlerweile disziplinieren die Teilnehmer sich untereinander: „Man jetzt gebt endlich Ruhe, sonst müssen wir uns wieder alleine ein Stück ausdenken!!“

Ich bin zufrieden. Eingeschnappt sein kann also doch manchmal hilfreich sein :-)

 

verfasst von Julika Tulipa am 18. Nov. 2013