Guten Tag!

Guten Tag!

Guten Tag!

Ich bin Anika, bin 19 Jahre alt und komme ursprünglich aus Echterdingen bei Stuttgart, wohne jetzt aber in Weingarten bei Ravensburg, was in Hinblick auf Theatermöglichkeiten nicht ganz so viel zu bieten hat wie meine eigentliche Heimat.

Aber wie kommt man eigentlich als junger Mensch zum Theater? Findet man wirklich die altbekannten Schullektüren wie „Die Räuber“, „Maria Stuart“ und „Faust“ so faszinierend inspirierend, dass man diese gleich auswendiglernt um sie zu spielen? Oder braucht man einfach schauspielende, kulturinteressierte Eltern um sich mit Theater zu beschäftigen? Vielleicht reicht ja auch die stinknormale Theater-AG der eigenen Schule, falls diese vorhanden ist.

Wenn man es aber ganz einfach sieht kann jeder anfangen sich für Schauspiel und Theater zu interessieren, denn welcher Jugendliche hat bis jetzt noch nie einen guten Kinofilm gesehen oder war noch nie, zumindest mit der Schulklasse in einem Theaterstück. Des Weiteren gibt es ja zum Glück noch das Internet, aus dem man mittlerweile ja fast alles herausbekommen kann und Theater ist kein Begriff, den nur noch alte Generationen kennen.

Ich persönlich hatte wahrscheinlich einfach nur Glück, dass meine damalige Klassenlehrerin in der 5. Klasse einmal eine Theaterpädagogin in unseren Deutschunterricht mitgebracht hatte, die mit uns kleinere Szenen erstellte. Daraus entstand unsere Unterstufen Theater-AG, bei der ich gleich mit eingestiegen bin. Als ich nun aber aus der Unterstufe raus war, wollte ich garnichtmehr in die Oberstufen Theater-AG, denn einfach klassische Stücke nachspielen war nicht ganz das, was ich gerne in meiner Freizeit tat.
In der Oberstufe habe ich doch nochmal Literatur und Theater gewählt und darin auch mein mündliches Abitur gemacht.

In der siebten Klasse nahmen mich Freundinnen in den Ballettunterricht mit, bei dem man im Sommer die Chance hatte auf der Bühne des zur Tanzschule zugehörigen Theaters bei Kinderstücken mitzuspielen. Ab da war ich wieder Feuer und Flamme und habe doch, mit Pausen, bis letztes Jahr auf der Bühne gestanden.

Die grösste, anstrengendste und bereicherndste Erfahrung war jedoch die Teilnahme und Mitgestaltung an dem Spielclub „helden“ im JES in Stuttgart, letztes Jahr.

Sich für so einen Spielclub anzumelden ist ganz simpel: man sucht sich einen interessanten Spielclub aus, druckt die Anmeldung und füllt sie aus und dann muss sie nur noch abgeschickt werden. Ganz easy. Nur sehr doof wenn sich einfach zu viele anmelden und man eine von vielen, vielen Fremden ist. Wie wird ausgewählt? Die Leiter kennen einen doch gar nicht. Vielleicht riechen sie ob man in den Spielclub passt? Damit sie uns kennenlernen und zumindest mal sehen konnten, wurden von ihnen zwei Vortreffen geplant. Wenn man das Eine aus lauter Schusseligkeit verpasst, hat man auch kaum noch Hoffnung und irgendwie wurde mir dann glücklicherweise doch zugesagt, womit dann alles langsam ins Rollen kam. Jede Woche ein Treffen. Gleich anfangs stand fest, dass dies keine Stückentwicklung werden sollte, wir würden mit einem fertigen Stück arbeiten. Bisher stand dafür „Frühlingerwachen“ fest. Wir begannen ganz langsam, wie schon bei den Vortreffen, mit kleinen Vorstellungsrunden, Theaterspielchen und –übungen. Etappenweise tasteten wir uns auch an die Persönlichkeit der anderen heran. Kann man vor ihnen wirklich spielen, trau ich mich das? Wie sind unsere Leiter so drauf? Aber gar nicht lange und man lernte alle anderen kennen und unsere Treffen mittwochabends wurden Routine. Wir spielten uns gemeinsam ein, gewöhnten uns an Macken anderer. Leute die einfach Fremde waren, wurden jedes Mal mehr zu Freunden.

Alle standen wir unter dem Motto „Frühlingserwachen“. Doch dann wurde dieses Motto umgeschmissen. Wir gemeinsam durften ein neues Stück wählen: „helden“ von Ewald Palmetshofer. Grandios stellten wir uns auf ein neues Stück ein, was nicht ganz einfach war. Jedes Mal bekamen wir neue Aufgaben zu Teilen der Texte, mit denen wir uns zuhause beschäftigen sollten. Besser jedoch waren die Szenen, die wir während den Proben gemeinsam in Kleingruppen erarbeiteten, welche auch öfter weiterverwendet wurden.

Gerade an diesen Anfang, mit völlig Fremden, die Freunde wurden, denkt man dann oft zurück und fragt sich, warum gerade wir so gut zusammengepasst haben. Da haben wohl die Leiter gute Arbeit geleistet. Gleich an diesem Anfang, kam auch der Vorschlag, doch ein Wochenende gemeinsam zu verbringen. Und sofort ging es ans Planen. Schlussendlich verbrachten wir ein Wochenende quasi im tiefsten Winter, im Schwarzwald, ohne Handynetz, mit einer gruseligen Mühle nebenan. Wenn uns schon die soziale Abschottung und die Spielchen nicht zusammengeschweisst hätten, tat es das gruselige Ambiente und die gemeinsame Angst vor der Hexe aus der Mühle. Nicht zu vergessen der Humor und unsere Diskussionen. Nur doof, dass man einfach nicht aus Spass da war, sondern um weiterzukommen. So wurde zunächst mal unser Stück in verteilten Rollen gelesen, damit man sich mal einen Überblick verschaffen konnte. Prompt ging es ans kreative Eigenarbeiten, bei dem jeder sich eine kurze Szene ausdenken sollte, was schlimmer klingt als es ist. So konnte jeder zeigen was er über das Stück denkt und wie er dazu steht, wobei wirklich die lustigsten und vermutlich auch, für uns, aufklärendsten Szenen herauskamen. Später am Abend wurde dann auch gespielt, Gesellschaftsspiele, bei denen wir wirklich die lustigsten Sprüche und Begriffe von Seiten unserer Theaterpädagogen hörten.

Für uns war ab da klar, dass das mit uns in der Gruppe passt, jeder verstand sich eigentlich gut mit jedem und auch mit den Spielleitern wurde das Verhältnis immer freundschaftlicher, so dass man auch das Gefühl hatte angekommen zu sein.

In den darauffolgenden Wochen fanden Proben statt, an die sich vermutlich kaum einer mehr richtig im Detail erinnert: es wurde an Szenen gefeilt, neue entwickelt und ausgedacht, an der Aussprache herumgedoktert, wir bekamen Hundebesuch, haben gemeinsam gelacht und trotzdem versucht nicht unser Ziel, den 4. Mai, aus den Augen zu verlieren. Gleichzeitig stellten wir uns auch immer die Fragen, wohin wollen wir mit unserem Stück, was wollen wir sagen, was erreichen bei den Menschen? Haben wir eigentlich unsern Text verstanden oder spielen wir nur? Und währenddessen spukte da die Frage nach der eigenen Rolle im Stück in den Köpfen herum.

Wie über Nacht ging es dann los, Hektik, der 4. Mai stand vor der Tür: Endspurt, Text lernen, Szenen merken, alles ganz einfach. Wenn das Stück steht. Also haben wir aufgebaut was ging, umgeschmissen was ging, uns komplette Tage zum Proben getroffen und als wir dachten wir hätten es, waren wir trotzdem noch lange nicht fertig. Die grosse Frage, ob das Publikum alles verstehen würde, machte uns einen Strich durch die Rechnung: viele Szenen, die wir selbst erarbeitet hatten wurden rausgestrichen, „kill your darling“ meinte ein Spielleiter dazu. Genauso fühlte es sich an, als nur noch eine Szene übrigblieb, während man den Rest der eigenen Arbeit fast ganz rausgestrichen hatte. Da haben wir wirklich für das Verständnis des Stücks unsere Lieblinge rausgeschmissen. Fiel uns aber gar nicht so auf, denn wir hatten Szenen, die das alles wieder ausgleichen konnten. Besonders die Gruppenszenen, in denen alle gegen einen standen, fand ich sehr ausdrucksstark, auch als Teil der Gruppe.



Irgendwann war dann plötzlich der 4. Mai und gefühlt waren dann auch sofort alle Vorführungen vorbei. Die eine fanden wir besser als die andere, aber im Gesamten war jede einzelne genial und hat uns allen Spass gemacht. Es kam Lob von der Gruppe, von Freunden und der Familie. Alles Arbeiten und das andauernde Sehen der Mitspieler, hatte sich damit erledigt. Ein Glück haben sich ein paar auch noch danach getroffen und sind weiterhin zu JES-Vorführungen gegangen, so dass man sich bei Bedarf weiterhin sehen konnte. Trotzdem war damit unsere Zeit auf der JES- Bühne leider vorerst vorbei.

Trotzdem hallt die Zeit teilweise nach; das Lied „Takata“ war in unser Stück mit eingebunden und sobald es kam mussten wir tanzen und begeistert mitmachen. Nach den vier Aufführungen hing es uns zwar allen zum Hals raus, aber wenn ich es heute höre, könnte ich einfach wieder mittanzen.

Vor allem diese „helden“ –Zeit hat mich und auch andere dazu bewegt uns letztes Jahr in Wien und in Stuttgart zu Vorsprechen für Schauspielschulen zu bewerben. Hat leider für keinen von uns geklappt, aber bei so was sollte man sich weder in der Idee verlieren, noch zu früh aufgeben.

Ich merke auch, wie mich dieses letzte Theaterjahr persönlich weitergebracht hat und wie sehr ich mich entwickelt habe: wie die Judith aus unserem Stück, bin ich sozusagen ausgebrochen und ein wenig erwachsener geworden. Gerade deshalb will ich vermutlich auch gar nicht mehr aufhören Theater zu spielen.

 

Fotos: Tobias Metz

verfasst von Anika Drosch am 21. Nov. 2013