Hähnchen im Körbchen

Hähnchen im Körbchen

Hähnchen im Körbchen

Der Herzmoment den ich hier beschreiben möchte, ist eher als Herzprozess zu bezeichnen. Eine widerspenstige und äußerst anstrengende Grupoe von Realschülern hat sich im Laufe von knapp zwei Jahren zu einen Ensemble entwickelt, an welches ich mein Herz verloren habe. Zwei aufregende Theaterproduktionen haben wir bis dato gemeinsam erdacht, geprobt und mit viel Erfolg aufgeführt. Als Leiterin dieser Gruppe, habe ich oft am Verzweiflungslimit gekratzt und mit großer Wahrscheinlichkeit die eine oder andere pädagogische Unmöglichkeit gebracht.
Ich startete mit etwa 10 Kindern, alle in der sechsten Klasse und alle waren immer und ständig peinlich berührt. Im Kreis stehend die Hand des Nachbarn anfassen? Das absolute No-go! Blickkontakt länger als zwei Nanosekunden halten? Kichern, Kreischen, raus rennen! Die Bewegungen eines anderen nachmachen? Lauthalse Proteste!

Die zwei Jungs in der Gruppe wurden von den Mädels zunächst einmal völlig isoliert und ich hatte zwei Fronten zu bearbeiten. Den kichernden Gackerklumpen der überhaupt nicht süßen Mädchen und zwei sich stets rangelnde Jungen, die sich unter irgendeinem Tisch balgten.
Kurzum das erste halbe Jahr in dieser Gruppe war keine große Freude.

Heute: Die Gruppe besteht derzeit nur aus Mädels, davon sind etwa die Hälfte noch aus der Startphase dabei. Die anderen sind dazugekommen. Wir sind gerade mit unserem Theatertraining fertig und wollen mit der Abschlussrunde beginnen. Es klopft, herein kommt Dominik. Alle Mädels kreischen (das ist ihnen nicht abzugewöhnen) und rennen ihm entgegen. Jede einzelne wird von ihm umarmt und begrüßt - vor meinem inneren Auge schwenken sie Palmwedel und reichen ihm große Silbertabletts mit frischem Obst. Dominik hat LRS und kann wegen einer verpflichtenden Teilnahme an einer Schreibwerkstatt, welche zeitlich parallel zur Theater AG stattfindet nicht mehr dabei sein. So oft er kann, nimmt er jedoch ein Bad in der Menge der ihn anhimmelnden Mädchen. Auch ich kann mich seinem Charme nicht entziehen und ertappe mich, Mails an die Schulleitung verfassend, wie ich mir meinen Jungen zurück in die Theater AG lotse.

Die Verhandlungen verlaufen zu meinen Gunsten und ich verkünde in der folgenden Woche, dass ab dem kommenden Halbjahr Dominik wieder offiziell mitspielen darf. Die träge Stimmung meiner pubertierenden Mädchenbande kippt schlagartig, er wird gehopst, gekichert und Automaten-Suppe ergießt sich auf den Teppich. Das neue Stück wird "Romeo & Julia" sein - ich entschied es kommt ein Shakespeare, aber welcher wurde demokratisch von der Gruppe gewählt. Nun habe ich den Salat und muss eine todtraurige Schmachterei mit 13-jährigen Mädchen beackern. Alle sind hochmotoviert und nach 2 Stunden Film mit Leonardo DiCaprio sitzen meine Schnuffis tränenüberströmt auf ihren kantigen Schulstühlen: "Er ist sooo hübsch", schluchzt Hanni. Woraufhin von hinten eine Stimme sagt: " Wer? Ich? Danke, Danke das wäre ja aber nicht nötig gewesen." Dominik hat sich reingeschlichen und verteilt nun Zewas von der Rolle, welche ich geistesgegenwärtig aus Lehrerzimmer habe mitgehen lassen. Hach...

verfasst von Lu Reichel am 01. Feb. 2014