Hej Ho Hacke - Wildschweinattacke

Hej Ho Hacke - Wildschweinattacke

Hej Ho Hacke - Wildschweinattacke

Lange habe ich überlegt, was ist denn einer der ganz speziellen Momente meiner bisherigen theaterpädagogischen Tätigkeiten war.
Ich wollte einen Artikel schreiben, wo ich was ganz Tolles gemacht habe. Wo ich mir kräftig auf die Schulter klopfe und sage: Ja Mensch, da hab ich aber was Irres fabriziert!

Und mir sind schon Sachen eingefallen, auf die ich irgendwie stolz bin, aber entweder habe ich auf diesem Portal bereits davon berichtet (Supergirls, Kleistis) oder es wären Geschichten, die zwar inteessant sind, mich aber eigentlich nicht mehr so berühren, als dass ich sie als Herzensmomente bezeichnen würde.

Schlussendlich ist mir in einem abschließenden Gespräch mit einer Lehrerin, die mit ihrer 3. Klasse an einem 9-wöchigen Theaterprojekt teilgenommen hat, ganz plötzlich ein Moment eingefallen, den es zu beschreiben gilt. Und mir war umgehen ganz klar, dass es in meinem Herzens-Artikel auch genau darum gehen muss. Aber lest selbst.

Die Klasse der besagten Lehrerin, war eine von vier Grundschul-Gruppen, mit der ich und ein Musiker-Kollege über neun Wochen zum Thema „Ronja Räubertocher" arbeiteten. Drei Klassen waren an einer Grundschule in Stuttgart, eine in Rutesheim. Die besagte Gruppe gehörte zur Schule in Stuttgart. Das ganze war ein Kooperationsprojekt mit dem Staatstheater Stuttgart, welchen in den Tagen mit „Ronja Räubertochter" Premiere hatten (Infos zur Kooperation: impuls).

Mit drei Klassen lief es echt gut. Die Konzepte gingen auf. Die Kids schienen Spaß zu haben und wir brachten weitestgehend schöne Ergebnisse zustande.
Doch eine Klasse nervte mich ziemlich doll (Anm.: Dabei handelt es sich nicht um die Kinder auf dem Foto oben! :) ) Natürlich war es nicht die ganze Klasse. Es waren die Sorte „freche Jungs", die wohl jede Klasse haben muss. Aber in der Gruppe empfand ich die „frechen Jungs" störender als in anderen Gruppen. Sie kommentierten alles, prügelte sich ständig und pöbelten rum. In diese Klasse zu gehen war mir keine so große Freude (obwohl der Rest der Gruppe voll nett war). Nach vier Stunden war meine Stimme im Eimer vom nicht aufhörenden Ermahnen.
Natürlich waren die Rüpel auch keine totalen Monster. Einzeln waren sie voll in Ordnung. Ich habe die nicht ohne Wenn und Aber schlecht gefunden. Aber in der Gruppe haben sie einfach genervt.

Nun stand am Ende des Projektes eine kleine Vorstellung an. Es sollte nichts Besonderes werden, aber sobald Zuschauer anwesend sind, haben ja alle Beteiligten einen gewissen Ehrgeiz, etwas Ansehnliches auf die Bühne zu bringen.
Da drei Klassen an der selben Schule waren, stand irgendwie im Raum, die Aufführung mit allen Gruppen zusammen zu machen. Ich weiß nicht, wie ich diese Idee jemals vertreten konnte, aber anscheinend war dem so.

Also fand ich mich wieder in einer Turnhalle mit ungelogen 60 Kindern, die alle zu Räuber wurden.
Am Vormittag des Tages an dem die Vorstellung für die Eltern stattfinden sollte, hatten wir unsere erste und letzte gemeinsame Probe mit den Klassen zusammen.
Die verschiedenen Elemente wurden parallel geprobt und nun an diesem Vormittag zusammengeführt.

60 Kinder, alle total aufgeregt. Alle zum ersten Mal in ihrem Räuberkostüm, alle zum ersten Mal mit den anderen Mitspielern auf einer Bühne.
Und dann meine Stimme, gegen diese Masse.

Es war anstrengend. Mir fallen kaum andere Wörter dazu ein.
Eine Ewigkeit verging, bis wir einen Durchlauf gemacht hatten. Unser zweite Durchlauf war bereits die Generalprobe mit Test-Publikum (Kinder aus den unteren Klassen).
Diese Generalprobe, war wie sie vermutlich sein musste: Eine Katastrophe.
Die Kinder fingen, wenn sie nicht dran waren, an zu schwätzen, sodass man die eigentliche Szene gar nicht mehr verstand. Keiner konnte sich den Ablauf merken. Und als sie sich gegenseitig Farbe ins Gesicht schmieren durften, dachte ich alles sei zu spät.
Die Klassenlehrerin einer Klasse munterte mich auf: „Du wirst sehen! Bei der Vorstellung wird es total super!" - im Nachhinein gestand sie mir, sie wäre am liebsten nicht zur Aufführung gekommen.

Dann die Aufführung - die Turnhalle war mit den Eltern der Räuberlinge rappel voll. Die Kids saßen auf ihren Positionen. Ich war angespannt ohne Ende. Nach außen hin natürlich total optimistisch.

Die ersten Minuten vergingen, da schlich sich eben genannte Lehrerin zu mir: „Siehste, die machen es doch super!"
Und da merkte ich erst: Stimmt! Sie machten es wirklich super. Die Kinder auf der Bühne waren die Unschuldslämmer schlechthin. Alle schienen zu wissen, was zu tun ist. Sie zogen die Show von vorne bis hinten ohne nennenswerten Probleme durch.
Gut, zwischendurch ist das Deckenlicht angegangen, weil sich irgendein Papi versehentlich gegen gelehnt hatte. Aber auch das brachte die Räuber nicht raus.

Ich war sehr stolz auf die Rasselbande. Ich musste sie alle ganz herzlich danach drücken. Und war total froh.
Nach einem Umtrunk verließ ich die Schule mit einem absolut wohligem Gefühl! Ich war sehr froh über meinen Job.
Ich wusste, so schlimm manchmal die Gruppen auch sind, und wie nervig manche Teilnehmer (sei es Kinder, Jugendliche oder Erwachsene) auch sein mögen: Am Ende habe ich sie alle ganz aufrichtig lieb - einschließlich die frechen Bengel!

Wenn man diesen Prozess durchgezogen hat und am Ende gemeinsam eine Präsentation über die Bühne bringt, sich alle Mühe gegeben haben... dann ist alles vergeben und vergessen.

Am Ende weiß man, wofür man das alles getan hat.
Und dafür liebe ich meinen Beruf.

Yeah!


Fotos: Ina Schröder

verfasst von Julika Tulipa am 31. Jan. 2014