Kann Theater heilen? - Ein Erfahrungsbericht von Clarissa Scheve

Kann Theater heilen? - Ein Erfahrungsbericht von Clarissa Scheve

Kann Theater heilen? - Ein Erfahrungsbericht von Clarissa Scheve

Damals, als ich noch jünger war, habe ich das Theaterspielen in der Schule für mich entdeckt. Ich war begeistert. Es war neu, aufregend und irgendwie war die Stimmung immer ein bisschen kribbelig.

Heute begeistert mich das Theater nach wie vor und so habe ich es zu meinem Beruf gemacht. Ich bin Theaterpädagogin und selbstständig und auf der Suche. Wonach? Ich suche nach den Möglichkeiten, die das Theater bereit hält. Denn es kann ja so viel mehr als nur Spaß machen, z.B. heilen. Oder? Na ja, wer weiß das schon?!

Für einen ganz bestimmten Teilbereich wollte ich das gerne herausfinden. Und zwar wollte ich wissen, ob eine theatrale Arbeit ein Mittel bei der Behandlung von Essstörungen sein kann. Deshalb habe ich in meiner Bachelorarbeit dazu geforscht und auch zwei eigene Projekte in diesem Bereich durchgeführt.

Wie alles begann

Da ich mehr der praktische Typ bin, wollte ich für meine BA-Arbeit nicht nur Bücher lesen und Interviews führen, sondern auch eigene Erfahrungen sammeln. Deshalb schrieb ich ein Konzept für theaterpädagogische Einheiten mit essgestörten Patienten und schickte es sowohl an Kliniken als auch an betreute Wohngemeinschaften, in denen Frauen mit Essstörungen zusammenleben.

Nach einer langen Phase der Antragstellung und vielen, vielen Ablehnungen, bekam ich schließlich zwei Zusagen: zum einen von der Kinder- und Jugendpsychiatrie (im Folgenden KJP) des Universitätsklinikums in Münster und zum anderen von einer betreuten Wohngemeinschaft (im Folgenden WG). Meine Arbeit konnte also beginnen.

Die Gruppen

In der KJP arbeitete ich in der Regel mit einer Gruppe von ca. 10 Mädchen und jungen Frauen im Alter von 12 bis 18 Jahren. Obwohl ich auf der Station für Essstörungen war, hatte ich es auch mit anderen Störungsbildern wie bspw. dem Borderline-Syndrom zu tun. Ich arbeitete mit den Patienten einmal in der Woche für 60 Minuten über einen Zeitraum von ca. 3 Monaten. Die Teilnahme war obligatorisch, da mir von Seiten der Pfleger prophezeit wurde, dass andernfalls niemand kommen würde. Nach der theaterpädagogischen Einheit, bei der ich immer mit den Teilnehmern (im Folgenden TN) alleine war, hatte ich die Möglichkeit, das Erlebte mit der Kunst- und Theatertherapeutin vor Ort zu besprechen.

Die Gruppe in der WG unterschied sich in vielerlei Hinsicht von der in der KJP. Sie war mit zunächst vier und später dann drei TN deutlich kleiner. Außerdem war die Gruppe deutlich homogener. Die TN waren junge Erwachsene zwischen 18 und 24 Jahren. Außerdem nahmen sie freiwillig an den Proben teil. Wir trafen uns einmal in der Woche, 2 bis 3 Stunden über einen Zeitraum von 3 Monaten.

(Fast) Aller Anfang ist schwer

In der KJP stieß ich in der ersten Stunde auf massiven Widerstand. Den TN war alles unfassbar peinlich und sie hätten sich am liebsten in der hintersten Ecke des Raumes versteckt. Die Übung „jeder sagt seinen Namen und macht eine Bewegung dazu“ wurde zu einer sehr qualvollen und zähen Angelegenheit. Die TN warfen mir Blicke zu, als hätte ich wer weiß was von ihnen verlangt. Der anschließende Raumlauf, bei dem die TN möglichst immer so im Raum verteilt sein sollten, dass keine großen Lücken zu sehen waren, funktionierte auch nicht. Ich würde diese Stunde einfach mal als ganz große Katastrophe verbuchen. Ich hätte danach am liebsten alles hingeschmissen. Ich war frustriert und hatte keine Lust, mit Menschen zu arbeiten, die alles ablehnten, was ich ihnen anbot, ohne es ausprobiert zu haben.

Aber wenn ich eines bei diesem Projekt gelernt habe, dann ist es die Tatsache, dass Durchhalten oftmals belohnt wird. So zumindest in meinem Fall. Ich kann hier schon einmal vorwegnehmen, dass es von Stunde zu Stunde besser wurde und die TN am Ende sogar eine Weihnachtsgeschichte aufgeführt haben.

In der WG herrschte von Beginn an eine gute Arbeitsatmosphäre und mir standen vier wissbegierige junge Frauen gegenüber. Hier gab es lediglich Probleme durch äußere Faktoren, da wir anfänglich in einem Raum der WG probten, dieser war aber erstens zu klein und zweites wollte ich das Ganze nicht so dicht an deren „Zu hause“ haben. Ich glaube, dass ein ganz anderes Arbeiten möglich ist, wenn man in einem anderen Umfeld als dem Gewohnten ist.

Die Inszenierungen

In der KJP hatte ich eigentlich gar nicht vorgehabt, eine Aufführung zu machen. Da mich aber zwei Patientinnen am Ende einer Stunde ansprachen und fragten, ob wir nicht einen Sketch oder eine kleine Geschichte für die Weihnachtsfeier einstudieren könnten, weil jede Station etwas aufführen musste, freute ich mich, da es natürlich toll ist, wenn der Wunsch aus der Gruppe kommt. Ich dachte mir daraufhin eine Geschichte aus, in die ich alles hineinpackte, was wir erarbeitet hatten. Und nun, plötzlich, waren die TN hoch motiviert. Schließlich wollten sie sich auf der Weihnachtsfeier nicht blamieren. Es wurde nun konzentriert geprobt, sie überlegten selbstständig, was sie bei dem Auftritt anziehen könnten, halfen sich gegenseitig mit T-Shirts etc. aus und wählten die passende Musik für das Stück. Ein Mädchen, welches bei der Weihnachtsfeier schon entlassen sein würde, holte ich mit in die Regie und immer, wenn ich sie fragte, wie ihr das Ganze gefiel, erzählte sie wie schön das alles aussähe. Die Mädchen auf der Bühne spornte das natürlich an.

Die TN brachten auf der Station den Ablauf des Stückes sogar einer neuen Patientin bei, damit sie auch mit auf die Bühne konnte. Das sei das größte Kompliment, dass die Patienten mir hätten machen können, meinte ein Pfleger der Station im Anschluss zu mir.

Auch in der WG gab es einen Motivationsschub, als ich mit einer konkreten Stückidee auftauchte.

Das Resultat unserer Arbeit war hier eine Art Lebenslauf. Die TN spielten zunächst Kinder, dann Jugendliche, Erwachsene und zum Schluss alte Menschen. Einige Texte, die im Laufe der Arbeit entstanden waren, passten unheimlich gut zu den verschiedenen Altersstufen. Und der Rest wurde durch viel Körpereinsatz (bewegungstheatral) verdeutlicht. Ein ständiger Begleiter in allen Szenen, also eine Art roter Faden, war ein Regenschirm. Dieser hatte sich bei einer Übung herauskristallisiert.

Ich habe es also geschafft, beide Gruppen bis zu einer Aufführung zu führen. Im Nachhinein denke ich, dass die Aufführung für die TN unheimlich bereichernd waren. Es wäre reichlich dumm von mir gewesen, wenn ich mit der KJP keine Aufführung gemacht hätte. Dadurch, dass meine TN auf der Bühne standen, angeguckt wurden, Applaus und unheimlich viel Lob bekommen haben, fühlten sie sich wahrgenommen und wichtig. Aus eigenen Erfahrungen weiß ich, dass dieses Gefühl einen noch lange danach positiv stimmen kann.

Dies war jedoch bei weitem nicht die einzige Erkenntnis, die ich aus den Projekten mitnehme. Eine der wichtigsten möchte ich in denfolgenden Abschnitt vorstellen.

Ritualisierung / Wiederholung

Ich habe bemerkt, dass sich Wiederholungen positiv bemerkbar machen, und dass es sinnvoll sein kann, auch Übungen zu wiederholen, die zu Beginn überhaupt nicht funktionieren.

Ein Ziele meiner Arbeit war es z.B., dass meine TN erkennen sollten, dass wir nicht immer Worte brauchen, um uns auszudrücken, dass unser Körper ein Kommunikationsmittel ist, mit dem wir permanent kommunizieren, ob wir wollen oder nicht. Eine hinführende Übung zu dieser Erkenntnis kam aus der Kategorie „Standbilder bauen“. Die Aufgabe war es, erst einmal ganz normal durch den Raum zu gehen, um es im Folgenden auf gelangweilte, fröhliche, traurige oder ängstliche Weise zu tun. Zwischendurch klatschte ich immer in die Hände, was das Zeichen für einen Freeze war. Der Freeze sollte dazu dienen, den TN die Veränderungen der Körperhaltung bewusst zu machen. Allerdings hatte sich diese bei meinen TN überhaupt nicht verändert. Sie schafften es zu diesem Zeitpunkt einfach noch nicht, aus sich herauszukommen, um eine andere Haltung als die gewohnte anzunehmen.

Obwohl diese Übung nicht funktionierte, beschloss ich, sie in der nächsten Stunde zu wiederholen - diesmal allerdings mit einer Art Hilfestellung. Ich brachte Fotos mit, auf denen Menschen in extremen Posen zu sehen waren: z.B. Sportler beim Start eines Sprints, Sieger mit Medaillen in der Hand, streitende Kinder, Männer mit Aktenkoffern, Flamencotänzerinnen usw. Die TN hatten nun die Aufgabe, sich genauso hinzustellen wie die Person auf dem Foto. Das klappte sehr gut, sie hatten sogar Spaß daran. Nun wiederholte ich die ursprüngliche Übung. Wieder sollten die TN wie ein trauriger, ein freudiger oder ein gelangweilter Mensch durch den Raum gehen und immer, wenn ich klatschte, einfrieren. Und siehe da, es funktionierte. Diesmal hatten sich ihre Haltungen sichtbar verändert. Die Wiederholung und der Umweg über die Fotos hatte sich also gelohnt.

Aber das ist nicht das einzige Beispiel. Auch in folgender Situation bemerkte ich den Sinn von Wiederholungen.

Um an Texte zu gelangen, mit denen ich evtl. weiter arbeiten könnte, machte ich direkt in der ersten Stunde eine Übung aus der Kategorie „Kreatives Schreiben“. Das funktionierte ziemlich gut - so gut, dass ich beschloss, ein Ritual daraus zu machen und nun jede Stunde mit einer solchen Übung ausklingen ließ.

Alle schrieben gerne, nur Linda* nicht. Sie nahm sich zwar auch jedes Mal ein Blatt und einen Stift, aber sie schrieb nicht. Ich fragte bei den Pflegern nach, ob es sein könne, dass sie vielleicht gar nicht schreiben kann. Dem war aber nicht so. Und als ich mich nach ein paar Wochen schon daran gewöhnt hatte, dass sie eben nicht mitschrieb, schrieb sie dann doch. Was war passiert?

An diesem Tag hatte ich auf Wunsch der andern TN eine Übung wiederholte, die ich bereits gemacht hatte. Den sogenannten Umklappdialog. Die TN sitzen dazu im Kreis und schreiben alle eine Frage auf ihr Blatt. Dann wird es nach links weiter gegeben. Jeder schreibt nun eine Antwort darunter und klappt die Frage weg, sodass der nächste nur die Antwort lesen kann. Zu dieser Antwort überlegt man sich nun wieder eine Frage, klappt die Antwort weg und so geht es immer weiter, bis das Blatt voll ist. Dann faltet man das Blatt auseinander und liest den Dialog vor. Ergebnis sind oftmals sehr bemerkenswerte, teilweise natürlich auch sehr absurde Texte. Eine Art Gemeinschaftswerk, die kein Mensch allein in dieser Weise schreiben könnte.

Ein Beispieltext: Ein Umklappdialog aus der KJP

Wieso gibt es gelbe Dreiecksschilder mit Blitzen drauf?

Das ist irgendeine Warnung.

Denkst du, sie haben einen Sinn?

Kommt drauf an, wovon du sprichst.

Na von wahrer Freundschaft.

Ist das wirklich alles Freundschaft?

Ich weiß nicht, du wirst von vielen Menschen verarscht.

Aber... woher soll man denn wissen, wem man trauen kann?

Das weiß man niemals!

Was?

Wie was?! Nichts!

Vielleicht doch irgendwo verborgen.

Aber wie kann man sie finden? Wo soll ich danach suchen?

Lass sie zu dir kommen!

Und was, wenn sie nicht kommen?

Dann eben nicht, Pech gehabt!

Wie gesagt, diese Übung hatte ich bereits in der Vorwoche mit den TN gemacht, von daher hatte ich eigentlich eine andere Übung in petto. Ich ließ mich aber schließlich überreden und wurde belohnt, indem Linda mitschrieb. Vielleicht hatte sie durch die Wiederholung der exakt gleichen Übung eine andere Sicherheit. Sie kannte diese von Anfang bis Ende und wusste, dass sie ganz harmlos war. Vielleicht merkte sie aber auch durch den Wunsch der anderen TN, dass die Übung scheinbar großen Spaß machte und evtl. wollte sie sich auch ganz einfach diesen Spaß nicht entgehen lassen.

Man sieht also: Wiederholung sind zum einen sinnvoll, weil dadurch Übungen, die am Anfang nicht funktioniert haben, besser werden oder - wie das Extrembeispiel mit Linda zeigt - Wiederholungen können Sicherheit geben und somit wird auch zurückhaltenden TN ein Mitmachen ermöglichen.

Ich könnte noch viele weitere Erfahrungen und Erkenntnisse schildern. Aber vielleicht soll das hier an dieser Stelle erst einmal reichen. Welche Frage mich natürlich permanent begleitete ist natürlich die Hauptfrage meiner Bachelorarbeit und zwar: Kann denn nun Theaterspielen bei der Behandlung von Essstörungen helfen? Und da muss ich sagen, dass ich das nicht eindeutig sagen kann.

Was ich aber glaube, mit Überzeugung sagen zu können, ist: Eine theatrale Arbeit schadet bei der Behandlung nicht. Aber ich habe nicht endgültig herausfinden können, ob sie für eine Behandlung sinnvoll und bereichernd ist. Was bei meiner Arbeit auf jeden Fall gefehlt hat, sind Gespräche mit Therapeuten, die die Patienten vor, während und nach meiner Arbeit erlebt haben und die mir evtl. hätten darüber Auskunft geben könne, ob meine Arbeit hilfreich war.

Allerdings habe ich an die TN der WG Fragebögen verteilt, die sie mir beantwortet haben, und denen ich entnehmen kann, dass alle drei die Arbeit positiv bewerten und der Meinung sind, viel gelernt zu haben. Die Erkenntnisse der TN reichen von „dass es gut tun kann, sich mal gehen zu lassen“ über „dass es Spaß machen kann sich auf der Bühne zu präsentieren“, weil sie sich dadurch wichtig gefühlt haben bis hin zu der Einsicht, welch zentralen Punkt der Körper im Theater einnimmt. Diese und weitere Aussagen lassen darauf schließen, dass das Projekt auf jeden Fall effektiv und positiv wirksam war. So ist abschließend zu sagen: Ob die theatrale Arbeit nun für die Behandlung von Essstörungen bereichernd sein kann, vermag ich nicht mit Sicherheit zu sagen. Allerdings lassen die gemachten Erfahrungen dies vermuten.

Bei weiterem Interesse sei an dieser Stelle auf das in Kürze erscheinende Buch "Wenn Theater heilen will... Theaterpädagogik in klinischen und therapeutischen Kontexten" verwiesen. In diesem werden neben meiner Bachelorarbeit noch zwei weitere ausgesprochen interessante BA-Arbeiten zu lesen sein. Theater in der Sprachtherapie“ von Silke Wilhelm und „Theaterpädagogische Methoden in der professionellen Kinderkrankenpflege“von Rahel Kurpat.

Ich danke euch für euer Interesse und stehe hier für weitere Fragen gerne zur Verfügung.

verfasst von Clarissa Scheve am 31. Mar. 2014