Lachen hilft Heilen

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Lachen hilft Heilen

Studierende der Theaterpädagogik der Hochschule Osnabrück erforschen die Möglichkeiten der Theaterpädagogik im Krankenhaus-Alltag

Die Raumfahrer verlassen ihr Raumschiff. Die Besatzung hat eine lange Reise hinter sich, als sie den unbekannten und unerforschten Planeten betritt. Mittlerweile hat die Besatzung die ersten Schritte auf dem fremden Boden hinter sich und macht sich nun vorsichtig auf den Weg, den Planet zu erforschen. Der Expeditionsleiter geht vor, der bewaffnete Aufpasser sichert das Ende, der Bordbiologe nimmt Proben.

Das klingt nach einem Science-Fiction-Film? Nein, all das spielt sich in der Kinderklinik des St. Bonifatius Hospitals in Lingen/Ems ab. Übrigens: der Expeditionsleiter sitzt im Rollstuhl und der Biologe sammelt die Proben in einer Tasche an seinem Infusionsständer, aber für die Raumfahrer spielt das keine Rolle.

Während sie sich nun auf die Suche nach den komischen weißen Außerirdischen machen, von denen sie schon so viel gehört haben ist, ist das Programm einige Etagen tiefer in der Geriatrischen Tagespflege schon fast zu Ende. Dort wurde heute ebenfalls gemeinsam eine Geschichte erfunden, hier jedoch im Sitzen: hier geht es um ein junges Mädchen, das in ihrem neuen Kleid tanzen gehen möchte. Die Augen der alten Dame leuchten, als sie das Kleid in allen Details beschreibt: es ist blasslila, der Rock schwingt, das Oberteil mit Pailletten besetzt. Das Mädchen hat sie selbst drauf genäht. Eine andere Dame erzählt die Geschichte weiter: das Mädchen trifft einen netten Verehrer, es wird getanzt. Auf dem Rückweg bleibt es mit dem Kleid in einem Dornenbusch hängen und reißt ein Loch in den Stoff. Was wird der Vater sagen?Die Dame vom Anfang unterbricht: „Herbert! Du bist dran! Spiel den Vater!“. Der alte Herr mit leichten dementen Zügen schrickt auf, will erst nichts sagen, muss dann jedoch lächeln und sagt: „Mädchen, was ist passiert? Was ist mit deinem Kleid?“.

Das Projekt

Seit über vier Jahren sind die angehenden Theaterpädagogen nun schon fester Bestandteil der Kinder- und Jugendklinik St. Bonifatius in Lingen (Ems) und seit fast einem Jahr auch in der Geriatrischen Tagespflege.Zu Kinderlachen hilft Heilen kam Lachfalten helfen Heilen hinzu.

Zurzeit sind es 16 Studierende, die die Möglichkeiten theaterpädagogischeMethoden im Krankenhaus-Alltag einzusetzen und zu integrieren erforschen.

Von Anfang an bin ich im Team, seit einem Jahr begleite und koordiniere ich das Projekt als an der Hochschule angestellte Theaterpädagogin (B.A.) und kann beobachten, wie es weiter und weiter wächst und immer mehr Studierende, Kinder, Senioren und Krankenhausangestellte begeistert.

Lachen hilft Heilen will nicht nur eine kurze Aufheiterung bringen, sondern verfolgt folgende Ziele:

-Aktivierung (Körperliche und geistige Aktivierung während und nach der Krankheit)

-Humor (Humor hat einen positiven Einfluss auf den Heilungsverlauf und auf das subjektive Empfinden während des Krankenhausaufenthaltes.)

-Kommunikation & Kontakte (Patienten werden miteinander in Kontakt gebracht und beginnen ihre ähnlichen Lebenssituationen miteinander zu teilen.)

Theater im Krankenhaus?

Theater und theaterpädagogische Methoden ermöglichen den Patienten die Realität für einen Moment zu verlassen und in eine Welt abzutauchen, die sie sich bauen und wo sie bestimmen dürfen. So können sie das Krankenhaus und ihren kranken Körper verlassen und können das und dort sein, was und wo sie wollen. Ob dies nun eine Welt der Vergangenheit, der Zukunft oder komplett imaginiert ist, bleibt den Patienten überlassen.

Sie haben die Möglichkeit für einen Moment Urlaub von ihrem Leben zu machen, ausgelassen und sorgenfrei zu sein und das gibt ihnen die Kraft eine neue Etappe der Krankheit zu schaffen.

Bei kranken Menschen liegt der der Fokus natürlich auf der Genesung des Körpers, aber mittlerweile ist klar, dass auch das psychische Wohlbefinden der Patienten nicht außer Acht gelassen werden darf.

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Unsere Methoden

In der Kinderklinik ist es besonders beliebt, Geschichten (wie zu Anfang des Artikels) selber zu erfinden, unterschiedliche Rollen anzunehmen und zu spielen. Auch Clowns und Luftballonkünstler werden gern gesehen. Die angehenden Theaterpädagogen bedienen sie sich bei ihren Einheiten nicht nur der Methoden der Theater-, Zirkus-, Spiel- und Clownspädagogik, sondern verbinden diese auch untereinander und mit Erzähl- und Basteltheater.

Nils Flachmeier (Studierender der Theaterpädagogik, 6. Semester) war 2 ½ Jahren auf der Kinderstation aktiv und berichtet von seiner Arbeit folgendes: „Selbst kleine Spielmomente beim Erzählen einer Geschichte können Momente mit großer Wirkung erzeugen. Die häufig große Alterspanne zwischen den Patienten ist einerseits eine Herausforderung, gibt mir aber andererseits auch die Möglichkeit, den Kern einer Darstellung zu finden, also eine Sprache, die sowohl Dreijährige, als auch Zehnjährige sprechen.“

In der Geriatrischen Tagespflege werden die Geschichten im Sitzen erfunden, trotzdem trauen sich manche Senioren auch mal andere Rollen anzunehmen. Assoziations- und Pantomimenspiele regen den Kopf und den Körper an. Alle Übungen und Spiele zielen auch darauf hin, dass sich die Senioren erinnern und diese Erinnerungen auch teilen.

Was es auf beiden Stationen gibt, ist der Raum zum Erzählen. Ein Großteil der Patienten hat einen großen Bedarf zu erzählen: die momentane Situation, die Vergangenheit, die Zukunft. Wir nehmen uns Zeit dafür.

Wie bereichernd diese Offenheit für beide Seiten ist, zeigt das Statement von Magdalena Reuter (Studierende der Theaterpädagogik, 2. Semester): „Für mich ist es eine schöne Art des Generationenaustausches. Ich schenke den älteren Damen und Herren etwas von meiner Zeit und bekomme dafür Geschichten aus ihrem Leben zurück.“

Nutzen für die Studierenden

Für die Studierenden in dieses Projekt optimal: Praxiserfahrung mit sozialem Hintergrund:

„Mit dem Start meines Studiums stieg ich gleich in das Projekt mit ein. Ich verdanke ihm eine kontinuierliche Praxis und ein freies Arbeiten in meinem Sinne. Hier habe ich meine Schwächen und Stärken entdeckt und kann mich ständig verbessern und ausprobieren. Da wir zu zweit auf die Stationen gehen, lernt man auch wunderbar die Teamfähigkeit und tauscht sich aus.“ (Jolanda, Studierende der Theaterpädagogik, 4. Semester)

Auf der Kinderstation ist es wieder ruhiger geworden. Ein paar Kinder befinden sich immer noch mitten im Spiel in fremden Welten. Sie haben dort Freunde und Ablenkung gefunden. Warum sollten sie also zurück aufs Zimmer? Das Theaterpädagogen-Team hat noch eine Runde durch die Krankenzimmer gemacht, zu den Kindern, die nicht aufstehen dürfen. Auch dort gab es ein kurzes Spiel, einen Luftballonhund oder ein paar Zaubertricks.

Die Patienten der Geriatrischen Tagesklinik machen sich langsam auf den Weg zu den Taxen, die sie nach Hause bringen, noch völlig in Gedanken an eigene Paillettenkleider oder an die Zeit als man noch als Maurer arbeitete. Die Pantomime-Übung hat die Erinnerung zurückgebracht und die Freude über die Faszination der jungen Studierenden über die akkuraten Bewegungen ist sehr groß, wie das Strahlen auf dem Gesicht den alten Mannes verlauten lässt.

„So kritisch die Menschen uns und die Übungen Anfangs beäugen, so schnell kann es auch geschehen, dass sie in eine Euphorie und Freude geraten, wobei lauthals gelacht wird und wir immer wieder in dankbare und fröhliche Gesichter schauen." (Jolanda,Studierende der Theaterpädagogik, 4. Semester)

verfasst von Rahel Kurpat am 20. Mar. 2014