Liebe im Wandel der Zeit

Liebe im Wandel der Zeit

Liebe im Wandel der Zeit

TOP fragt: Hallo Jana, schön dass du dich bereit erklärt hast, über dein Projekt "Liebe im Wandel der Zeit" zu berichten. Vielleicht kannst du dich kurz vorstellen?

Ich bin Jana, Theaterpädagogin, studiert hab ich in Lingen. Meine Lieblingszielgruppen in der theaterpädagogischen Arbeit sind generationenübergreifende Gruppen.
Um einen Bachelor of Arts in Theaterpädagogik zubekommen, habe ich mich im Februar 2013 in meiner Bachelorarbeit mit der Thematik Generationentheater auseinandergesetzt.

TOP fragt: Wie kam es zur Idee generationsübergreifendes Theater zu machen?

Zum einen durch meine eigene, langjährige positive und bereichernde Erfahrung als Spielerin in einer Mehrgenerationentheatergruppe. Als Theaterpädagogin wollte ich meinen Teilnehmern die Möglichkeit geben, ähnliche positive Erfahrungen mit Theater und Mehrgenerationenarbeit zu machen - ähnlich wie ich sie gemacht habe.
Zum anderen interessierte mich die intergenerative Auseinandersetzung mit dem Thema „Liebe“ viel mehr, als die thematische Auseinandersetzung mit einer altershomogenen Gruppe.

TOP fragt: Wie kamst du zu diesem Thema und wie hast du Teilnehmer dafür gefunden?

Mich persönlich beschäftigten Fragen an die Liebe, die mit dem gesellschaftlichen Wandel der Zeit zusammenhängen. Zum Beispiel:
„Warum gibt es heute eigentlich so viele Singlebörsen im Internet?“
„Warum werden heute Senseo Kaffeemaschinen, Smarts, die alle für Singlehaushalte gedacht sind, produziert?“
„Wie waren die Partnerschaften eigentlich früher? Gab es überwiegend nur Zweckgemeinschaften? Und waren die Menschen früher in ihren Partnerschaften vielleicht sogar glücklicher?“

Bei mir entstand nach und nach immer mehr eine Frage, die mich interessierte: „Was hat sich in der Liebe über die Generationen alles verändert?“  Diese Thematik könnte ich am besten durch einen theatralen Austausch mit einer generationenübergreifenden Gruppe erarbeiten, dachte ich mir und das tat ich dann auch.

Ich startete zuallererst eine Kooperation mit dem Mehrgenerationenhaus in Lingen, welches sich sofort kooperativ zeigte, einen Probenraum bereitstellte und eine Anzeige für das Projekt an die Zeitung (Lingener Tagespost, EL Kurier) weitergab. Darüber gewann ich Teilnehmer. Außerdem machte ich Aushänge in Supermärkten, Cafés, Senioreneinrichtungen etc. und mein Telefon stand kaum noch still. Anfangs waren es 10 Teilnehmer, der Kern der Gruppe bestand dann später aus sieben Personen im Alter von 13- 72 Jahren.

Gleichzeitig war noch „Klinken putzen“ angesagt:  ich versuchte Fördergelder für das Projekt zu akquirieren, über Singlebörsen, Sanitätshäuser, Krankenkassen, etc…. Heraus kamen 100 Euro von der AOK Niedersachsen  und ein paar Sachspenden, sowie eine Lichtanlage und Plakatwerbung durch zwei nette Freunde, die mich bei dem Projekt und bei meinem Vorhaben unterstützten wollten. Den Rest haben wir durch Eintrittsgelder wieder  reingespielt. Besonders hilfreich war das Engagement meiner Teilnehmer, die sich alle wahnsinnig ins Zeug legten und aus persönlichem Material große Teile der Kostüme, Bühnenbilder und Requisiten beisteuerten.

 

TOP fragt: Und wie hast du es gemacht? Wie wurde aus deiner Idee das Produkt?

Für die Herangehensweise und die Stückentwicklung bin ich auf die Methode des Playbacktheaters gestoßen. Mir war es wichtig, dass die Teilnehmer über die Theatermethode in einen intensiven Generationenaustausch über das Thema Liebe und natürlich auch noch über das Thema hinaus, kommen. Daraus entstand dann die Konzeptidee, dass die Teilnehmer die wollen, persönliche Geschichten zum Thema Liebe einbringen und die Jüngeren, die Geschichten der Älteren spielen und die Älteren die Geschichten der Jüngeren auf die Bühne bringen. Diese Grundidee habe ich den Teilnehmern von Anfang an erzählt und sie konnten sich zwar nicht gleich vorstellen, wie das Ganze funktionieren sollte, aber sie waren offen und neugierig auf das Projekt und auf die Menschen und deren Geschichten. Bevor es aber an die persönlichen Geschichten ging, habe ich die verschiedenen Erwartungen und Wünsche der Teilnehmer abgefragt und die erste Zeit für die Ensemblebildung genutzt. Das beste Konzept und die beste Idee nützt einem nichts, wenn die Gruppe nicht zu einem Ensemble zusammen wächst und genau das auf der Bühne für den Zuschauer sichtbar ist. Besonders bei einer Mehrgenerationen-Gruppe ist eine gute Ensemblearbeit sehr wichtig, da dabei einfach so außergewöhnliche Begegnungen über das Theater entstehen können. Und ein starkes generationenübergreifendes Ensemble erzeugt bei dem Zuschauer einen wertvollen Schauwert. Deshalb habe ich in der Arbeit mein Augenmerk auf die Ensemblebildung gelegt.  

TOP fragt: Wie hat sich das Projekt entwickelt?

Also wie schon bereits beschrieben, habe ich anfangs viel Zeit für ensemblebildende Maßnahmen genutzt, was sich dann auch positiv ausgezahlt hat. Wir sind dann aber - damit verbunden - auch ziemlich schnell ins Thema eingestiegen. Ich gab den Teilnehmern folgende kreative Schreibaufträge wie „Wenn ich an Liebe vor 40 Jahren denke, denke ich an…“.  Das war für die jüngeren Teilnehmer bestimmt und die Älteren haben Texte geschrieben zu „Wenn ich an Liebe in der heutigen Zeit denke, denke ich an…“. Daraus entwickelten wir dann das Material für die erste gemeinsame Anfangsszene. An dieser Szene haben wir dann gemeinsam rumprobiert und rumentwickelt. Das war an unserem ersten Probenwochenende. Die Gruppe hatte sich sehr gut zusammengefunden und trotz der Anstrengung, die so ein Probenwochenende mit sich bringt, haben sich alle gut aufgefangen mit ihren persönlichen und altersbedingten Unterschieden und individuellen Belastungsgrenzen. Es wurde in den Pausen zusammen gegessen und geredet und jede/ r der/ die wollte, brachte sich ein. Alle waren sehr achtsam und aufmerksam im Umgang miteinander. Die jüngeren Teilnehmer waren sehr geduldig, wenn die Älteren mal länger brauchten und die Jüngeren haben wiederum von den Ratschlägen der Älteren und deren Lebenserfahrung profitiert.

TOP fragt: Gab es auch schwierige Situationen oder Probleme im Verlauf des Projekts?

Es war schwierig gute Aufwärmübungen zu finden, die all den unterschiedlichen körperlichen Belastbarkeiten der Teilnehmer in der Gruppe gerecht wurden. Als Spielleiterin musste ich extrem wach und aufmerksam sein und meine Antennen überall haben, weil die Bedürfnisse der Teilnehmer durch die verschiedenen Altersstrukturen manchmal sehr unterschiedlich waren. Dieser Balanceakt war hin und wieder anstrengend für mich.

TOP fragt: Kannst du dich an starke oder tolle Momente aus dem Probenprozess erinnern?

Da gab es ganz viele… also ein Moment war das Bild am Anfang der Aufführung, wo jeder Spieler individuell seine Körperteile ganz verliebt zur Musik bewegt hat. Das war besonders berührend und intensiv, weil man jeden Teilnehmer individuell für sich und mit seinen eigenen Bewegungsmöglichkeiten gesehen hat. Aber gleichzeitig war auch die Gruppe als Ganzes stark in ihrer Präsenz, das ist für mich ein besonders starker Moment gewesen.

Auch die Pausen waren gut, in denen die Teilnehmer sich über Gott und die Welt unterhielten. Die Jüngeren haben sich beispielsweise gegenseitig Ratschläge von den Älteren geholt. Schön war auch, dass alle einfach füreinander da waren und sich in ihren Eigenarten so gelassen haben. Es gab auch noch einen Moment am Anfang, in welchem zwei Teilnehmer erzählt haben, dass sie das Theaterprojekt als einzigen Kontaktpunkt haben. Und eine Teilnehmerin hat erzählt, wenn das Projekt vorbei wäre, wäre da nicht mehr viel an Kontakten nach außen - das fand ich sehr berührend. Es passierte auch, dass eine Teilnehmerin ihr ganzes Haus entrümpelt hat und alte Utensilien, Requisiten, Kostüme für das Stück mit einem großen Bulli mitbrachte und dann plötzlich für eine Szene eine alte, originale Marineuniform von ihrem Mann auspackte in der sie ihn auch damals kennengelernt hatte. Und die Reflektionen, in denen sich alle so viele tolle Sachen mit auf den Weg gaben. Es gab also viele sehr besondere Momente

TOP fragt: Wie sind denn die Vorstellungen verlaufen?

Die Vorstellungen waren alle proppenvoll. Der Aufführungsort war der große Saal im Kulturzentrum “Alter Schlachthof” in Lingen. Es entstand im Einlassbereich eine gemütliche Atmosphäre, die den Zuschauer sanft auf das Thema einstellen sollte: mit selbstgebastelter Deko und dem Bühnenbild, sowie einer kleinen thematischen Kunstausstellung von einer Keramikbildhauerin, die eine der Spielerinnen kannte und organisiert hatte. Und es gab ein Einlasskonzert von einer Teilnehmerin, die Liebeslieder auf der Mandoline spielte. Die Vorstellungen waren ein voller Erfolg. Die Teilnehmer und ich, wir waren mit dem Endergebnis sehr zufrieden. Bei beiden Aufführungen, besonders bei der Premiere ernteten die Teilnehmer tobenden Applaus. Eine Teilnehmerin meldete bei der Reflektion zurück: “Wie wir das bei der Premiere- wie wir das alles mit dem ganzen Drumherum dann doch gewuppt haben- da kribbelt´ s mir heute noch im Magen.“

TOP fragt: Was ist für dich das spannende am Mehrgenerationentheater und würdest du so ein Projekt wieder machen?

Das Tolle an Generationentheater ist für mich, dass durch diese Arbeit eine viel größere thematische Dichte entsteht, als wenn ein Thema von einer altershomogenen Gruppe bearbeitet wird. Außerdem ist es für mich besonders, dass alle Teilnehmer von den verschiedenen Erfahrungshorizonten profitieren. Die Älteren bringen Geschichten mit - das sind ganze Schätze, die genutzt werden wollen. Und die Jüngeren bringen wiederum eine ungebrochene Phantasie, Frische und viel Unbedarftheit mit, von welcher die Älteren sich anstecken und mitreißen lassen. Es ist einfach eine ganz eigene Energie, die in diesen Projekten steckt, woraus etwas Tolles für die Bühne entstehen kann. Ich würde auf jeden Fall jederzeit wieder ein Mehrgenerationentheaterprojekt machen.

TOP sagt: Dank an dich, Jana, für diesen tollen Beitrag. Wir wünschen dir alles Gute für die kommenden Projekte! Und tschüss!

 

verfasst von Jana Standop am 09. Dec. 2013