Partizipation 2.0. - Über die Möglichkeit des Scheiterns im theaterpädagogischen Prozess

Partizipation 2.0. - Über die Möglichkeit des Scheiterns im theaterpädagogischen Prozess

Partizipation 2.0. - Über die Möglichkeit des Scheiterns im theaterpädagogischen Prozess

oder„Warum zeigt mir keiner wie das geht?“

Einblicke in die Theaterarbeit mit Mädchen in der Pubertät
„Ich komme und Rette euch alle“:

Als ich im Oktober 2011 zum ersten mal auf die Gruppe von acht Mädchen stieß, mit denen ich die nächsten neun Monate arbeiten sollte, waren meinem Überschwang keine Grenzen gesetzt.
Ich war mir sicher, dass mir eine wunderbare Arbeit und neue künstlerische Wege bevorstanden.

Im Rahmen meiner Weiterbildung zur Spielleiterin (BuT) bekam ich die Möglichkeit, mein erstes theaterpädagogisches Projekt durchzuführen. Zu meiner Freude sollte es auch noch in einem Mädchenzentrum sein, was genau das war, was ich mir immer vorgestellt habe.
Die Mädchen waren alle im Alter von 11 – 16 Jahren, hatten einen Migrationshintergrund und kamen aus bildungsfernen und sozial schwachen Haushalten. Zudem war eines der Mädchen Autistin.

Ich saß zwar keineswegs fest im Sattel was meine Methodik betraf, aber ich erhoffte mir durch mein Schauspielstudium, welches ich bereits absolvierte, ein gewisses Grundwissen über die Gesetze der Bühne und das Verhalten von Spielern erlangt zu haben. Darüber hinaus wollte ich auch noch auf mein Bauchgefühl vertrauen.

Die ersten Proben waren volle Erfolge und ich konnte mir nicht vorstellen, dass es jemals anders werden würde. Die Mädchen waren begeistert und schöpften aus dem Vollen. Ich war überglücklich und erlaubte mir den Gedanken, dass ich bis hierhin alles richtig gemacht hatte.
Nachdem die ersten Wochen für Improvisationen genutzt wurden, sollte im Januar 2012 die Stückentwicklung starten.
Voller Tatendrang ging ich in die zweite Runde. Das Thema des Projekts war „Mobbing“ und die Arbeit sollte die Mädchen in ihrem Selbstbewusstsein stärken.

Und dann veränderte sich langsam die Grundhaltung der Teilnehmerinnen. Plötzlich wurden sie unpünktlich und stellten meine Autorität in Frage. Die Mädchen kamen in den seltensten Fällen vollständig zur Probe, sie interessierten sich nicht für meine Ideen und wenn eine Probe stattgefunden hat, dann meistens mit schlechter Laune und dem Wunsch nach einem baldigen Ende. Teilweise wurden die Proben auch während eine Szene gearbeitet wurde, verlassen.

Erste Gehversuche

Ich wollte bei den Mädchen nicht nur die Lust am Spielen wecken, was überraschender Weise auch gar nicht so schwer war, sondern auch den theaterpädagogischen Prozess als Bildungsweg verstanden wissen.

Also schrieb ich in Gedanken über mein Projekt: Theater spielen als Bildungsoption für Menschen, die nicht oft die Möglichkeit hatten sich in einem kreativen Prozess auszutoben. Mein Ziel war es den Teilnehmerinnen ein Bewusstsein für eine Gemeinsame Sache zu geben und die Partizipation eines jeden einzelnen Mädchens zu fördern.

Dies erwies sich aber schon allein aus dem folgenden Aspekt als keine leichte Aufgabe. Alle Mädchen befanden sich nämlich in der Pubertät und beschäftigten sich mehr mit der Frage: „Wer bin ich?“ als mit dem Gedanken an die gemeinsame Sache. Rebellion gegen die Gruppe und gegen mich und meine Ideen wurde lange Zeit als Hauptaufgabe der Theaterproben gesehen.
Um den Teilnehmerinnen Verantwortung zu übergeben, wies ich jedem zu Anfang individuelle Aufgaben zu. Ein Mädchen war für die Sauberkeit der Bühne zuständig, ein anderes für die Tanzchoreografie im Stück, wieder ein anderes hatte die Aufgabe, vor Beginn des Theaterunterrichts alle Mädchen anzurufen, damit wir vollständig starten könnten und das älteste Mädchen war meine Regieassistentin.

In ihrem Aufsatz „Probenwege. Wohin man gehen könnte“ beschreibt Dorothea Hilliger: „Alle Schüler müssen innerhalb eines Projektes eine Aufgabe erhalten,die ihre völlige Integration in die Probenarbeit und den Gruppenprozess ermöglicht.“ (Hilliger, Dorothea 2007, S. 72). Ich erhoffte mir dadurch, dass sich die Mädchen auf die Ausführung der Aufgaben der jeweils anderen hinweisen und sich bei Nichtausführung gegenseitig zurechtweisen würden.
Außerdem wollte ich den Mädchen das Gefühl vermitteln, dass wir alle gemeinsam an einer Sache arbeiteten. Jede Teilnehmerin war wichtig. So sollte ihnen klar werden, dass ein Theaterstück (und gemeinsame Vorhaben im allgemeinen) nicht von einer Person alleine gestemmt werden kann.
Dies führte in den Anfängen noch zu großen Erfolgen, nutze sich aber entgegen meiner Erwartungen über die Zeit wieder ab. Aus Aufgaben wurden Pflichten. Es entstand eine „Null Bock Haltung“ den eigenen Aufgabengebieten gegenüber.
Ich musste immer wieder darauf bestehen, dass die Absprachen eingehalten werden und die aktive Zeit, die wir zum Proben hatten wurde immer kürzer. Was, im Nachhinein betrachtet, wohl auf den folgenden Fakt zurückzuführen ist: keines der Mädchen war es gewohnt, Verantwortung zu übernehmen, weder zu Hause noch im Freundeskreis. Somit sahen die Mädchen diese Aufgaben irgendwann als Last und nicht als Motivation.

Ein weiterer Versuch, das Gruppengefühl zu bestärken, war das Mitspracherecht der Mädchen. Ich räumte Ihnen dies in allen Bereichen ein. „Partizipation heißt Übernahme von Verantwortung gegenüber der Gruppe, gegenüber dem Prozess, gegenüber dem Theaterstück. Die aktive
Beteiligung der Spieler an Entscheidungen ist essenziell für die Verantwortung, die sie gegenüber dem ästhetischen Prozess und dem ästhetischen Produkt, also dem Theaterstück einnehmen (können)
“ (Domkrowsky, Romy, 2009).

Meine Hoffnung war es, dass die Mädchen das Stück mehr zu ihrem Eigenen machten, wenn ich ihnen die Möglichkeit böte, viele Ideen mit einzubringen. Freiheit war gut, allerdings nur wenn sich die Spielleitung darüber im klaren war, in welche Richtung die Freiheit gehen sollte, d.h. trotz aller Möglichkeiten, die die Spielerinnen auf der Bühne hatten, musste ich den genauen Fahrplan im Blick haben.

Es fruchtete nichts von dem!

Alle Ideen und Möglichkeiten (hier sei nur ein Teil genannt), die Mädchen in den Probenprozess mit einzubeziehen waren fehlgeschlagen und ich stand regelmäßig in einem leeren Raum, weil niemand zur Probe erschien. Trotz vieler Gespräche mit der Gruppe, in denen ich versuchte zu erklären das sie alle wichtig waren für dieses Projekt, kamen sie meinem Wunsch nach Regelmäßigkeit nicht nach.

„Dann mach ich einfach nicht mehr mit, Frau Jana!“

Ich kam an den Punkt an dem ich merkte, dass ich gescheitert war. Alle Bücher die ich gelesen habe, halfen mir nicht weiter. Ich musste mir eingestehen, dass alle Versuche die ich unternommen habe, um ein Gruppengefühl zu erschaffen und die Partizipation eines jeden Mädchens zu ermöglichen, gescheitert waren.
Ich stellte mir die Frage: “in welchem Buch steht, wie es der Spielleitung möglich ist, mit dem Scheitern umzugehen?“ Alle Bücher die ich gelesen hatte, beschäftigten sich mit den verschiedenen Möglichkeiten wie ein Unterricht zum Erfolg wird, wie neue Prozesse entstehen können, wie Teilnehmerinnen individuell gefördert und wie ein Theaterstück erfolgreich entwickelt werden kann, aber nirgends war zu lesen, dass immer die Möglichkeit des Scheitern bestünde.

Meine Arbeit wurde mehr und mehr zur Mathematik. Ich las in den Büchern, welche Methodik ich anwenden sollte um dieses oder jenes Ergebnis zu erreichen. Das stimmte nicht. Es es ist nicht möglich ist, ein Schemata zu haben das zum einen individuell und trotzdem jeder Zeit auf alle Arten von Gruppen anwendbar ist. Und auch wenn viele Menschen darüber schreiben wie man erfolgreich sein kann, meine Arbeit mit diesen Mädchen hat bewiesen, dass die Theorie in der Theaterpädagogik meilenweit weg von der eigentlich Praxis ist.

Ich kam mir verloren vor, zweifelte an meiner Methodik, meinen Ideen und an mir als Spielleiterin.

Um den Probenprozess aber weiterhin gewährleisten zu können und um die Arbeit nicht aufzugeben, musst ich mir das Scheitern eingestehen, denn nur so ist es möglich neue Wege zu beschreiten. Dadurch, dass ich in einem Bereich nicht das gewünschte Ziel erreicht hatte, entstand die Möglichkeit eben diesen Bereich, eine Idee oder Hoffnung abzuschließen und sich neuen Dingen zu widmen.
Ich musste mich fragen ob ich den Mut und die Kraft hatte, mich dem auszusetzen und neu anzufangen. Es wäre eine Lüge zu behaupten ich hätte das in wenigen Tagen entschieden aber ich musste etwas grundlegend ändern. Nicht am Unterricht, nicht an meinen Ideen, sondern an meiner Arbeitsweise. Und das stand in keinem Lehrbuch.

Ich musste erkennen, dass meine Methodik und mein Auftreten als Spielleiterin zwar gut gemeint und gedacht waren, denn ich wollte das sie mich als Vertrauensperson und und vielleicht als Freundin wahrnahmen.
Allerdings ging es den Mädchen in keiner Weise darum, mich als Freundin zu sehen. Sie wollten eine Person vor sich haben, an der sie sich reiben konnten. Ich hatte im Verlauf der Theaterarbeit ein ständiges Angstgefühl, eine Teilnehmerin würde die Gruppe verlassen, wodurch meine Konzeption der Stückentwicklung nicht mehr aufgegangen wäre. NATÜRLICH haben die Mädchen das gemerkt, auch wenn ich noch so oft versucht habe dies zu überspielen und es mir selbst auch nicht eingestehen wollte Dadurch habe ich Unsicherheit ausgestrahlt. Ein Fehler?

Schlaflose Nächte waren die Folge und manchmal sogar ein Angstgefühl vor der nächsten Probe. Was würde passieren? Waren alle da? Interessierte sich noch jemand für das Projekt?
Also habe ich mein Konzept überdacht und beschlossen ab jetzt ohne Rücksicht auf Verluste in die Theaterproben zu gehen. Sollte mir eine Teilnehmerin abspringen, dann sollte das eben sein.
Ich versuchte alles was ich in Büchern gelesen hatte, zu vergessen und mich auf das zu verlassen was mir oftmals geholfen hat. Mein Bauchgefühl, mein Einfühlungsvermögen und mein eigenes Verständnis davon wie etwas „Gut“sein kann.

Es kostete mich enorme Überwindung mein Ziel zu verfolgen. Denn natürlich waren die Mädchen einen anderen Umgang gewohnt. Von „Sie dürfen hier nicht so streng sein, sie sind Pädagogin“ bis hin zu „Das können sie gar nicht machen, sie werden ja bezahlt“ habe ich alles gehört.

Und es geschah ein Wunder: Ich habe versucht so konkret wie möglich zu äußern was ich mir von der Theaterarbeit erwarte und welche Ziele wir als Gruppe verfolgen und es fruchtete.

Es waren noch 3 Wochen bis zu unserer Aufführung und unsere Arbeit begann von neuem.
Ich hätte mir in diesem Zeitraum sehr gewünscht ein Buch in die Hand zu bekommen, welches mir aufweisen konnte, wie ich mit solch einer Situation umgehen sollte. Oder ein Buch in dem überhaupt mal steht, dass auch alles in die Hose gehen kann. Ich hab keines gefunden.

Heute bin ich froh, dass ich aus vollem Herzen sagen kann: “an diesem Punkt bin ich gescheitert“ denn nur so war ich in der Lage mich mit meiner Arbeitsweise auseinanderzusetzen und meinen Horizont zu erweitern.

Und fernab von aller Wissenschaft herrscht auf den Proben das „Jetzt und Hier“ und nur aus dieser Situation heraus kann entschieden werden.
Hätte ich durchgehend auf mein Bauchgefühl gehört und mich nicht von verschiedenen Herangehensweisen beirren lassen, hätte ich dieses Projekt vielleicht anders erlebt.

Ich war im ständigen Streit mit den verschiedenen Ansätzen der Theaterpädagogik, der praktischen Arbeit auf den Proben und meinen Ansichten als Spielleiterin.

Zum Schluss kann ich sagen das der Glaube an eine gemeinsame Sache, sowie ein Gruppengefühl und damit auch ein Verantwortungsbewusstsein für eine gemeinsam Sache, nur dann entstehen kann, wenn die Spielleitung klare Ziele und Vorstellungen der Arbeit hat. Diese Vorstellungen und Ziele jedoch so flexibel, wie es eben für die Gruppe nötig ist, verändern kann, ohne die Teilnehmer zu verunsichern oder die eigene Autorität zu schwächen.

Wenn aber ein Ziel nicht erreicht wird, wenn die Ausgangssituation oder das Verhalten der Teilnehmer nirgends geschrieben steht oder erklärt wird, dann ist es an der Zeit seinen gesunden

Menschenverstand zu benutzen, dem Bauchgefühl zu folgen und sich frei zu machen von dem was Andere für erfolgsversprechend halten. Und damit ist in keinster Weise eine willkürliche Haltung dem Probenprozess gegenüber gemeint.

Zur Theaterpädagogik gehört Leidenschaft und Mut!

Berlin im Februar 2012

verfasst von Jana Goller am 19. Feb. 2014