Rückblick

Rückblick

Rückblick

Mein schönsten Momente in der Theaterpädagogik fand statt, bevor ich den Begriff Theaterpädagogik kennenlernte.

Als ich in die 7. und 8. Klasse ging, wurde an meiner Schule eine von Oberstufenschülerinnen geleitete Theater AG angeboten, und ich hatte das Glück daran teilnehmen zu können.
Nach zwei Jahren stiegen meine Freunde und ich in die "große" Theater AG auf, für die Schüler/innen ab der 9. Klasse.
Mich hatte das Theaterfieber gepackt und ich war den älteren Schülerinnen so dankbar für die von ihnen geschaffene Möglichkeit, dass ich gemeinsam mit einer Mitschülerin beschloß, in die Fußstapfen der beiden zu treten.
Als wir in der 11. Klasse waren, holten wir uns vom Rektor die Genehmigung eine Unterstufen-Theater AG zu gründen und stürzten uns in eines der größten Abenteuer meiner Schulzeit.


Am ersten Termin wurden wir von Interessenten überrannt, so dass wir per Losverfahren eine kleinere Gruppe zusammenstellen mussten. In den nächsten Tagen wurden wir von unseren Lehrern gefragt, wer denn jetzt bei uns dabei sei (wir gingen auf eine kleine Schule mit kaum 600 Schülern, da kannte jede/r jede/n). Beim Aufzählen der Schüler und Schülerinnen reagierten die Lehrer auf den Namen eines Jungen aus der 7. Klasse sehr deutlich: Alex* sei ein Problemschüler, habe vermutlich ADHS und wir sollten ihn lieber gleich aus der Gruppe nehmen. Dickköpfig wie wir waren ignorierten wir diese Warnungen und dachten sehr idealistisch, dass das typisch für Lehrer sei, und er bestimmt ein ganz tolles Kind sei.
Hätten wir nur gewusst, worauf wir uns da einließen!

Alex* war ein lautes, oft aggressives Kind, welches den anderen körperlich Überlegen war und auf deren Hohn und Spott mit Gewalt reagierte. Sein Spitznamen war Bigie, und er behauptete, es mache ihn überhaupt nichts aus. Bis er wieder ausrastete und sich auf seine Mitschüler schmiß weil sie ihn "fett" nannten. Der Junge war mit seinen 13 Jahren größer und deutlich schwerer als ich. Mit meinen 17 Jahren fühlte ich mich selbstbewusst und in Kontrolle - bis ich das erste Mal versuchte einen vier Jahre jüngeren Schüler von einem Klassenkameraden weg zu ziehen und daran scheiterte.

Aber so leicht wollten wir uns nicht geschlagen geben (und vor allem nicht den Lehrern die Genugtuung geben, doch Recht zu behalten)!
Wir lernten Alex immer besser kennen, konnten früher einschätzen, wann er in die Luft gehen würde und was (vergleichsweise) gut dagegen half. Wir führten (für alle Schüler) eine Strafe ein, bei der sie einmal (oder auch zwei-, dreimal) um den Schulhof rennen mussten um wieder runterzukommen. So verschafften wir uns einen kurzen Moment Pause und die brenzlige Situation war entschärft (Hinweis: wir waren 17 und hatten keinen pädagogischen Hintergrund! Obwohl, irgendwie hat es ja gewirkt...)
Mit Alex hatten wir mehrere Gespräche, und er zeigte jedes mal großes Interesse in der Gruppe zu bleiben, auch wenn seine versprochenen Besserungen nicht lange anhielten. Er erklärte, dass er oft gar nicht mitbekam, dass er am Ausrasten und die Situation nicht mehr lustig war. Alex erzählte, dass es für ihn schrecklich sei, ständig zurecht gewiesen zu werden, und er dann wütend werde.
Wir entwickelten mit ihm einen Code von dem nur er wusste. Wenn einer von uns ihn anschaute und sich an der Nase kratzte, sollte er vor die Tür gehen und wieder rein kommen, wenn er sich beruhigt hatte, beziehungsweise eine von uns würde hinterher kommen um mit ihm zu reden, ohne dass die ganze Gruppe dabei wäre.
Ich bin sehr stolz auf mein 17-jähriges Ich, auf diese Methode gekommen zu sein! Der Vollständigkeitshalber sollte hier aber auch erwähnt werden, dass diese Methode genauso oft nicht funktionierte wie doch...

 

Bei einer Wochenendprobe, wenige Wochen vor der Aufführung, war ich mit der Meute alleine in der Turnhalle. Ich hatte die Kostüme mitgebracht und alle rannten wild herum, die Turngeräte wurden unerlaubterweise benutzt und ich wußte nicht, wie ich mir Gehör verschaffen sollte. Zur Krönung schloß sich eine Gruppe (natürlich war Alex dabei) in der Gerätekammer ein und konnte nicht wieder raus. Sie hatten von innen abgeschlossen und irgendwas klemmte. Ein Mädchen auf der Innenseite fing an in Panik zu geraten, von außen konnte ich die Tür nicht öffnen und der Rest der Gruppe löcherte mich, was ich denn jetzt tun würde. Ich war am Verzweifeln. Am Ende ließ ich mich per Räuberleiter durch ein 30 cm hohes Fenster hinein heben und öffnete die Tür von innen. Am Liebsten wäre ich einfach nach Hause gegangen. Um mich rum rannten 12 schreiende Bälger, wahrscheinlich zerrissen sie dabei ihre Kostüme und das Bühnenbild, aber es war mir nur noch egal.

Und dann, wie in einem Traum, stand Alex auf der Bühne und herrschte seine Mitschüler an, sie sollten sich zusammenzureißen, er wolle endlich mit der Probe anfangen weil bald die Aufführung sei. Alex, der Junge von dem und die Lehrer dringend abgeraten hatten, rief seine Mitschüler zur Raison und wollte proben! In dem Moment war die Geräteraumepisode und das Zwicken und Beleidigen der Mitschüler für mich in den Hintergrund gerückt. Hier stand ein Junge der Theater spielen wollte, und das tat er voller Leidenschaft!

Die Umwandlung einer Person zu sehen, wenn sie sich voll und ganz auf das Theaterspielen einlässt, veranlasste mich dazu, Theaterpädagogik zu studieren. Ich möchte Menschen wie Alex eine Möglichkeit geben sich auszuprobieren, wenn es ihnen sonst keiner zutraut - auch wenn sie mich dabei in den Wahnsinn treiben. Denn jeder hat die Chance dazu verdient.

Als ich vor drei Jahren nochmal meine alte Schule besuchte, kam mir ein lächelnder junger Mann entgegen und grüßte mich. Alex hatte gerade sein Abitur ohne Schwierigkeiten bestanden, war Jahrgangssprecher gewesen und bedankte sich für die tolle Zeit in der Theater AG. Alleine dafür hat sich alles gelohnt.

*Namen wurden geändert


verfasst von Cerridwen Johnston am 09. Jan. 2014