Teenager? Oh Gott!

Teenager? Oh Gott!

Teenager? Oh Gott!

Mein Telefon klingelt eines schönen Vormittags und dran ist ein junger Mann, der mir erklärt, er habe meine Nummer von Sowieso und der kenne mich von DaUndDa und jetzt wolle er mal fragen, ob ich ich mir vorstellen könnte, in seinem Freizeitzentrum eine Theatergruppe mit Teenagern zu leiten!?

"Ja prinzipiell schon.", antworte ich und erfrage die Hintergründe. Es stellt sich heraus, dass es sich um ein Kinder- und Jugendzentrum in einer nahegelegenen Kleinstadt handelt, welches sich aktuell im Aufbau befindet. Geplant ist es, jeden Nachmittag verschiedene Angebote für die Besucher bereitzustellen. Neben HipHop, Breakdance, Schminken, Basteln, Gesellschaftspielen, Dart usw. würde jetzt noch Theater fehlen UND er möchte dafür jemand "richtig Gutes" einkaufen! Ich bin erstmal etwas baff und möchte wissen, wie oft ich denn kommen und mit welchem Ziel das Angebot Theater dort stattfinden soll. Er wisse das alles noch nicht so genau, denn das hängt ja noch vom Finanziellen ab. Da müsse er mal seine Chefs fragen und was ich denn pro Stunde so nehme? Ich nenne ihm eine Summe (welche sich deutlich über meinem normalen Stundenlohn befindet) und er sagt: "Ok, ja muss ich absprechen. Da sind aber die Fahrtkosten schon eingerechnet?" Ich verneine und wir verbleiben, dass er sich nochmal meldet. Der zweite Anruf kommt ein paar Tage später, ich muss im Stundenlohn runtergehen, was ja zu erwarten war, bekomme aber meine Fahrtkosten erstattet. Wir verabreden zwei Schnuppertermine und er verspricht diese zu bewerben.

Drei Wochen später an Ort und Zeit:
Das Kinder- und Jugendzentrum ist wirklich neu und auch ziemlich schick. Im Playstation-Zimmer sitzen ein paar Jungs und zocken. In einem weiter entfernten Raum spielt jemand Schlagzeug und in einer Art Foyer mit Bühne und Theke sitzen ein paar Jugendliche und spielen Jenga. Leider finde ich keinen Ansprechpartner, welcher mir sagen kann, in welchem Raum "Theater" stattfindet und wo ich mich hier melden kann ... schließlich kommt ein Mädchen, vielleicht 12 oder 13 Jahre alt auf mich zu gerannt, sie überrennt mich besser gesagt und bohrt mir ihre spitzen Fingernägel in den Nacken: "Bist du das mit Theater???" Während ich versuche mich von ihr zu befreien, habe ich den Eindruck, dass sie eine kognitive Beeinträchtigung hat. Ich setze mich mit ihr an einen kleinen Tisch und wir unterhalten uns. Sie möchte auf jeden Fall: "Bei Theater drin sein!". Ich schaue mich nach weiteren potenziellen Teilnehmern um. Nach ein paar Minuten kommt eine Frau um die Ecke. Sie ignoriert mich und verschwindet hinter der Theke. Ich hefte mich sofort an ihre Fersen und erwische sie grad noch, bevor sie in der dahinter gelegenen Küche verwinden kann: "Hallo ich bin DieUndDie (Theaterpädagogin halt) und bin hier, um heute eine Schnupperstunde Theatertraining zu geben. Wissen sie eventuell, an wen ich mich hier wenden kann?"
Ich bekomme also meinen Raum, zugegeben er ist toll - mit Tanzboden, Musikanlage, Spiegeln, Vorhängen und ca 50 qm groß. Aber bisher habe ich nur eine Teilnehmerin. Ich erkunde also das Gebäude und treffe in Chillraum, Musikzimmer, Billardflur und am Kicker ein paar Kids. Ich sage kurz wer ich bin und frage, ob jemand mitmachen möchte. Ein dicker Junge (circa fünfzehn) dreht sich empört zu mir um und pampt mich an: " Wenn ich Theater will, geh ich Zuhause!". Gut okay, denke ich mir, ich will ja keinen zu seinem Glück zwingen und setze meine Wahlreise fort. Schließlich sitzen Punkt 17 Uhr vier Jugendliche in meinem viel zu großen, tollen Raum und gucken mich erwartungsvoll an. Ein Junge ist wahrscheinlich erst 10, die anderen sind älter haben aber alle irgendeine Form von Verhaltensauffälligkeit. Das Mädchen von vorhin ist natürlich mit "drin". In meinem Konzeptbuch sind für heute fünf WarmUp-Spiele für mindestens 5-6 und mehr Teilnehmer aufgelistet. Ich resete mich kurz und beginne mit einem lustigen Namensspiel, das aber nur ich lustig finde. Meine Teilnehmer sind schlagartig abgelenkt von dem Handy, welches der Jüngste mittendrin aus der Tasche zieht. Er startet ein Video. Jemand brüllt im Beat "FICKEN" alle lachen und dem Jungen wird das Handy aus der Hand gerissen. Es beginnt eine wilde Verfolgungsjagd nach dem Handy durch den Raum. Alle brüllen FICKEN.
Ich schaffe es schließlich doch noch circa ein Drittel meiner vorbereiteten Spiele zu machen und ernte in der Abschlussrunde Applaus. "Theater is voll guuut!"

Eine Woche später, zweiter Schnuppertermin:
"Hi, ich bin Ricarda. Bist du die Theaterlehrerin? Ich will Schauspielerin werden!"

"Ja ok, komm erst mal rein." Ricarda hat noch drei Freundinnen mitgebracht, alle sind fünfzehn Jahre alt und wollen -natürlich- auch alle Schauspielerin werden. Bis auf ein Mädchen hat noch keine der vier jemals Theater gespielt und ich biete an, dass sie an der Stunde heute teilnehmen können und wenn sie längerfristig Interesse hätten, wir auch gemeinsam ein Stück in Angriff nehmen könnten. Die Augen leuchten, sie nicken und folgen mir. Heute habe ich sieben Teilnehmer. Die vier hochmotivierten Schauspielschülerinnen und drei Kinder. Genau! Denn ich war bis dato die Einzige, die davon ausgegangen war, dass das Angebot "Theater" sich an Jugendliche wendet. Kurz bevor ich mit den vier Mädels starten will, geht die Tür auf und ein Sozialarbeiter schiebt drei Kinder mit den Worten "Hier ist jetzt Theater!" in den Raum und schließt die Tür wieder. Die drei stehen etwas betreten da und ich begrüße sie natürlich erstmal total herzlich und frage nach Namen und Alter: Janice 7 Jahre alt, Raik 7 Jahre und Dustine 9 Jahre alt. Raik hat Trisomie 21.

Ok, um es dem Leser zu vereinfachen: ich bin zwar Theaterpädagogin und habe Erfahrungen mit Kindern, mit sehr kleinen Kindern, mit Jugendlichen und auch mit Erwachsenen. ABER ich habe einfach noch nie mit Kindern mit Beeinträchtigungen gearbeitet. Und das nicht, weil ich das nicht möchte, sondern einfach weil sich die Gelegenheit bisher noch nie ergeben hat. Und da ist sie die Gelegenheit! TADAAAA! ...blöd nur das ich mich nicht drauf vorbereiten konnte und blöd, dass es mir hier niemand vorher gesagt hat.

Darf ich vorstellen: Die zwei Lager! Auf der einen Seite pikierte Mädels, die an Ort und Stelle ihre Filmkarierre starten wollen (Exakt, denn sie haben den Text mit der Tür-Szene aus Titanic vorbereitet, welchen sie mir heute extra "vorspielen" möchten) und auf der anderen Seite drei Kinder, die keinen blassen Schimmer haben, was sie hier sollen und was eigentlich Theater ist (ich kann es ihnen ja nicht verübeln). Es folgen dramatisch - chaotische 55 Minuten voller Lachen, Tränen, einem zerbrochenen Stuhl und vier gebrochenen Schauspielerinnen- Herzen. Alle haben bis zum Ende mitgemacht, allein dafür muss ich mir heimlich auf die Schulter klopfen und fahre einigermaßen zufrieden nach Hause. Auf der Rückfahrt formuliere ich im Kopf die E-Mail an den netten jungen Mann vom Telefon.

 

verfasst von Anonymer Autor am 22. Nov. 2013