Theaterpädagogik im Theater für die Allerkleinsten am HELIOS-Theater

Theaterpädagogik im Theater für die Allerkleinsten am HELIOS-Theater

Theaterpädagogik im Theater für die Allerkleinsten am HELIOS-Theater

Seit Februar 2012 arbeite ich am HELIOS Theater* in Hamm, einem freien Kinder- und Jugendtheater, das seit 2006 unter anderem auch Stücke für die „Allerkleinsten“, also Kinder ab zwei Jahren, macht. Immer wieder werde ich gefragt, wie man sich Theater für Kinder ab zwei Jahren vorstellen muss. Sind die nicht noch zu klein? Können die einem Stück überhaupt folgen und verstehen, worum es geht? Und so lange still sitzen?

Die Stücke für die Allerkleinsten...

Kinder unter drei Jahren beobachten unentwegt. Sie fühlen sich noch in vielem fremd und brauchen Zeit, die Dinge wahrzunehmen. Im Theater für die Allerkleinsten haben sie die Zeit dazu. Es ist ein Theater der Sinne. Die Kinder sind eingeladen, ganz konzentriert und genau zu sehen, zu hören und zu spüren – Bilder, Geräusche, Rhythmus, Bewegung, auch kurze Begegnungen, die wieder enden, bevor sie zu Geschichten werden. Das Auge, das Ohr und der ganze Körper sind in ihrer Aufnahmefähigkeit gefordert – der Verstand darf arbeiten, muss er aber nicht. Das Theater für die Allerkleinsten gibt den Zuschauenden Raum für eigene Assoziationen und Gedanken und verzeiht ihnen, da keine komplexe Geschichte entschlüsselt werden muss, auch ein kurzes Abschweifen.

...und ihre Entstehung...

In unseren Stücken für die Allerkleinsten gehen wir Materialien auf den Grund, die uns in unserem Alltag in verschiedenen Formen umgeben, wie zum Beispiel Wasser, Holz oder Wolle. Im Erarbeitungsprozess improvisieren die Spielerinnen und Spieler mit dem Material, untersuchen seinen Klang, seine  Bewegungs- und Spielmöglichkeiten. Wenn Sprache verwendet wird, ist sie meist intuitiv verständlich und hat eine einfache Struktur - oder sie dient der Erzeugung einer Atmosphäre und eines Rhythmus.

So entstehen ca. 30minütige Theaterstücke wie „HOLZKLOPFEN“, „Ha zwei oohh“ oder „Am Faden entlang“, in denen das jeweilige Material die Hauptrolle spielt. Die SpielerInnen bewegen und bespielen es, entlocken ihm Klänge und Geräusche, immer in Kontakt mit den zuschauenden Kindern. 

...mit Blick auf die Zielgruppe.

Wie die Stücke für die Allerkleinsten funktionieren, erproben wir schon im Entstehungsprozess in sogenannten „Tryouts“. Tryouts sind Durchlaufproben, zu denen wir eine Gruppe Kinder der entsprechenden Altersgruppe einladen – das tun wir in einem Probenprozess ca. zwei- bis dreimal. Wir beobachten die Kinder während des Durchlaufs: Wann sind sie sehr aufmerksam und gebannt? Wann kommt Bewegung ins Publikum? Welche Qualität hat diese Bewegung? Welche Assoziationen äußern sie?

Im Anschluss lassen wir die Kinder selbst mit dem Material im Bühnenraum oder im Foyer spielen und beobachten sie auch dabei: welchen Zugang haben sie spontan zu diesem Material? Welche Handlungen vollziehen sie nach, welche Momente aus dem Stück haben sie offensichtlich besonders fasziniert? Diese Beobachtungen gehen als wichtige Impulse in den weiteren Probenprozess und in Überlegungen zum „Nachspiel“ ein.

Basierend auf diesen Eindrücken beginne ich Inhalte für die theaterpädagogische Begleitmappe zu sammeln, die interessierte ErzieherInnen zum Selbstkostenpreis erwerben können. Ich mache mir Gedanken über Raumgestaltungen und Spiele, die als Vor- und Nachbereitung spannend sein können, suche Texte zum jeweiligen Material zusammen und recherchiere Bastelideen.

Der Theaterbesuch

Ankommen

Für die Allerkleinsten ist der Besuch bei uns meist der erste Theaterbesuch ihres Lebens. Sie kennen noch keine Regeln für diesen Raum. Meistens kommen sie unter der Woche vormittags im Verband ihrer Kindergartengruppe zu uns. In jeder Spielreihe bieten wir auch eine Nachmittagsvorstellung für Familien an. Dann kommen auf ein Kind ein bis zwei Erwachsene, Eltern oder Großeltern, die es ins Theater begleiten. Oft sind die Erwachsenen selbst zum ersten Mal mit so kleinen Kindern im Theater und können sich noch gar nicht vorstellen, wie das überhaupt abläuft: Was ist das, „Theater für die Allerkleinsten“? Wie wird mein Kind auf das Theaterstück reagieren? Wird es ruhig sitzen bleiben oder unruhig werden?
Wir Theaterpädagogen sind eine Stunde vor Vorstellungsbeginn im Foyer präsent, begrüßen die ankommenden ZuschauerInnen und stehen ihnen bei Fragen zur Verfügung. 

Begrüßung

In den frühen Jahren des „Theater für die Allerkleinsten“ hat das Team des HELIOS Theaters Forschungen über verschiedene Formen von Willkommens- und Informations-Ansagen angestellt. Verschiedenes wurde ausprobiert: „Große Ansagen“ vor dem gesamten Publikum, Ansagen beim Kartenverkauf an der Kasse und Ansagen je Sitzgruppe oder Kindergartengruppe. Welche gerade passend ist, hängt immer von der Situation ab.
Bei den Ansagen werden die kleinen und großen ZuschauerInnen willkommen geheißen. Sie werden unter anderem über die Dauer der Inszenierung informiert und darüber, dass die Kinder sich während der Vorstellung frei zum Bühnengeschehen äußern dürfen. Sie dürfen laut lachen, Kommentare abgeben, Worte nachsprechen oder auch im Schwung der Begeisterung oder Überraschung aufstehen. Jedoch bitten wir die Erwachsenen, darauf zu achten, dass kein Kind die Bühne betritt. Unsere Stücke sind für die aktive Teilhabe aller Zuschauenden gemacht, nicht zum Mitmachen auf der Bühne. Auch das Selbst-Ausprobieren ist aber mitbedacht, denn zu jedem Stück gibt es im Anschluss ein Nachspiel mit dem Material, zu dem die Kinder nach dem Theaterstück im Foyer eingeladen sind. 

Einlass

Der Einlass beginnt mit einem Einlassritual, das den Übergang vom Alltagsleben in den Raum der Inszenierung gestaltet und bereits Teil der Inszenierung ist. In den aktuellen Inszenierungen holen die SpielerInnen das Publikum im Foyer ab und führen es in den Theatersaal.
Im Rahmen der Proben zu "HOLZKLOPFEN" wurden 2008 verschiedene Einlassmöglichkeiten ausprobiert und ausgewertet sowie filmisch dokumentiert. (Film: „Wechselspiele im Experimentierfeld Kindertheater“; erhältlich beim Institut für visuelle Ethnographie, www.ive-shop.de)
Als vorstellungsbetreuende Theaterpädagogin achte ich darauf, dass die Kinder sich im Zuschauerraum möglichst weit nach vorne setzen und dass jedes gut sehen kann.

Drin-Sein

Während einer Vorstellung sitzt immer eine Theaterpädagogin mit im Saal, um auf eventuell aufkommende Unruhe, Störungen oder Unsicherheiten reagieren zu können. Beginnt zum Beispiel ein Kind zu weinen und die betreuende Person wirkt verunsichert und zögerlich, so verlässt sie mit den beiden den Saal und lädt sie ein, später, wenn sich das Kind beruhigt hat, leise wieder hinein zu kommen.
Eine klare Raumgestaltung von Bühne und Zuschauerraum, die klare Grenzen setzt, aber beides nicht völlig voneinander abtrennt, signalisiert den Kindern die Regel: "Hier im Zuschauerraum ist euer Platz, dort auf der Bühne ist unserer." So können sich die Kinder ganz in die Beobachtung und Wahrnehmung hineingeben.

Nach meiner Erfahrung sind die Kinder tatsächlich sehr aufmerksame ZuschauerInnen, die dem Bühnengeschehen gespannt und an manchen Stellen voll offener Begeisterung folgen - und dies auch hören lassen.
Die Enden der Stücke sind wiederum Übergänge, in denen die Grenzen zwischen Bühnen- und Zuschauerraum zerfließen, bevor es aus dem Theatersaal heraus langsam wieder zurück ins Foyer und in die Alltagsrealität geht: am Ende von "HOLZKLOPFEN" werden die Kinder eingeladen, die Bühne auf eben für sie vorbereiteten Wegen selbst zu beschreiten. In "Am Faden entlang" wird das blaue Fadennetz von der Bühne ins Publikum weitergesponnen, bevor nach dem kurzen Schlussapplaus ein roter Faden wieder den Weg ins Foyer weist.

Nachspiel

Im Foyer finden die Kinder nach der Vorstellung das Material vor. So liegt nach „HOLZKLOPFEN“ etwa ein Haufen Holzscheite bereit, zum Anfassen, Fühlen, Klänge erzeugen und ihnen lauschen, Türme bauen und wieder einstürzen lassen. Hier haben die Kinder die Gelegenheit, eigene Erfahrungen mit dem Material zu machen, nachdem das eigentliche Theatererlebnis bereits abgeschlossen ist.
Nach einer Weile sammeln wir zusammen mit den Kindern die verstreuten Materialien wieder ein, helfen ihnen in die Jacken und verabschieden sie.

...

In meiner Arbeit beim HELIOS Theater zeigt sich immer wieder, dass auch sehr junge Kinder das grundlegende Prinzip „Theater“ bereits verstehen können. Ob sie die Regeln eines bestimmten Theaterraumes verstehen, hängt von deren Formulierung ab und von der Klarheit, mit der sie kommuniziert werden. Vielleicht bringen die Allerkleinsten das Theater zu seinen Wurzeln zurück: zu Ritualen, die Übergänge markieren - von einem Lebensabschnitt oder geistigen Raum in einen andern. Wer sich den Kindern, auch den ganz Kleinen, gegenüber öffnet und sie als ZuschauerInnen in ihren Bedürfnissen, in ihrem Tempo, in ihrer Wahrnehmung und ihrem Vertrauen ernst nimmt, dem schenken sie eine große, ehrliche Aufmerksamkeit und Offenheit. Und einen neuen Zugang zu einem ganz alten Theaterverständnis.

 

*Das HELIOS Theater

Das HELIOS Theater ist ein freies Kinder- und Jugendtheater in Hamm, das 1989 von Michael Lurse und Barbara Kölling in Köln gegründet wurde. Das Ensemble besteht aus KünstlerInnen diverser Disziplinen - darunter Puppenspieler, Musiker und Schauspieler. Jedes Jahr werden ca. zwei neue Inszenierungen für Kinder und Jugendliche verschiedener Altersstufen, unter anderem für die "Allerkleinsten" ab 2 Jahren, entwickelt.

Neben dem Spielbetrieb in Hamm gastiert das HELIOS Theater regelmäßig im In- und Ausland. Es ist Mitglied im europäischen Netzwerk "Small Size", in dem sich professionelle Theater aus 12 Ländern interdisziplinär über Kunst und Kultur für die Allerkleinsten austauschen und die kulturelle Frühbildung in Europa voranbringen.

Das HELIOS Theater wurde bereits mehrfach mit Preisen für einzelne Inszenierungen und seine gesamtkünstlerische Arbeit ausgezeichnet, unter anderem mit dem Preis der ASSITEJ 2009.

Nähere Informationen gibt es auf www.helios-theater.de

Fotos: Walter G. Breuer

TOP fragt nach: Was haltet ihr vom Theater für die Allerkleinsten? Findet ihr es sinnvoll Kinder schon in so jungen Jahren mit dem Theater vertraut zu machen? Oder ist das verschwendete Kunst, weil sich die Kleinen doch eh bald an nichts erinnern können?
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verfasst von Anna-Sophia am 02. Oct. 2013