Theaterprojekt Hebamme 2.0

Theaterprojekt Hebamme 2.0

Hebamme 2.0

Ein Theaterstück über Hebammen und Ihre Arbeit. Die Theaterpädagogin Josefine Rausch inszeniert mit Hebammenschülerinnen das Stück "Hebamme 2.0" am Burgtheater Lingen. TOP hat Josefine Rausch zu Ihrer Arbeit befragt. Viel Spaß beim Lesen!

TOP: Das Theaterprojekt „Hebamme 2.0" wurde von dir konzipiert und mit jungen Hebammen in der Ausbildung durchgeführt. Wie ist diese Projektidee entstanden?

Josefine Rausch: Genau, die Grundidee war es mit jungen Frauen in der Hebammenausbildung zu arbeiten. Im Prozess der Arbeit haben wir uns dann irgendwann entschieden, das Ensemble um eine erfahrene Hebamme zu erweitern. Aber dazu später mehr. Ich selbst finde die Geburt eines Menschen ein sehr spannendes Thema. Was da so alles passiert und letztlich auch, wie die Erfahrung der eigenen Geburt den Menschen prägt, ohne auf direkte Erinnerungen zurückgreifen zu können usw. Mit diesen Gedanken habe ich mich eine ganze Weile beschäftigt, viele meiner Freunde bekamen Kinder und so war dieses Thema irgendwie präsent. Ja und eine Freundin, die gerade die Ausbildung zur Hebamme machte, hat viele spannende Geschichten erzählt. Darüber kam ich gedanklich immer mehr zum Berufsfeld der Hebamme.  Ich habe gemerkt, dass diese jungen Frauen mit einer arbeitspolitischen Situation konfrontiert sind, die nicht gerade immer sehr rosig aussieht. Trotzdem sind sie mit einer unfassbaren Hingabe dabei. Mich hat die Frage beschäftigt, „Warum tun sie das?" – Was motiviert sie, auch wenn später der Versicherungskampf, geringe Bezahlung, wenige Stellen und überfüllte Kreissäle auf sie warten? Genau dem wollte ich auf den Grund gehen und diesen jungen Frauen die Möglichkeit bieten ihre Geschichte zu erzählen. Also habe ich Hebammenschülerinnen gesucht und wir haben ein Stück gemacht.

TOP: Welche Ziele verfolgt(e) das Projekt?

Josefine Rausch: Grundlegend war es mir wichtig arbeitspolitisches Theater zu machen und einer ganz bestimmten Berufsgruppe ein, ich sage mal ästhetisiertes Sprachrohr zu bieten. Projektspezifisch lag in der Arbeit der Fokus auf dem Austausch der Hebammen – also wie erleben sie ihre Ausbildungs- bzw. Arbeitsrealität und wie gehen sie letztlich damit um? Mit theatralen Methoden sollte also ein reflektierender Austausch über das Berufsfeld sowie die Ausbildung der Hebamme stattfinden. Wir beschäftigten uns mit der beruflichen Rolle der Hebamme, haben Handlungsweisen hinterfragt und durchleuchtet. Das hatte schlussendlich auch zum Ziel bei den jungen Frauen eine Sicherheit herzustellen. D.h. durch die Schaffung eines Bewusstseins für die eigene Rolle in der Ausbildungs- bzw. Arbeitswelt sollte den Teilnehmerinnen ein gelasseneres Umgehen mit Stresssituationen ermöglichen. Natürlich stand aber auch die Verbesserung der Öffentlichkeit der Arbeit der Hebammen im Vordergrund. Das Stück sollte die Möglichkeit bieten, einem Fachpublikum aber eben auch nicht Fachpublikum, den Beruf bzw. die Ausbildung der Hebamme in allen Facetten näher zu bringen – dadurch eben auch seine große Wichtigkeit zu zeigen.

TOP: Welche Rahmenbedingungen standen dir für die Durchführung des Projekts zur Verfügung? Damit meine ich: Wie hat sich die Gruppe gefunden? Wo konntet ihr proben und aufführen? Hast du für die Realisierung des Projekts finanzielle Unterstützung erhalten?

Josefine Rausch: Gefunden habe ich die Spielerinnen zum einen über die Akademie St. Franziskus in Lingen und zum anderen über einen guten Freund. Ich habe die Akademie kontaktiert und diese ermöglichte mir mein Projekt im Unterricht des Hebammenwesens vorzustellen. Drei der Schülerinnen waren sofort dabei. Erst später fand auch eine erfahrene Hebamme über den Kontakt eines gemeinsamen Freundes den Weg zu uns in die Theatergruppe. Wir haben zügig angefangen zu Proben, da uns durch den Schichtdienst und den Unterricht der Schülerinnen wenig Zeit blieb. Geprobt haben wir in den Räumen der Akademie und dem Alten Schlachthof (das ist ein Jugend- und Kulturzentrum in Lingen). Ohne beide Institutionen wären für uns wesentlich höhere Projektkosten entstanden. Wir hatten Glück und konnten an beiden Orten kostenlos proben. Die Aufführung haben wir im Lingener Burgtheater gemacht, welches an das Institut für Theaterpädagogik angegliedert ist.  Auch hier war uns wirklich das Glück hold, denn eigentlich ist es für Studierende nur selten möglich dort auch das eigene Abschlussprojekt zur Aufführung zu bringen. Dank des BT's konnte ich viele „Extras" nutzen, die sonst eher weniger in der inszenatorischen Arbeit mit Laien zu finden sind. Trotz all dieser glücklichen Umstände, brauchte die Produktion finanzielle Mittel. Noch vor Beginn des Probenprozesses habe ich mich um Gelder bemüht und konnte mit „Weleda", dem „Bündnis 90 die Grünen Niedersachen", dem Landesverband der Hebammen Niedersachen e.V. und „dm" wirklich großartige Förderer und Unterstützer finden.

TOP: Das Stück selbst hat sich ja im Verlauf der Proben gemeinsam mit deinen Spielerinnen entwickelt. Welchen Weg hast du eingeschlagen bzw. wie sah deine theaterpädagogische Arbeit aus, die schlussendlich zu eurem Stück geführt hat?

Josefine Rausch: Genau, wir haben da sehr verzahnt gearbeitet. D.h. ich habe die Spielerinnen angeleitet zu improvisieren – die Ergebnisse habe ich dann gemeinsam mit meiner Assistentin dokumentiert. Ich habe immer wieder über Fragestellungen mit den Teilnehmerinnen gearbeitet. Wir haben ganze Wochenenden mit kreativen Schreibwerkstätten und Diskussionsrunden verbracht. Immer wieder sollten die Spielerinnen „3-Minuten-Fragmente" oder ähnliches zu spezifischen Themen verfassen. Irgendwann hatte ich einen unglaublichen Berg an Material zusammen. Damit habe ich mich dann an den Schreibtisch gesetzt und das Stück geschrieben. Zuerst einmal habe ich Themengruppen sortiert, dann Szenen entwickelt, Skripte geschrieben und mit szenischen Einfällen verbunden und zum Schluss eine Dramaturgie gebaut. Parallel trafen wir uns ein bis zweimal in Woche. Da habe ich dann die Basics des Theaterspielens vermittelt. Hier ging es erst mal darum die „Hebammen" für die Bühne „ready" zu machen. Ja und dann gab's irgendwann den ersten Stückentwurf und wir haben konkret angefangen das Stück zu proben und mit bspw. szenischen Reflexionsmethoden Rollenprofile entwickelt.

Dieses Projekt hast du ja noch während deines Studiums gemacht und konntest es dir als Prüfungsleistung anerkennen lassen. Kannst du dir vorstellen auch weiterhin, als fertige „BA-autorisierte" Theaterpädagogin, Theaterprojekte mit speziellen Berufsgruppen zu realisieren?

Richtig genau. Das Projekt „Hebamme 2.0" war meine praktische Abschlussarbeit.  Auf jeden Fall ist diese Arbeit eine Richtung die ich gerne weiter verfolgen möchte. Die Teilnehmerinnen und ich haben gemerkt, dass wir mit unserem Stück Aufmerksamkeit für die „Hebammen" schaffen konnten. Die Zuschauer haben nach den Vorstellungen begonnen zu diskutieren und weiter nachgedacht – über ein Thema oder bzw. eine Welt die ihnen bisher weitestgehend verborgen blieb. Aufmerksamkeit / Wahrnehmen - Das ist der erste Schritt in Richtung Veränderung.

Deshalb finde ich gerade das Inszenieren mit Berufsgruppen spannend. Ja gerne, noch mehr, ich sage mal arbeits- bzw. ausbildungspolitische Wachrüttler!

TOP: Was geschieht in der Zukunft? Gibt es ein weiteres Projekt von dir, dass TOP unbedingt dokumentieren sollte?

Josefine Rausch: Ja, es gibt da gerade einen aufkeimenden Gedanken – doch momentan ist der noch top secret. Sobald es für TOP interessant wird gebe ich Bescheid.

TOP: Vielen Dank für das Interview & wir freuen uns auf Neuigkeiten von dir.

verfasst von Lu Reichel am 03. Feb. 2013