Thematisches Kleistern

Thematisches Kleistern

Thematisches Kleistern

Julia Maria Zimmermann inszeniert mit dem Jugendclub des Maxim Gorki Theater Berlin ein Stück mit Zitaten von Heinrich von Kleist. Es wurde im Rahmen des Kleist-Festival 2011 aufgeführt.

Neun junge Frauen bringen neun Kleist-Zitate innerhalb von neun Szenen in einen neuen Kontext. Zentrales Thema des Stückes ist „Innere Zerrissenheit" – ein Thema, das sowohl in dem Leben der Spielerinnen als auch in Heinrich von Kleists Werken eine große Rolle spielt. Das Publikum wird Zeuge, wie die „Aktionisten" auf eine verspielte Art Zitate von Kleist in ihr alltägliches Leben einflechten.

So stand es geschrieben im Programmheft des Projektabends der Theaterpädagogik „Kleist im Kaleidoskop" am Maxim Gorki Theater Berlin.

Zum 200. Todestag Heinrich von Kleists veranstaltete das Maxim Gorki Theater im November 2011 ein „Kleist Festival". Auch die Theaterpädagogik sollte zwei Abende dieses Festivals gestalten. So wurden mehrere theaterpädagogische Projekte am „Kaleidoskop"-Abend präsentiert, die sich Kleist auf eine ganz individuelle Art genähert haben. Teil nahmen Schüler der Max-Beckmann-Oberschule, die Studentengruppe „Die Unaussprechlichen", Schüler vom Campus Rütli, das Ensemble 55+ des MGT Berlin „Golden Gorkis" und der Jugendklub vom MGT Berlin „Die Aktionisten".

Die „ Aktionisten" lernte ich im Rahmen eines Praktikums in der Theaterpädagogik vom MGT Berlin kennen. Völlig unverhofft befand ich mich innerhalb kürzester Zeit im Leitungsteam des Jugendklubs und arbeitete mit ihnen an einem kleinen Projekt zum Comic-Festival, welches im März 2011 stattfand. Der Abschied nach Beendigung des Praktikums fiel schwer und so konnte ich von Glück reden, dass es mir von der Leitung der Theaterpädagogik ermöglicht wurde, eine Produktion für das Kleist-Festival zu machen. Da ich mich noch im Theaterpädagogik-Studium in Lingen befand, war dies allerdings nur möglich, wenn man eine sehr intensive Probenzeit in die Sommer-Semesterferien legen würde. Und so kam es, dass sich neun junge Frauen zwischen 17 und 23 Jahren dazu bereit erklärten, ihren August zu blocken, um dann die Hauptarbeit für die Produktion zu schaffen. Im September und Oktober konnten aufgrund meines Hauptwohnsitzes Münster nur am Wochenende Proben stattfinden.

Seitens der Theaterpädagogik hatte ich nun völlig freie Hand. Das Thema war Kleist – was wir damit anstellen würden, war uns überlassen. Da allerdings die Berufsschauspieler auf dem Festival sämtliche Dramen Kleists aufführen würden, war es für uns undenkbar, uns einem Stück von Kleist zu widmen. Dem Vergleich wollten wir uns nicht stellen. Durch 'Thematisches Arbeiten' wollten wir einen ganz eigenen Zugang zu Kleist finden. Der Plan war, dass wir ein Kleist-typisches Thema finden, zu dem jede Spielerin eine Geschichte erzählen kann, die dann szenisch gestaltet wird. Mit kurzen Kleist-Zitaten, die in den Szenen auftauchen sollten, wollten wir dem Thema des Abends noch ein bisschen gerechter werden. Zudem fanden wir es spannend, wie man die außergewöhnliche Sprache des Dramatikers mit unserem Sprachgebrauch verbinden kann.

Bevor unsere Probenzeit startete, hatten alle Spielerinnen den Auftrag, etwas von Kleist zu lesen. Dabei war ihnen völlig freigestellt, ob es sich um Briefe, Novellen oder Dramen handelte. Jede Akteurin sollte sich schließlich mit dem selbst gewählten Stoff so tief befassen, wie es ihr beliebte.

Mit dem August begann die Probenzeit. In den ersten zwei Wochen stand Ensemble-Training im Fokus. Zwar kannten sich die Spielerinnen bereits, doch war dieses Vorhaben für die Beteiligten ein großer Kraftakt. Auch aufgrund der knappen Zeit von 3,5 Monaten, die wir insgesamt für Proben zur Verfügung hatten, war es uns wichtig, dass sich die Gruppenmitglieder aufeinander verlassen und Hemmungen gar nicht erst aufkommen konnten. Bei einem Wochenendausflug in der Berlin-nahen Kleinstadt Werder (Havel) verbrachten wir viel Zeit mit gemeinsamen Mahlzeiten und Feiern, ohne dabei auf theaterpädagogische Ensemblemaßnahmen zu verzichten. So machten wir einen „Klatschkreis" beim Baden in der Havel, und liefen in Zeitlupe durch die Stadt. Ständiger Begleiter war hierbei Heinrich von Kleist. Wir diskutieren ausgiebig darüber, welche Themen in den verschiedenen gelesenen Werken oder auch in der Biografie Kleists auftauchten. „Was gibt es für thematische Überschneidungen?" und „Zu welchen Themen könnten wir auch Geschichten erzählen?" waren immer wieder auftauchende Fragen. Des Weiteren kam Kleist in zahlreichen Improvisationsübungen zu Wort. Beispielsweise bespickten wir den Bühnenbereich mit Karten, auf denen Zitate aus Kleist-Werken standen, die anschließend in die gespielte Szene eingebaut werden sollten. Auch durfte in einer Szene eine Spielerin ausschließlich mit Sätzen aus einem Drama sprechen, wobei sie das Textbuch mit auf der Bühne hatte. Die Spielerinnen hatten die Aufgabe, die Szene sinnig voranzubringen, während sie zum Teil sehr wahllose Zitate in einen logischen Kontext betten mussten.

Nach zwei Wochen stand unser Kleist-Thema fest, welches sich sowohl in der Biografie als auch in den Werken förmlich aufdrängte: „Innere Zerrissenheit". Es stellte sich durch die ausgiebigen Gespräche mit den Spielerinnen heraus, dass „Innere Zerrissenheit" ein Thema war, mit dem sie sich gut identifizieren konnten – schließlich standen sie in ihrem Leben gerade selbst vor etlichen Entscheidungen und Möglichkeiten, welche großen Einfluss auf die persönliche Zukunft haben. Einige fragten sich, was sie nach dem Abitur machen wollen; andere fragten sich, ob ihr Lebensplan, von dem auch Kleist immer wieder spricht, wirklich sinnvoll ist.

In den darauffolgenden Proben beschäftigten wir uns viel mit 'narrative skills' nach Keith Johnstoneund Improvisationsübungen, um eigene Geschichten und mögliche Szenen zum Thema „Innere Zerrissenheit" zu finden.

Nach drei Wochen wurde es dann ernst. Wir teilten das Ensemble in Kleingruppen von jeweils drei Spielerinnen ein. In diesen kleinen Gruppen sollte jede ein Kleist-Zitat ihrer Wahl bestimmen. Anschließend wurden die zu spielenden Geschichten festgelegt und erste Gestaltungsideen ausprobiert. Jede Spielerin legte den Inhalt einer Szene fest, in der sie selbst die Protagonistin war. Die anderen Spielerinnen konnten nach Bedarf in die Szene eingeplant werden. Nun konnten wir konkret an den einzelnen Szenen arbeiten. Die Kleingruppen arbeiteten an den Szenen, wobei Zwischenergebnisse immer der gesamten Gruppe präsentiert wurden. Das Feedback der anderen Spielerinnen hatte großen Einfluss auf die weitere Arbeit.

Das Einarbeiten der Zitate klappte wider Erwarten nahezu problemlos. Im Vorfeld hatte ich die Vermutung, dass es die größte Schwierigkeit darstellen würde, Kleist in unserem alltäglichen Sprachgebrauch zu Wort kommen zu lassen. Doch funktionierten seine Zitate erstaunlich gut. So passte der Satz aus Penthesilea „Sie sank, weil sie zu stolz und kräftig blühte" sehr gut in die Gedankenwelt einer Spielerin, die befürchtete, sich mit ihrem Umzug nach Berlin zu viel zugemutet zu haben und nun womöglich zu stolz war, sich dies einzugestehen. „Tue recht und scheue niemand!" fand sich auf einem Protest-Plakat wieder. „Was sonst, beim Styx" war ein Zitat, welches uns fast während der gesamten Probenzeit verfolgte. Das Wort Styx (= der Fluss in der Unterwelt) fand in jeglichen Kontexten Verwendung. So wurde nicht mehr von Samstag, sondern von Samstyx gesprochen und Frühstück wurde durch Frühstyx ersetzt. Natürlich wurde somit auch unser Stück Styx genannt. Das nur als Beispiel, wie uns Kleist über die Proben hinaus begleitete. Bald schon sagte man auch nicht mehr „Bis gleich!" sondern „Bis Kleist!"

Worauf viel mehr geachtet werden musste, war, dass wir unser Hauptthema nicht verlieren. Durch wochenlanges Arbeiten an den Szenen wurde mitunter mehr Fokus auf die Gestaltung als auf den Inhalt gelegt. Alle Szenen wurden daraufhin noch einmal auf ihre „Innere Zerrissenheit"-Problematik geprüft. In der Folge musste eine Szene komplett umgeworfen werden. Wir alle trauerten um die gestrichene Szene, da in ihr schon viel Herzblut steckte. Doch in Zusammenarbeit mit der ganzen Gruppe entstand eine wunderbare neue Geschichte.

Nach vier Wochen wuchs unser Ensemble. Héctor Marroquin, ein Student für Komposition an der Hochschule für Film und Fernsehen (HFF) Potsdam, erklärte sich schon zu Beginn der Produktion bereit, für unser Stück die musikalische Untermalung zu übernehmen. Nun konnte er sich bereits die Grobentwürfe der Szenen anschauen, erste Ideen einbringen und Wünsche der Spielerinnen entgegennehmen. Die individuellen Kompositionen machten jede Szene zu etwas Besonderem. Die einzig offene Frage war an der Stelle lediglich: Wer wird die Musik spielen? Wir kamen auf eine Schülerband aus Berlin-Weißensee. Sie probten die Stücke selbstständig ein und sollten dann zu den Proben dazu stoßen.

Natürlich gestaltete es sich als kompliziert, gemeinsame Probentermine zu finden. Aufgrund dessen, dass wir im Maxim Gorki Theater den Probenraum immer weit im voraus reservieren mussten, waren wir überhaupt nicht flexibel. Die Musiker waren allerdings an den festgelegten Terminen nicht verfügbar. Zwei Tage vor der Premiere sollten die Musiker dann endlich erstmals dazustoßen – leider war die Band nicht komplett: Der Gitarrist war verhindert. So kam es, dass wir am Tag vor der Premiere das erste Mal mit der kompletten Besetzung probten. Am selben Tag sollte es eine öffentliche Probe geben. Wir hatten drei Stunden Zeit, bevor Zuschauer in unseren Probenraum kommen würden. Erstaunlich war, dass Musiker und Spielerinnen nicht die geringsten Zweifel daran zu haben schienen, dass das Zusammenspiel gut funktionieren würde. Aufgrund dessen, dass für großartige Veränderungen und Verbesserungen ohnehin keine Zeit mehr blieb, war dies vermutlich die gesündeste Haltung. Und tatsächlich harmonierten Band und Spielerinnen unheimlich gut. Nach zweieinhalbstündiger Probe und keiner Zeit für eine Raucherpause wurde ein öffentlicher Durchlauf präsentiert. Dies führte zu einer angenehmen Sicherheit beim gesamten Team. Dass wir nach der Premiere zumindest nicht ausgebuht werden würden, schien uns sicher.

Doch noch hatten wir nicht mit dem hauseigenem Techniker, der die Vorstellung fahren sollte, proben können. Da sich ein Treffen mit dem Lichttechniker im Stress des Kleist-Festivals nicht eher einrichten ließ, hatten wir schlussendlich drei Stunden vor Vorstellungsbeginn unsere erste und letzte Lichtprobe. Eine Herausforderung für alle Beteiligten. Wir hatten einen Plan erstellt, welche Lichteinstellungen wir uns wünschten. Ob diese Wünsche umgesetzt werden könnten, sollte sich nun erst herausstellen. Wir waren auf das Schlimmste vorbereitet und hätten notfalls auch bei Putzlicht gespielt. Der Lichttechniker kompensierte unsere Aufregung mit einer angenehmen Lässigkeit und ließ unser „Styx" im schönsten Licht erstrahlen.

Die ausverkaufte Vorstellung wurde ein voller Erfolg!

Zusammenfassend kann man wohl sagen, dass in Anbetracht der knapp bemessenen Probenzeit das intensive Ensemble-Training stark zum Gelingen der Produktion beigetragen hatte. Wenn die Musik zu spät eingesetzt oder das Licht an falscher Stelle ausgegangen wäre, hätte die Gruppe damit umgehen können. Jede im Team konnte sich auf die anderen verlassen und war sich bewusst, dass sie zusammen das „Styx" gut meistern und alle darauf achteten, dass sie gemeinsam gut aussehen würden. Besonders erstaunlich fand ich auch, wie gut sich unsere Musiker in die Gruppe einfanden. Trotz der kurzen Zeit, die gemeinsam geprobt wurde, waren sie sofort Teil der Gruppe. Alle Projektmitglieder würden eine erneute Zusammenarbeit sehr begrüßen. Ein Idealzustand!

verfasst von Julika Tulipa am 01. Nov. 2013