placebo - Ein Interview mit Oliver Pauli

placebo - Ein Interview mit Oliver Pauli

placebo - Ein Interview mit Oliver Pauli

Ein schnuckeliges Café in Münster: Hier traf ich auf Oliver Pauli, welcher mir anlässig des TOPic des Monats "Theater in Unternehmen" die Ehre erwies und sich interviewen ließ.

Julika: Hallo Oliver Pauli!
Schön, dass du uns Rede und Antwort stehst!
Wie hast du denn den Weg ins Theaterleben gefunden?

Oliver: Ich habe das erste Mal Theater in der Schule gespielt. Da war ich 16 Jahre alt. Schule, also arbeiten lernen und so, habe ich als relativ anstrengend empfunden, und ich musste mich immer ganz schön stressen, um gute Noten und Anerkennung zu bekommen.
Dann konnte man sich in der Schule für Theater anmelden. Und da habe ich erfahren, dass man für etwas, was Spaß macht, wo man sich ganz neu erlebt, - dass man dafür gute Noten bekommt; Anerkennung, am Ende sogar Applaus, wenn man auf der Bühne steht.
Das war für mich ein Aha-Erlebnis ganz grundlegender Art.
Theater zu machen, hieß für mich, sich als Mensch ganz neu zu erleben. In verschiedene Rollen zu schlüpfen und dadurch andere Blickwinkel zu erleben. Das alles hat mich nie wieder losgelassen.

Julika: Du bist dann aber kein Schauspieler geworden..

Oliver: Nein, bin ich nicht. Ich komme ja doch aus einem recht konservativen sauerländischen Umfeld. Da war das natürlich beeindruckend. Aber eine Schauspielkarriere war da keine Alternative zu einem bodenständigen Studium; auch aufgrund der Perspektiven ökonomischer Art.
Und somit bin ich dann in die Pädagogik eingestiegen. Am Ende bin ich Diplompädagoge mit dem Schwerpunkt Erwachsenenbildung geworden und arbeite heute wunderbarer Weise immer noch mit Theater, da ich relativ schnell ein Theater-Ensemble gegründet habe.

Julika: Womit du eine hervorragende Überleitung zum placebo Theater gemacht hast. Wie kam es zur Gründung dieser Gruppe und was steckt hinter diesem Namen?

Oliver: 1994 gab es ein paar Studienanfänger, unter anderem ich, die einiges gemeinsam hatten: Wir wollten Theater machen!
Ich entdeckte damals eine Anzeige in der Zeitung, in der es hieß eine Theatergruppe würde sich neu gründen und wer mitmachen wollen würde, solle dann und dann dort hinkommen. Das habe ich dann gemacht.
Und ja, wir haben uns dann placebo Theater genannt. Ich weiß auch gar nicht mehr, wie es dazu kam. Irgendwann wurde der Name auch nochmal diskutiert, ob der nun gut ist oder nicht. Aber wir fanden ihn gut, weil ja alles, was wir da spielen aus uns selbst kommt – durch unseren Kopf, unseren Geist, versuchen wir da neue Dinge auf die Bühne zu bringen. Und das ist ja beim placebo-Effekt auch so beeindruckend – dass alles aus dem Geist heraus passiert und man gar nicht genau weiß, warum jemand gesund wird. Zudem heißt placebo wörtlich übersetzt: Ich werde gefallen. Und das hat sich eigentlich auch nicht schlecht angefühlt.
Ja, und das Ensemble ist immer noch aktiv.

Julika: placebo Theater habe ich als sehr beliebte Impro-Gruppe in Münster kennengelernt. Hattet ihr euch von Anfang an auf dieses Genre festgelegt?

Oliver: Nein, zu Beginn hatten wir viel inszeniert. Wir hatten viele Klassiker neu aufgeführt und uns selbst zu Theatermachern ausgebildet. Wir hatten während des Studiums damals auch die Zeit, uns mal tagelang einzusperren um zu proben und zu experimentieren. Das war eine tolle Zeit.
Und irgendwann wurden aber alle mit dem Studium langsam fertig. Das hieß, wir hatten weniger Probenzeit. Gleichzeitig bekamen wir die Möglichkeit eine Bühne monatlich zu bespielen. Und da wir Impro aus den Proben kannten und uns Spaß machte, hatten wir aus der Not eine Tugend gemacht. Und machten einmal im Monat eine Improshow. Das entwickelte sich dann auch bald schon zu einem Geheimtipp in Münster. So kam das.

Julika: Zudem gibt es ja auch das Unternehmen placebo. Wann entwickelte sich die Idee, mit Theater richtig Geld zu verdienen?

Oliver: Na man überlegt ja wie man sein Leben leben möchte. Denn merkten wir, dass wir, auch durch das Gewinnen von Preise, ganz gut sind in dem was wir tun. Zudem arbeitete ich in der Unternehmensberatung, wie Eva-Maria Jazdzejewski auch.
Irgendwann merkten wir, dass man nicht mehr soviel parallel machen kann. Festanstellung hier und gleichzeitig ganz viel Thaterspielen wollen.
Und die Entscheidung ein Unternehmen zu gründen, welches auch Unternehmenstheater anbietet, lag irgendwann auf der Hand.
Nach etwa zwei Jahren haben wir uns von der Unternehmensberatung getrennt und haben uns entschieden ein Unternehmen zu gründen, was auch für Unternehmenstheater stehen will.

Julika: Sind im Unternehmen als auch im Theater-Ensemble die gleichen Menschen tätig?

Oliver: Also es gibt den Kopf von placebo, die Inhaber. Das sind Eva-Maria Jazdzejewski und ich. Es gibt noch Angestellte, die die Projekte an Land ziehen usw. Und dann gibt es da auch ein festes Ensemble, da spielen Eva und ich ebenfalls mit, aber auch noch acht weitere Spieler. Die Spieler werden immer frei mit dazu geholt. Und außerdem spielen wir regelmäßig im Hot Jazz Club in Münster.

Julika: Was bietet das Unternehmen placebo an?

Oliver: Ganz verschiedene Sachen. Das kommt ganz auf die Fragestellung an, mit der ein Unternehmen auf uns zukommt.
Zum Beispiel gibt es Menschen in Unternehmen, die regelmäßig vor Gruppen stehen, Vorträge halten. Die wenden sich dann an uns, die schon lange professionell auf der Bühne stehen, einen pädagogischen Hintergrund haben, wissen was Selbstausdruck bedeutet, was Präsenz ist und wie man mit Stimme umgeht. Dort werden wir eingeladen, um Mitarbeiter ein bisschen fit zu machen, dass sie gut wirken und Themen gut rüberbringen können. Das sind so die kleinen Dingen.

Dann gibt es Unternehmen, wo wir Improvisationstraining mit den Mitarbeiter, die beispielsweise im Vertrieb, im Innendienst arbeiten, machen. Diese Unternehmen haben mit uns gemeinsam erkannt, dass Improvisation eine ganz spannende Welt aufmacht, wenn man sich dem Thema neugierig zuwendet und sich fragt, was hat denn Impro mit meinem eigenen Leben, zutun – auch mit meinem Berufsleben?
Improvisation ist ja, sich neugierig auf etwas einlassen, was ungeplant ist. Wenn mir jemand etwas sagt, kann ich mich vielleicht drauf vorbereiten, was das sein könnte, aber ich werde nie vorher genau wissen, was das ist. Also improvisiere ich im Leben eigentlich immer. Darauf sich dann spielerisch einlassen und zu gucken, welche Haltung ist denn wichtig, um offen und durchlässig für mein Gegenüber und seine Ideen zu sein, ist bei solchen Veranstaltungen Thema.

Und dann gibt es Veranstaltungen, wo es um Kreativität, Innovation geht. Auch da ist es dann wieder wichtig, offen zu sein, durchlässig zu sein, Ideen nicht abzublocken sondern gemeinsam weiterzudenken.
Da werden wir manchmal auf Meetings über mehrere Tage eingeladen, wo es darum geht, wie man kreativer, ideen-freundlicher miteinander arbeiten kann.

Des Weiteren gibt es eine jährliche Veranstaltung, da geht es um Integration aller europäischer Mitarbeiter in einem Großunternehmen. Und die trommeln dann alle neu angestellten Mitarbeiter aus ganz Europa für eine Woche zusammen. Dort geht es dann um Netzwerkarbeit, sich kennenlernen usw. Diese Woche begleiten wir auch komplett.
Ein theaterpädagogischer Baustein ist es dabei, mit Vorurteilen zu arbeiten. Also wie wird über verschiedene Kulturen gedacht, oder über Menschen die aus Frankreich, England oder Spanien kommen. So etwas wird dort spielerisch aufgearbeitet, wo es viel um Lebendigkeit und Spaß geht.

Julika: Viele Theaterpädagogen interessieren sich für eine bestimmte Zielgruppe, wo oft auch idealistische Werte hinter stehen. Was hast du für eine Motivation, deine Fähigkeiten Unternehmen zur Verfügung zu stellen?

Oliver: Ja, das ist eine gute Frage. Wenn man es aus so einer linken Ecke – wenn man so will – reflektiert, könnte man auf den Gedanken kommen, man stelle sich in den Dienst der ausbeutenden Klasse, und ist das gut?
Erstmal finde ich, sind Unternehmen nicht gleich Unternehmen. Unternehmen sind auch kleine Tante Emma Läden oder auch Öko-Betrieb. Ich meine, Unternehmen sind nicht automatisch Ausbeuter, wo man sagt, für die will ich nichts machen – wenn man das mal so theatralisch reflektieren möchte.
Natürlich gibt es auch Unternehmen, die politisch höchst unkorrekte Dinge tun. Wenn diese eine bestimmte Schwelle überschreiten, arbeiten wir für die nicht.
Wenn irgendeine Waffenfirma von uns wollen würde, dass wir ein paar Maschinengewehre schick in Szene setzen, jetzt mal übertrieben formuliert, dann wären wir da nicht mit im Boot.

Gleichzeitig finde ich ganz grundsätzlich, es ist wichtig zu erkennen, dass Geld in unserem Staat ja erarbeitet werden muss. Geld, was im öffentlichen Raum verteilt wird, beispielsweise über Steuereinnahmen, muss durch Unternehmen erarbeitet werden. Ohne Unternehmen, die erfolgreich sind und Steuern zahlen und Leute einstellen, die ebenfalls dann Steuern zahlen, gäbe es unser Land in der Form nicht. Gute Unternehmen fit zu machen und zu unterstützen, finde ich von daher eine grund gute Sache.
Ich sitze hier in einem schönen Café und trinke einen schönen Tee und ich möchte, dass es länger erhalten bleibt – und das ist ja auch ein Unternehmen.

Julika: Nun habt ihr in Unternehmen nicht immer mit Teilnehmern zu tun, die total freiwillig dabei sind. Wie schafft ihr es, die Menschen, die vielleicht gar nicht unbedingt etwas mit Theater zu tun haben wollen, zu motivieren?

Oliver: Ganz wichtig ist es für die Arbeit in Trainings oder Seminaren, den Teilnehmer nicht im Widerstand zu haben, sondern an meiner Seite. Da ist für mich der Schlüssel, nicht zu schnell mit der Tür ins Haus zu fallen.
Wenn man bei den Teilnehmern mal nachfragt, was sie wollen, beziehungsweise, was sie auf gar keinen Fall wollen, kommt da vielleicht: Rollenspiele – auf gar keinen Fall! Das entspricht ja einer Angst. Die sollte man erst mal ernst nehmen und vielleicht überlegen, woher diese Ängste kommen. Und da kommt man dann dahin, was sie wirklich nicht wollen: ausgestellt zu werden, sodass ein Schamgefühl entsteht.

Ja, man sollte die Menschen mit ihren Gedanken und Bedenken ernst nehmen. Meine Ansicht nach muss man methodisch sehr sensibel sein, behutsam vorgehen und erst dann theaterpädagogisch arbeiten, wenn allen klar ist, was das bringt, und warum das sinnvoll ist, genau so zu arbeiten. Vielleicht auch die Methode anbieten und zu sagen: Ich würde das gerne mal mit euch ausprobieren – würdet ihr da mit machen?
Und eben kleinsprittig arbeiten oder zunächst Übungen nur mit Leuten durchführen, die das freiwillig machen.

Julika: Ein schönstes Erlebnis:


Kürzlich hatten wir für ein größeres Unternehmen mit den regionalen Vertriebsteams gearbeitet und mit denen haben wir auch eine wilde Theatersession gemacht, wo alle am Ende auch auf der Bühne standen. Im Anschluss daran haben wir mit denen die Grundprinzipien des Improvisierens, des Zusammenspiels zusammengefasst. Wie wir, aus Theatermacher-Sicht, Zusammenspiel als „gut“ beschreiben würden.
Und da habe ich geschrieben:
1) Ja sagen! Also, die Ideen aufzunehmen und nicht zu blockieren.
2) Mach den anderen groß! Dafür zu sorgen, dass mein Kollege, Mitspieler gut aussieht. Und wenn das alle tun, dann geht es wohl allen gut.
3) Retten ist Pflicht! Wenn jemand auf der Bühne eienn Hänger hat, ist es gut, wenn man reingeht und ihn unterstützt.
4) Die Szene geht vor.
Anschließend kam ein Teilnehmer auf die Bühne und hat die Prinzipien abfotografiert und gemeint: Das sind ab jetzt die Regeln für die Arbeit in unserem Team!
Und das fand ich schön! Dass unsere Impro-Regeln für ihn und seine Teamarbeit so greifbar waren, dass das nun seine neuen Leitlinien sein sollten.


Lieber Oliver, ich danke dir für die ausführliche Beantwortung meiner Fragen!
Alles Liebe dir und weiterhin viel Erfolg mit placebo!

verfasst von Julika Tulipa am 28. Feb. 2014