Störfaktor - Ab auf die Couch

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TOP: Hallo Cerridwen, du bist Theaterpädagogin und hast Anfang des Jahres mit einer Jugendgruppe ein Stück zum Thema "Psychische Erkrankungen" gemacht.

Wie kam es, dass sich diese Jugendlichen gefunden haben und zu diesem recht speziellen Thema ein Stück entwickelt haben?

CJ: Nach einigen Wochen in denen wir uns wöchentlich zum kennenlernen getroffen haben, habe ich die Jugendlichen mit Methode aus dem Kreativen Schreiben frei assozieren lassen und alle Begriffe gesammelt, die aufkamen. Dafür gab es am Ende eine Sammlung mit Wörtern auf zwei Listen „Dinge die auf jeden Fall in unserem Stück vorkommen sollen" und „Dinge, die auf gar keinen Fall in unserem Stück vorkommen sollen". Auf dieser Liste standen Begriffe wie „Normal sein", „Krank", „Verrückt", „Abhängig", ... als wir uns die Woche darauf trafen lies ich die Gruppe die Begriffe nochmal anschauen und fragte sie, was ihnen dazu einfällt. Gemeinsam kam dann das Thema „psychische Erkrankungen" dabei raus. Ich hatte erstmal ganz schön schiß vor so einem komplexen Thema!

TOP: Wo haben die Proben und die Aufführungen stattgefunden? Hattest du Unterstützer?

CJ: Wir haben im Jugendzentrum Paul-Gerhart-Haus in Münster geprobt und auch aufgeführt. Die Theaterabteilung oder auch „Theatermafia" umfasst mehrere Improgruppen und szenisches Lesen. Ich konnte in den Räumen proben und hatte ein gewisses Budget für Bühne, Kostüm und Werbung zur Verfügung gestellt bekommen.

TOP: Wie alt waren die Jugendlichen und hatten sie schon im Vorfeld Erfahrungen mit Theater gemacht?

CJ: Ich hatte acht Spieler/innen zwischen 13 und 18. Sie waren fast alle aus dem Improkurs rekrutiert oder hatten schon in Inszenierungen am PG oder an ihrer Schule mitgespielt. Es waren hochmotivierte, erfahrene Spieler – auf gewisser Weise auch eine Herausforderung!

TOP: Mit welchen Ideen oder Zielsetzungen im Kopf bist du in die ersten Proben gegangen?

CJ: Die Proben sollten zu einer Aufführung führen, die ich für das Ende meines Studiums als Abschlussinszenierung werten lassen wollte. Ich hatte mir thematisch aber noch keinen Schwerpunkt gesetzt, und wollte mit den Jugendlichen gemeinsam herausfinden, was sie interessiert. Ich war ganz schön nervös vor der ersten Probe, aber die Kids waren super!

TOP: Und was glaubst du, was die Jugendlichen in deiner Gruppe für Erwartungen hatten?

CJ: Ich glaube, ihnen lag vor allem daran, sich auszutoben! Alle hatten total Lust Theater zu spielen und ich musste eher bremsen als anstacheln wenn es um Partizipation ging.

TOP: Wie hast du den Anfang gestaltet? Magst du kurz beschreiben was in den ersten Treffen mit der Gruppe so passiert ist!?

CJ: Das ist nun schon über ein Jahr her... Für mich bestand die Schwierigkeit in erster Linie darin, dass die Jugendlichen sich untereinander fast alle kannten. Ich musste also Wege finden sie kennen zu lernen, ohne dass es ihnen langweilig wird. So weit ich mich erinnern kann, habe ich sie einander vorstellen lassen. Außerdem gab es von der ersten Stunde an das Ritual als allererstes durch den Raum zu gehen, zur Ruhe zu kommen und dann bei einem Zeichen meinerseits stehen zu bleiben und die Augen zu schließen. Ich habe dann einen Namen aufgerufen, und alle mussten auf die Person zeigen. So konnte ich die Namen lernen und die Teilnehmer haben ihre Konzentration für die Stunde ausgegraben und den periphären Blick geschult. Von Woche zu Woche wurde es natürlich schwerer und es wurden Fragen gestellt wie „Wer hat keine Schwester?" oder „Wer trägt gelbe Socken?". Das hat angeregt sich vorher oder nachher über persönliches auszutauschen, auch diejenigen, die vorher nicht viel miteinander gemein hatten.

Am Ende gab es dann einen Applauslauf nach jeder Stunde in dem jeder von uns einmal für egal was so richtig applaudiert wurde. Da endet jede Einheit, egal wie sie lief, positiv!

TOP: Wieviel Eigenerfahrung - oder besser gesagt -  Betroffenheit brachten die Jugendlichen zum Thema mit in die Proben? Und war das hilfreich oder eher hinderlich?

CJ: Die Jugendlichen hatten alle total Interesse an dem Thema, von ihnen fielen Worte wie „Tabuthema" oder „Gesellschaft". In den ersten Monaten machten wir uns gemeinsam auf die Suche nach Informationen und immer wieder wurde Musik, wurden Bücher oder Filme mitgebracht und vorgestellt. Mir lag sehr sehr viel daran keine persönlichen Geschichten aufzudecken, außer die Jugendlichen wollten es, und davon wurde auch nichts für das Stück verwendet. Anfangs wußte ich nicht, was mich erwartet, und ob ich alles auffangen könnte. Da wir aber sehr „wissenschaftlich" mit dem Thema in der Arbeit umgingen, war das überhaupt kein Thema. Bei gemeinsamen Gesprächsrunden oder Pausen wurde dann auch über eigene Erfahrungen geredet, aber auf eine überraschend disziplinierte Art und Weise.

TOP: Was hat dir am Produkt schließlich besonders gut gefallen und was hättest du im nach hinein gerne anders gemacht?

CJ: Mir gefällt besonders die Arbeit, die wir als Gruppe geleistet haben, die intensiven Gespräche die wir untereinander geführt haben, auch mit einem Psychologen der in einer Tagesklinik arbeitet. Die Aufführung ist mir in der Probenzeit manchmal aus den Augen geraten, das hat man später gemerkt, aber wichtiger war mir wirklich das Gefühl der Teilnehmer als Gruppe sich einem Thema genähert zu haben, worum in der Schule und im Freundes- und Familienkreis meist geschwiegen wird.

TOP: Möchtest du weiterhin Theater mit Jugendlichen machen?

CJ: Auf jeden Fall! Die Gruppe war so super, da möchte jeder fortfahren!

TOP: Vielen Dank für das Interview, Cerridwen. Alles Gute für dich und Tschüss!

verfasst von Lu Reichel am 04. Dec. 2013