Von Münsters Mini Mimen

Von Münsters Mini Mimen

Von Münsters Mini Mimen

theaterXS? Beim Namen des Münsteraner Theaterlabels kommen einem verschiedene Bilder in den Kopf: Miniaturbühne? Babies? Theater im Kleinstformat?

Und ja "Theater von Kindern für Kinder" verbirgt sich hinter der Konfektionsangabe im Titel und das passt ja perfekt zu unserem Monatsthema "Kinder, Kinder!"

In einer konservativ-katholischen Stadt wie Münster, ist die breite kulturelle Bildung des eigenen Kindes fast schon ein Muss. Dass die Kinder "Theater spielen" gehört hier irgendwie zum guten Ton und so hat fast jede Schule im Stadtgebiet eine Theater-AG, oft sogar mit Unterstützung eines eigens engagierten Theaterkünstlers, in petto. Neben TPZ und Stadttheater bieten viele freie Theaterpädagogen ihre Dienste sowohl auf dem Sektor Schule, aber auch in diversen Freizeiteinrichtungen an - man könnte behaupten, der Markt sei gesättigt. Und das stetig auf hohem Niveau. TOP hat sich also auf die Suche gemacht, um für das TOPic des Monats Oktober ein ganz besonderes Kindertheater vorzustellen:

theaterXS!

Unter der Leitung der Theaterpädagogin Stefanie Bockermann hat sich ein ungewöhnliches Theaterprojekt in der westfälischen Stadt Münster entwickelt: Kinder spielen Stücke aus der klassischen Theaterliteratur. Aber irgendwie ganz anders als man es erwartet. Stefanie Bockermann geht mit ihrem Kinderensemble einen ganz eigenen Weg. Sie ist nicht nur Gruppenleiterin, sondern auch Regisseurin und Autorin.

Ich habe Stefanie Bockermann in Münster getroffen und anschließend dem Ensemble einen Besuch bei den Proben zu Viel Lärm um nichts abgestattet.

Die Entstehung von theaterXS

Zunächst wollte ich einmal wissen, wie die Idee entstanden ist, Werke der klassischen Theaterliteratur mit Kindern zu erarbeiten.

Stefanie:

Ich habe als Theaterpädagogin am Staatstheater in Kassel gearbeitet und da musste ich Klassiker an die Schulen bringen - den Don Carlos und Ähnliches so schlecht gelaunten Teenager näherbringen. Dabei mag ich die meisten der sogenannten Klassiker, ich finde die Grundgeschichten aller Klassiker total spannend und faszinierend. Ich habe zwei Kinder, denen ich immer Kinderbücher vorgelesen habe. Und bei den Klassikern habe ich immer gedacht: "Ey, das sind super Kindergeschichten!". Also zum Beispiel Die Räuber - wenn man da fast alles wegnimmt an politischem und philosophischem Tiefgang - dann entstehen ganz tolle Kindergeschichten. Egal ob man Macbeth oder Faust hat. Und als ich dann wieder nach Münster kam, ich hatte gerade irgendwo Leonce und Lena gesehen und da habe ich gedacht: "Das ist ja die Kindergeschichte schlechthin!" Mit einem Prinzen der nicht König sein will, ein kleiner Junge der nicht groß werden will, wo die Eltern sagen:"Jetzt mach doch mal!". Aber er will nicht, er will in Wäldern auf Bäume klettern, er hat keinen Bock auf Schule und auf Struktur.

Ich musste ja hier in Münster wieder Fuß fassen und dachte mir, dann suche ich mir jetzt Kinder zusammen und dann nenne ich das theaterXS und dann mache ich Leonce und Lena. Ich habe hier in einer alten Schule einen Klassenraum zum Proben bekommen und das war es dann eigentlich schon, so entstand das erste Stück.

Und so funktioniert theaterXS!

theaterXS Ensemble

Das Besondere an theaterXS sind aber nicht bloß die jungen Darsteller mit dem Stoff der großen Werke - sondern auch individuell an die Gruppe angepasstenTextfassungen, welche Stefanie Bockermann zu jedem der Stück schreibt:

Stefanie:

Zuerst gucke ich mir die Geschichte an. Ich lese wenig Originaltext, weil dann werde ich oft so komisch geistig überhöht und das will ich gar nicht, weil das ja für Kinder sein soll - das heißt , ich lese mir die Geschichte durch und gucke wieviele Kinder habe ich, was für Rollen brauche ich und dann fange ich an zu schreiben. Da passiert es dann auch, dass die Geschlechter wechseln. Zum Beispiel: "Oh ich brauche sechs Jungen. Hhmm ... hab ich aber nicht, also wird die Figur ein Mädchen!" Ich gehe da auch ganz naiv ran, auch an diese schweren Texte. Ich habe halt fast überhaupt keinen Respekt - das darfst du nicht haben. Ich hab diesen Gymnasialblick nicht. Und mittlerweile finden nicht nur die Grundschulen, sondern auch einige Gymnasien in Münster das toll, was ich da mache. Man kann natürlich so eine Haltung haben: "Das darfst du doch nicht machen!". Aber klar darf ich das, ich hab eben keine Angst vor dem Text. Ich finde auch, man unterschätzt Kinder immer so sehr. Man glaubt gar nicht, was die alles durchschauen. Und da kann man denen auch, zumindest im Ansatz, den philosophischen Hintergrund von der Beziehung Faust-Mephisto zutrauen. Obwohl die manchmal erst in der vierten oder fünften Klasse sind.

Ich schau mir dann also so ein paar wichtige Szenen im Reclam an und fange an zu schreiben und daraus wird dann das Stück. Diese Arbeit an den Stücken ist ganz toll. Und die Kinder finden das auch. Und da es funktioniert, dachte ich dann ziemlich schnell: "Das ist ja cool, das macht ja voll Spaß!"

Von der Pike auf

TOP interessiert sich natürlich vor allem auch für die konkrete Theaterarbeit mit Kindern. Wie wird denn aus Text oder Idee ein ganzes Stück? Bei theaterXS sieht der szenische Prozess folgendermaßen aus:

Stefanie:

Bei den Räubern zum Beispiel, da hatten wir bestimmt ein Jahr vorher mit Schauspieltraining begonnen, also lange bevor wir überhaupt dran gedacht haben, welches Stück und so weiter. Und die Kinder fragten: "Wann fangen wir an?" und ich habe gesagt: "Wir fangen an, wenn ich das Gefühl habe, ihr habt kapiert - nicht nur im Kopf, vorallem im Bauch - was Theater bedeutet. Ich möchte, dass alle ein Gefühl dafür entwickelt haben, was Theatralität bedeutet. Also, dass sie sich nicht selbst spielen -  nicht Vater, Mutter, Kind. Und dann fangen wir an, aber das kann dauern. Manche sind schneller, die fördere ich dann weiter. Das dauert aber auch mal zwei, drei Monate bis wir überhaupt mit den Proben beginnen. Nicht alle Kinder haben so einen langen Atem, da springen auch welche ab. Und wenn sie dann soweit sind, dann fange ich an zu schreiben. Klar, die Kinder sagen dann: "Ich will das und das!" - ich notiere mir alles, verteile Rollen und berücksichtige Wünsche, schreib denen die Rollen auch mal drauf. Und der Vorteil am Selbstschreiben ist, es kommen alle unter. Ich kann dafür sorgen, dass beispielsweise der Geist immer wieder auftaucht und er nicht die ganze Zeit hinter der Bühne sitzt. Das ist mein Ziel, ich versuche alle gleich einzubeziehen und das merken die auch. Und wenn die Kinder lange bei mir spielen, dann versuche ich es auch so zu machen, dass die von Produktion zu Produktion immer etwas Neues über sich erfahren. Zum Beispiel: "Letztes Mal hast du voll das Biest gespielt, jetzt machen wir mal was ganz Weiches." Das ist mir ganz wichtig für die Weiterentwicklung.

theaterXS Ensemble

Die Hammerproben

Stefanie:

So und dann zieht es sich langsam zu. Die Gruppenbildung ist abgeschlossen, der Text ist geschrieben und dann geht's an die Proben. Die Hammerproben kommen natürlich immer am Ende. Meistens haben wir dann nur noch wenige Proben. Da ist dann Disziplin ganz wesentlich. Aber ich liebe diese Arbeit, ich bin dann ganz nah dran. Und bei theaterXS kann man sagen, ich arbeite recht autoritär - so in den Endproben finde ich mich auch sehr streng. Aber komischerweise können Kinder das ganz gut ab. Ich glaube, das ich die Kinder relativ stark fordere und fördere, dass vielleicht Strenge da gut funktioniert. Denn sie kommen meist alle wieder. Ich habe oft nach den Endproben das Gefühl: "Die sind hiernach alle weg." Ich gehe zum Schluss sehr stark auf die Form, das ist mir unheimlich wichtig. Der Prozess bei theaterXS ist absolut ergebnisorientiert, das Ergebnis zählt. Da ist eine lange Phase des Lernens und dann geht's ums Produkt. Das kommt auch erst raus, wenn ich merke: "Jetzt ist es gut!". Da habe ich auch schon Aufführungstermine verschoben. Und diese Bewertung, die traue ich mir auch zu. Oft heißt es, wenn Kinder was machen dann ist das doch schon toll!  Das stimmt auch, aber bei theaterXS geht es mir darum, das jedes Kind seinen Platz gefunden hat, alles stimmig und schlüssig ist. Und das ist auch gut so.

Ich bin keine Kinderschauspielschule!

Stefanie:

Und was auch ganz wichtig zu erwähnen ist, ich hatte auch schon Kinder, die konnten sich keine drei Zeilen merken und trotzdem waren die dabei. Mir geht es gar nicht nur darum etwaige Talente zu entdecken. Also ich werde natürlich angerufen von Eltern, die meinen: "Mein Kind will Schauspieler werden. Der ist toll, der muss bei ihnen mitspielen!" Manchmal hat theaterXS so eine Außenwirkung von einer elitären Veranstaltung. Ich habe öfter solche Anrufe, wo ich dann sage, dass es mir völlig egal ist, ob der Sohn eine totale Rampensau ist, die brauche ich gar nicht unbedingt. Ich mag auch gerne die Kinder, die man erst locken muss, die aber wollen. Ich hatte zum Beispiel ein Mädchen dabei, die konnte sich ihre fünf Sätze nicht merken. Sie wollte total, aber der Text ging nicht rein. Und als es dann auf die Premiere zu ging, wurde ich ein bisschen nervös - aber ich wollte auf keinen Fall sagen: "Du kannst das nicht, du gehst!". Und dann hat ein Junge, der auch einen Räuber gespielt hat, ihren Text mitgelernt und in dem Moment konnte sie es. Sie wusste, da ist jetzt ein doppelter Boden. Ab da war sie so begeistert dabei. Für mich war dann total klar, dass sie bleibt. Ich habe natürlich überhaupt nichts gegen Kinder, die gut Theater spielen können, aber ich hab auch nichts gegen die, die Schwierigkeiten haben und es trotzdem toll finden und sich bemühen müssen. Wir sind eben im bürgerlichen Münster, die Eltern sehen das: "Klassiker für Kinder" - die finden das geil. Die erblicken einfach eine weitere Bildungschance, das merkt man stark. Und ich versuche da eben ein bisschen gegenzusteuern.

theaterXS Ensemble

Das theaterXS nennt sich nicht Kindertheatergruppe oder Theater AG oder Theaterkurs, sondern Kinder-Ensemble. Eigentlich ein Begriff aus dem Berufstheater, für den Stefanie Bockermann aber gute Gründe hat:

Stefanie:

Ich will keine Kinderkurse, sondern ein Ensemble, ich will dass die Kinder bei mir bleiben, ich will die entwickeln, ich will das die Theater spielen lernen von der Pike auf - so wie man ein Instrument oder Ballett erlernt. Und ich dachte mir anfangs, ich nenne das jetzt Kindertheaterensemble, weil das gibt's auch noch nicht. Und das hat auch richtig funktioniert: Die Kinder sind dann tatsächlich geblieben. Es sind auch immer mal so zwei, drei abgesprungen pro Produktion, es kamen auch Neue, aber es entwickelte sich ein Stamm von Kindern und die blieben auch. Diese Kinder haben dann so fünf, sechs Produktionen bei mir gespielt. Die sind mittlerweile im Teenageralter. Und dann hab ich auch gemerkt: "Oh, jetzt ziehe ich die ja groß. Aber ich muss ja auch nachziehen...!" Aber im Grunde habe ich mir keine großen Gedanken zum Konzept gemacht, so nach dem Motto: "Die bleiben jetzt zwei Jahre und dann müssen Neue her...". Aber jetzt sind meine Ersten schon bald 14 Jahre alt und das wird dann Jugendtheater, also dachte ich, ja jetzt ist Zeit für eine Nachwuchswerkstatt. Das hab ich dann gemacht.

theaterXS hat auch schon seine Fühler ausgestreckt und aus der ursprünglichen Idee haben sich Weitere entwickelt:

Stefanie:

Aus der Arbeit bei theaterXS habe ich beispielsweise eine Fortbildung für Grundschullehrer konzipiert, die heißt "Theater der kleinen Schritte" und das läuft jetzt seit zwei Jahren. Und ich leite, unabhängig von theaterXS, eine Schüler-AG im Rahmen von "Kultur und Schule" am Schillergymnasium in Münster. Mit denen mache ich auch Klassiker unter dem Titel "Klassiker ohne Respekt".

Mittel zum Ziel

Inzwischen laufen unter dem Label theaterXS mehrere Kindertheaterensemble und da stellt sich natürlich die Frage: Wie finanziert sich so ein Kindertheaterbetrieb?

Stefanie:

Zum einen nehme ich Teilnahmegebühren, aber da ich da immer viel, viel mehr Arbeit reinstecke, als diese Gebühren auch nur im Mindesten decken können, bin ich auch dazu gekommen Förderanträge zu stellen. Das hat auch für die meisten Produktionen geklappt. Es gab aber auch welche, für die wir keine Förderungen bekommen haben. Da dachte ich dann, jetzt muss ich aufhören. Aber da ist dann das Herz und sagt sich: "Nee, komm das ziehen wir jetzt irgendwie durch!" Und das haben wir dann so low-budget mäßig auch gemacht. Natürlich mit viel Hilfe von den Eltern, die Kostüme usw. gekauft haben. Für die aktuelle Produktion Viel Lärm um nichts kam dann wieder eine Finanzierung. Und ich bekomme auch immer mal wieder so kleinere Förderungen, wenn ich Zusatz-Worskhops machen möchte. Zum Beispiel, wenn die Größeren lernen sollen, die Kleineren anzuleiten. Ja und dann buchen uns ja die Schulen für Vorstellungen, aber es bleibt immer kippelig. Ich muss ganz viel anderes drumherum arbeiten, um das theaterXS zu finanzieren.

Ein Besuch bei theaterXS

theaterXS Ensemble

Ein paar Tage später habe ich Stefanie Bockermann mit ihrer Gruppe bei den Proben zu Viel Lärm um nichts getroffen. Ich finde die Truppe in einer riesigen Aula mit einer traumhaften Bühne und habe ein paar Kinder befragt. Und da den Kindern in diesem Monat ja das Thema gehört, kommen hier die theaterXS - Kinder zu Wort:

Darum geht's im Stück "Viel Lärm um nichts":

theaterXS Ensemble

Für die Premiere wünscht TOP schon mal TOI TOI TOI und ein Aufführungsbericht folgt im Januar 2014.

Ein großes Dankeschön an Stefanie Bockermann, die sich viel Zeit genommen und mir Rede und Antwort für diesen Artikel gestanden hat. Wer nun Lust hat, noch mehr über theaterXS und die Arbeit von Stefanie Bockermann zu erfahren, der findet unter folgender Adresse im Netz alle wichtigen Info´s.

www.theater-xs.de

verfasst von Lu Reichel am 22. Oct. 2013