Interkulturelles Theater oder: Wer spricht für wen?

Interkulturelles Theater oder: Wer spricht für wen?

Interkulturelles Theater oder: Wer spricht für wen?

Februar 2013. Ich mache mich auf den Weg zur Podiumsdiskussion, die im Rahmen des 1. Heidelberger Kinder- und Jugendkongresses zum Thema „Interkulturelles Theater – Mehr als kulturpolitische Pflichterfüllung?!“ stattfindet. Weder der Diskussionsrahmen noch das Thema sind neu, deshalb erwarte ich nicht viel mehr als bekannte Argumentationen. Trotzdem hoffe ich, irgendeinen Hinweis darauf zu finden, dass das Thema noch eine praktische Relevanz hat, gerade weil Interkulturalität scheinbar überall zur Leitlinie geworden ist und die Angelegenheit deshalb irgendwie erledigt scheint.

Ein Blick auf die Teilnehmer zeigt, dass relevante Akteur_innen sowohl aus dem Theater- als auch dem Politikbereich an der Diskussion beteiligt sind. Unter der Moderation von Anna Koktsidou (Redakteurin für SWR International, der Fachredaktion für Migrationsthemen des SWR) diskutieren: Tunçay Kulaoğlu, seit 2012 Leiter des Ballhaus Naunynstraße Berlin, Murat Yeginer, Schauspieldirektor am Theater Pforzheim, Stefan Fischer-Fels, Künstlerischer Leiter des GRIPS Theaters Berlin, Dr. Eckart Würzner, Oberbürgermeister der Stadt Heidelberg, und Mergime Mahmutaj, Mitarbeiterin der Abteilung Integration der Stadt Stuttgart, die unter anderem für den Bereich Interkulturelle Öffnung der Kultureinrichtungen / Integration durch Kultur zuständig ist. Die Kulturwissenschaftlerin Dr. Azadeh Sharifi eröffnet die Diskussion mit einem Impulsreferat über postmigrantisches Theater und Partizipation von Postmigrant_innen an professionellen Theatern.

Interkulturalität als Beteiligungsform

In der Podiumsdiskussion steht der Ansatz des „postmigrantischen“ Theaters im Vordergrund. Ziel dieser Theaterform ist es, Barrierefreiheit zu schaffen bzw. strukturelle Grenzen zu überwinden. „Es geht darum“, so Sharifi, „dass sie (die eingewanderten Personen, Anm. B.M.) als Teil der Gesellschaft mit ihren persönlichen und kollektiven Erfahrungen wahrgenommen werden.“ Ihr zufolge meint Interkulturalität also vor allen Dingen einen „barrierefreien“ Zugang zur Kultur im Sinne von künstlerischen Produkten oder Produktionen.

Nach „Ausländern“ und „Menschen mit Migrationshintergrund“ nun also noch die Bezeichnung „Postmigrant_innen“. Warum? Der Begriff „postmigrantisch“ kommt aus dem angelsächsischen Raum und verweist auf einen gesellschaftlichen Zustand, der von den Folgen der Migration geprägt ist und in dem das Phänomen der Migration – als Aus- und Einwanderung, Pendel- und Transmigration – zu einem selbstverständlichen Bestandteil gesellschaftlicher Realität geworden ist.

In der hiesigen Diskussion um Migration wird häufig vergessen, dass die sog. „Migranten“ in der Regel Staatsbürger der Bundesrepublik Deutschland sind. Dies führt zu einem Ausschlussverfahren im Integrationsdiskurs, das mit dem Erhalt der verfassungsmäßigen Grundwerte (die als inkompatibel zu denen der „Migranten“ dargestellt werden) gerechtfertigt wird. Mit dem Begriff der Postmigration richtet sich der Blick weg von einer solchen Wertediskussion um die demokratische Grundordnung der Gesellschaft hin zu persönlichen und ökonomischen Einschränkungen von Menschen mit Migrationshintergrund. Der Begriff ist außerdem mit dem Postkolonialismus-Diskurs verwoben, der sich kritisch mit den Bezügen zwischen Weißsein, Macht und Männlichkeit auseinandersetzt. Es geht also explizit darum, Gegenstimmbildung für Schwarze, People of Colour und postmigrantische Positionen zu ermöglichen, wo ihnen (strukturelle) Grenzen entgegengesetzt werden.

Dimensionen interkultureller Öffnung

Vor diesem Hintergrund spielen in der Diskussion zum Einfluss der Postmigration auf Theater drei zentrale Dimensionen interkultureller Öffnung eine Rolle: 1) Publikum, 2) Programm, 3) Personal.

1)     Publikum

Anders als die großen Theater sind Jugendtheater aufgrund ihres jugendlichen Publikums längst gezwungen, sich auf die gesellschaftliche Diversität auszurichten, denn dort gehören Migrationsgeschichten zum Alltag. Darauf weist Stefan Fischer-Fels vom GRIPS Theater Berlin hin.

Aber auch die Zukunft der großen Theater, das wird in der Diskussion offensichtlich, hängt davon ab, ob sie Menschen mit Migrationshintergrund für sich als Publikum erschließen können. In den Beiträgen wird mehrfach darauf hingewiesen, dass dies auch eine wichtige soziokulturelle Komponente beinhaltet, um sozial benachteiligten Menschen einen Zugang zu Kultureller Bildung zu ermöglichen.

Die Konzentration auf Fragen dieser Art, also sozialer Benachteiligung im weiteren Sinne, stößt insbesondere bei einigen Besuchern der Veranstaltung auf Kritik, weil dies unnötige Positionskämpfe zwischen Migrant_innen und der Mehrheitsgesellschaft (im Sinne von Täter- und Opferzuschreibungen) hervorrufe und somit den Integrationsprozess behindere. Wie Azadeh Sharifi oder auch Murat Yeginer betonen, liegt darin jedoch nicht die zentrale Barriere. Der Ausschluss erfolge vielmehr dadurch, dass Menschen mit Migrationshintergrund häufig nicht „im System“ existieren, weshalb selbst hoch qualifizierte Leute inzwischen aufgrund mangelnder beruflicher Chancen die Bundesrepublik (wieder) verlassen.

2)     Programm

Eigentlich, so Stefan Fischer-Fels, müsse sich das Theater radikal ändern und der noch immer etablierte Bildungskanon, der sich im Theaterprogramm manifestiert, aufreißen, um tatsächlich ein anderes Publikum zu erreichen. Tatsächlich existiert vor allem in der freien Theaterszene und im theaterpädagogischen Bereich bereits eine vielfältige Praxis des postmigrantischen Theaters. Kennzeichnend sind oft biographische und performative Theateransätze (vgl. Sting u.a. 2010). Auch im Kinder- und Jugendtheater werden viele postmigrantische Geschichten erzählt. Doch hier ist es noch häufig ein verfügendes Sprechen und es gilt zu beachten, wie der Künstlerische Leiter des GRIPS Theaters einräumt, wer die Geschichten schreibt.

EXKURS über Theaterkulturen:

Der Bereich der ästhetischen Ausdrucksmittel, der im Diskurs um Interkulturelles Theater eine weitere zentrale Dimension darstellt, bleibt während der Diskussion weitgehend unbeleuchtet. Darunter fallen zum Beispiel außereuropäische Theaterformen, aber auch neue Ästhetiken und performative Ausdrucksweisen, mit denen inter- bzw. transkulturelle Subjektpositionen zum Ausdruck gebracht werden (vgl. Regus 2009/Sting u.a. 2010).

3)     Personal

Als Problemlage in der Personalfrage benennt Azadeh Sharifi, dass Deutsche mit Migrationshintergrund, schwarze Deutsche und Deutsche of Colour, unabhängig von ihrer Eignung und Qualifikation, oftmals vom Zugang zu Schauspielschulen, Theatern, Entscheidungsgremien usw. ausgeschlossen seien. Dem werden in der Diskussion Veränderungen bei der Personaleinstellung gegenübergestellt. Diese beschränken sich jedoch, so die Kritik, noch häufig darauf, entsprechend ethnisch konnotierte Aufgaben oder Rollen zu übernehmen. Veränderungen durch Internationalisierung oder Einstellung „weißer“ Migrant_innen, so lässt sich ergänzen, verschleiern außerdem tatsächliche Beschränkungen.

Große Tanker, kleine Beiboote

Nicht zum ersten Mal wird auch in dieser Podiumsdiskussion deutlich, dass kleine Projekte allein nicht die Lösung des Problems sind. Insbesondere Oberbürgermeister Eckart Würzner betont die Notwendigkeit einer Gesamtstruktur, die eine Teilhabe aller ermöglicht. Alles andere sei Nachsorge.

Die Realität zeige außerdem, so Eckart Würzner, dass strukturelle Angebote auf mittlerer Ebene – zum Beispiel der Heidelbergpass, der Kindern aus sozial benachteiligten Elternhäusern einen kostenfreien Zugang zu Theaterbesuchen etc. ermöglicht – als Strategien nicht ausreichen. Es müsse deshalb eine Phase mit strukturellen Übergangslösungen geben, durch die alle Menschen erreicht werden könnten (Beispiel: sichtgeschützte Schwimm-Angebote für muslimische Frauen).

Was den Zugang zu Kultureller Bildung betrifft, so bestärkt Eckart Würzner die Forderungen von Stefan Fischer-Fels, sie solle in der Schule durchgehend curricular verankert werden. Dass hier einer Stadt von Seiten des Landes Grenzen gesetzt sind, enthebt sie nicht der Verantwortung, gleiche Zugangschancen zu ermöglichen. Der Oberbürgermeister sieht gerade Städte wie Heidelberg mit gesunden strukturellen Voraussetzungen in einer Vorbildfunktion, diese Aufgabe zu bewältigen.

Fazit

Die Beteiligten der Podiumsdiskussion sind sich am Ende einig, dass man nicht um eine gesamtgesellschaftliche Veränderung von Strukturen herum kommt. Denn letztlich geht es nicht um paternalistische Förderangebote, sondern um faktische Mitsprache und Beteiligung. Und die sind erst erreicht, wenn nicht mehr Hautfarbe, soziale Herkunft, Geschlecht oder physische Fähigkeiten die Entscheidung beeinflussen, wer in Entscheidungsgremien sitzen darf. Um diesem Ziel näher zu kommen, sollten Politiker, Kuratoren und andere Entscheidungsträger offener werden auch für Unvorhergesehenes. „Lasst Ausnahmen zu!“, dafür plädiert Tunçay Kulaoğlu. Ohne eine solche Ausnahme hätte der neue Intendant des Ballhauses Nanynstraße vermutlich keinen Migrationshintergrund.

Was meine Erwartung betrifft, so hat sich einerseits gezeigt, dass das eigentliche Thema einer Partizipation von Menschen mit Migrationshintergrund im Theaterbereich zwar nicht neu ist und auch nicht grundsätzlich neu erfunden werden kann. Andererseits haben die Diskutanten bewiesen, dass dieses Thema nicht zwangsläufig auf der Ebene eines theoretischen Diskurses verhaftet bleiben muss – stattdessen zeigte jeder Beteiligte eine konkrete Perspektive zur praktischen Umsetzung auf. Auch die Tatsache, dass es um faktische Beteiligung ging und die Diskussion nicht an herkömmlichen Konstruktionen von kultureller Differenz hängen geblieben ist, lässt sich in meinen Augen positiv hervorheben. Zu einer inter- bzw. transkulturellen Öffnung von Theater gehört meines Erachtens jedoch letztlich ein konsequente Orientierung an der Vielfalt der Gesellschaft, die sich nicht auf ethnisch-nationale Grenzkonstruktionen beschränkt, sondern Geschlecht, Hautfarbe, soziale Schicht, Alter oder Behinderung ebenso berücksichtigt (Stichwort: Intersektionalität/Diversity). Eine solche Orientierung kam letztlich zu kurz.

- Barbara Meißner

 

Literatur und Verweise

Ballhaus Naunynstraße (2013): Black Intervention. Mehr als Worte – Aus Anlass der aktuellen Kinderbuchdebatte. (Online-Dokument, verfügbar über: http://www.ballhausnaunynstrasse.de/index.php?id=21&evt=791, letzter Zugriff: 08.04.2013)

Hoffmann, Klaus/Klose, Rainer (2008): Theater interkulturell. Theaterarbeit mit Kindern und Jugendlichen. Berlin, Milow, Strasburg.

Junges Theater Heidelberg (2013): 1. Heidelberger Kinder- und Jugendkongress. „Wir öffnen Grenzen“. (Online-Dokument, verfügbar über: http://www.theaterheidelberg.de/sparten/subpage/5/25, letzter Zugriff: 08.04.2013)

Meißner, Barbara (2010): Von der Interkulturellen zu einer Transkulturellen Theaterpädagogik. Theoretische Auseinandersetzungen mit dem Kulturbegriff für die theaterpädagogische Praxis. (Online-Dokument, verfügbar über: http://www.echtestheater.de/harter-tobak/wissenschaftliches.html, letzter Zugriff: 08.04.2013)

Meyer, Tania (2009): Grenzgänger. (Online-Dokument, verfügbar über:  http://www.grips-theater.de/schule/veroeffentlichungen, letzter Zugriff: 08.04.2013)

Regus, Christine (2009): Interkulturelles Theater zu Beginn des 21. Jahrhunderts. Bielefeld.

Sharifi, Azadeh (2012): Blackfacing, Kunstfreiheit und die Partizipation von Postmigrant_innen an den Stadttheatern. (Online-Dokument, verfügbar über: http://www.migration-boell.de/web/integration/47_3281.asp, letzter Zugriff: 08.04.2013)

Sting, Wolfgang u.a. (2010): Irritation und Vermittlung. Theater in einer interkulturellen und multireligiösen Gesellschaft. Berlin

verfasst von Bobbi Mai am 13. Apr. 2013