Der Gratiswahnsinn in der Theaterpädagogik

Der Gratiswahnsinn

„Ein Honorar ist nicht vorgesehen, dafür können Sie aber reich an Erfahrungen werden“. In meinem Emailpostfach habe ich zu Recherchezwecken achtzehn mal diesen an Zynismus grenzenden Satz, in unterschiedlichen Variationen gezählt. Ich persönlich finde, es wäre nicht unverantwortlich, jene besonders dreisten Ausschreiber von Praktika, Assistenzen und ähnlichen Knechtschaften allesamt in einen großen Kartoffelsack zu stecken, wo sie etwas über ihr Verhalten nachdenken dürfen.

Ich möchte von einer vermutlich blind und massenhaft versendeten Anfrage berichten. Der in der Einleitung genannte Satz fehlte – also: Anrufen, Angebot machen und auf den Job hoffen. Eine Frau ist am Apparat. Ich umschreibe, wie ich den Improvisationsworkshop, den sie an ihrem Tag der offenen Tür, Dorffest, Kirchentag oder weiß der Teufel was es war, anbieten wollen, aufziehen könnte. Tantenhafte Begeisterung! Dann nenne ich eine Summe, zweistellig (!), und man hört die Grillen zirpen. „Also.. also, eine.. Bezahlung haben wir eigentlich nicht einkalkuliert.. Was wir..vielleicht machen könnten wäre, dass.. wir uns an den Fahrtkosten beteiligen.. Ich müsste aber auch noch einmal mit meiner Kollegin sprechen.. Wir melden uns später bei Ihnen.." Es hat sich niemand zurück gemeldet und ich wagte am Tag darauf selbst den Rückruf. Bei diesem Telefonat erklärte mir dieselbe Person, man wäre von zwei Freunden kontaktiert worden, die das Ganze ohne Bezahlung machen werden. Höhepunkt des Gesprächs ist eine Dame (vermutlich die besagte Kollegin), die im Hintergrund halblaut kommentiert, dass diese „noch nicht einmal etwas für die Anfahrt haben wollen". Und ich schwöre, dass diese Geschichte wahr ist.

Leider kann ich nicht beschwören, dass auch folgende Zeilen der Wahrheit entsprechen – ich war nicht dabei. Ich mutmaße aber, dass es in etwa so gelaufen sein muss:

C: „Lavinnja! Da hat ein junger Mann angerufen. Er wollte den Improvisationsworkshop bei unserem _______fest machen. Und er will Geld dafür!"

L: „Nein, was? Wieso das denn? Das können wir uns gar nicht erlauben. Schließlich bezahlen wir schon gutes Geld für die Hüpfburg und für den Typen der die Hüpfburg aufpumpt, ganz zu Schweigen von dem Typen der auf die Hüpfburg aufpasst und auch der Druck unserer hübschen Flyer1 verschlang hohe Summen!"

C: „Mich irritiert das auch mega, in was für einer Welt leben wir eigentlich! Ich meine Theater macht doch Spaß, wieso will jemand dafür Geld haben?"

L: „Keine Ahnung, warum wollen wir überhaupt einen Workshop für Improvisationstheater anbieten?"

C: „Na weil ich doch diese verrückte Truppe bei dem Ausflug unserer Kegelmannschaft gesehen hatte! Ich habe mich nass gemacht vor Lachen! Wenn ich dran denke, muss ich es direkt wieder tun."

Etwa 40 Minuten Stille, man hört nur den Wasserhahn laufen. Lavinnja wäscht ihre Hose mit Spülmittel in der Kaffeeküche aus.

C: „Würde ich nicht am Tapeziertisch Kuchen verkaufen, ich würde den Workshop höchstpersönlich leiten!" schallt es aus der Küche.

L: „Du Gute."

Das Telefon klingelt, Carmelina hebt ab und hält den Hörer missmutig an ihr Ohr. Das Wort „umsonst" fällt und eine Freudenträne rollt über ihr Gesicht . Sie stellt den Lautsprecher an: „Auch keine Fahrtkosten werden wir in Rechnung stellen - wir machen das ja weil es Spaß macht und nicht weil wir Geld verdienen wollen!". Endlich ist die Welt wieder in ihren Fugen! Carmelia und Lavinnja toben durchs Büro, sie springen abwechselnd vom Schreibtisch, rollen sich auf dem Teppich ab und rufen durchgehend das Wort „Geilomat".

Damit sich solche Szenen nicht täglich in den Büros von Damen und Herren, die im weitesten Sinne Kultur veranstalten, abspielen, sollte sich jeder der im weitesten Sinne Kultur schafft sagen: Ich will Geld dafür! Ja, es ist eine Überwindung, für etwas das Spaß macht bezahlt zu werden. Aber das ist nicht unrecht: Das soll so sein! Und auch wenn sich jemand noch ausprobiert und denkt, es sei nichts wert, muss man da entgegensteuern. Allein im Sinne der Sache muss man wenigstens eine Schutzgebühr verlangen. Wer sich mit Theatermachern, Musikern, Djs, Akrobaten oder was auch immer schmücken möchte, der möge bitte zahlen. Die Leidenschaft anderer auszunutzen und sich darin sicher zu fühlen, dass man diesen ach so verrückten Künstlern eine „Bühne bietet", ist eine Taktik von Menschen, die Kunst nicht wert schätzen. Man sage schlichtweg „Nein!" zu ihnen.

1Und so sieht es aus, wenn man seinen Grafiker nicht bezahlt:

Der Gratiswahn in der Theaterpädagogick

(Urheber möchte anonym bleiben.)

Anmerkung des Autors: Dass Lavinnja tatsächlich halbnackt vom Schreibtisch gesprungen ist, kann ich weder bestätigen, noch verneinen.

Die Namen Carmelia und Lavinnja tragen nicht unbedingt zur Glaubwürdigkeit der Story bei... Ich war mal bei einer Inszenierung von „Herr der Fliegen" mit einem Jugendclub involviert. In bester Absicht sollten die Spielenden selbst einen angemessenen Namen für ihre Figur erfinden. In der Geschichte stürzte dann ein Flugzeug auf einer Insel ab, welches ausschließlich mit Teenagern besetzt war, die alle wie Disneyprinzessinnen, Meerschweinchen und Süßigkeiten hießen.

verfasst von Julian Gerhard am 08. Feb. 2013