Theaterbananen im Steckrübenschulklima aufziehen

Theaterbananen im Steckrübenschulklima aufziehen

Theaterbananen im Steckrübenschulklima aufziehen

Theaterprojekte verwirklichen ist ein großes Vergnügen. Nur ist man nie ganz autark, wenn man im Kontext eines Schulsystems arbeitet, wie in dem Projekt geschehen, von dem ich hier berichten werde. Situationen, die einen zum Wahnsinn bringen können, mit Humor nehmen, ist vielleicht der beste Ratschlag, aber irgendwann hat es sich ausgelacht – und dann?

Ich habe mein schönstes Hemd angezogen. Der Direktor nimmt mich in Empfang; ein wenig stolz werde ich einem Teil des Kollegiums präsentiert. Man sei so modern und offen und möchte ein theaterpädagogisches Projekt im Unterricht verankern – Beschluss von ganz Oben. Man spielt mir anfangs noch die Rolle des Paradiesvogels zu, der für ein bisschen Farbe sorgen soll. Nur leider humpelte ich bereits nach den ersten Wochen vielmehr als zerrupftes Hühnchen1 durch die langen Flure jener Anstalt.

Es sind einige Dinge passiert, die sich negativ auf meine Motivation ausgewirkt haben. Angefangen hat aber alles wie im Märchen.

Alle Schüler – junge, vitale Leute, altersmäßig auf der Schwelle zwischen Teenagern und jungen Erwachsenen – sind bereits vor dem Gong zur allerersten Theaterstunde in unserem zukünftigen Proberaum versammelt. Positive Aufregung liegt im Raum und Spielfreude platzt aus allen Nähten. Es wird gelacht und diskutiert – ein Ort der allein für sie da ist, schien ihnen bislang an der Schule gefehlt zu haben. Bei diesem neuen Theaterprojekt ist das Lernziel noch nicht vorgegeben, hier darf man mitwirken und sich auch einmal ganz anders als im Klassenzimmer zeigen.

Am Vormittag, eine Woche später, bin ich voller Musik und freue mich auf die zweite Einheit. Eine unbekannte Nummer steht auf meinem Handydisplay, ich nehme den Anruf an. Eine Schülerin ist am Apparat und scheint in einem Verkehrsmittel von Funkloch zu Funkloch gefahren zu werden.
„Ist heute kchhhh.. Theater.. Frau Soundso ha.. kchhhh... gesagt kchhh... lohnt sich nicht mehr... kchhhh TUT-TUT-TUT-TUT“. Wie bitte!? Was lohnt sich nicht? Etwas aufgebracht bemühe ich mich um einen Rückruf, scheitere aber am brüchigen Empfang. Ich schreibe eine SMS, die besagt, dass der Unterricht natürlich statt findet.

Lediglich ein Viertel der Teilnehmer kommen dann zu jenem zweiten Treffen. Ich bin ganz schön geknickt. Ich erfahre von ihnen, dass die Klasse einen Ausflug zu einem sakralen Gebäude unternommen hatte und Frau Soundso, die wohl die anwesende Lehrkraft war, den Schülern2 gesagt habe, dass sich die Theater AG (sich!) für heute eigentlich nicht mehr lohnen würde, da alle müde seien und man dann ja noch einmal zur Schule fahren müsste. Jene Schülerin wurde somit beauftragt, mir eben diese Suggestivfrage zu stellen.

Also gut, da mischen sich Leute in meine Arbeit ein. Ich bin neu, ich will nett sein und ich versuche einfach das Ganze mit großzügiger Nachsicht zu betrachten. Aber es hat soeben begonnen: Einzelne Mitarbeiter der Institution suggerieren den Schülern, dass Theater verhältnismäßig unbedeutend ist, beziehungsweise, dass die Verbindlichkeit hier mit Entspannung betrachtet werden kann.

Die dritte Zusammenkunft ist dann wieder super, Reue liegt in der Luft, die genutzt werden will. Die Teilnehmer sehen ein, dass man schon dabei sein muss, wenn man seinen Ansprüchen an das Projekt gerecht werden will. Schwierig ist, dass ich nicht nur die Gruppe bitten muss, an ihre Vernunft zu appellieren – ich muss ihnen auch vorsichtig klar machen, dass nicht alle Menschen der Einrichtung in der wir uns befinden, unbedingt einen angemessenen Blick auf unsere Sachlage haben und dass sie sich nicht von dem, was manche Lehrer so von Theater halten, beeinflussen lassen sollen.

Während ich die Schüler über den halbjährigen Prozess motiviert halten muss, bringt ein Teil des Schulpersonals diesen Balanceakt gewaltig ins Schwanken. Sie sagen nicht wortwörtlich, Theater  sei unnötig, aber sie verhalten sich dennoch kontraproduktiv.
So öffnete ich einmal den Proberaum und irgendeine Klasse befand sich bereits in ihm, Grüppchen haben sich im Raum verteilt und bereiteten scheinbar Referate vor. Der anwesende Lehrer guckte mich an. Ich lächelte fragend. Er schaut so, wie manche Leute aus dem Fenster starren, wenn man auf ihre Auffahrt fährt um zu wenden. Ich erklärte mich kurz und erntete ein „Davon weiß ich nichts“. Ich setzte mich durch und verwies nachdrücklich auf den Zeitplan, der an der Tür hing, – wir sind jetzt hier! Man verlässt pathetisch gemütlich und auch etwas selbstgefällig den Raum und gibt mir zu spüren: Auch wenn mein Name auf dem Plan steht, ich und somit auch das Theater was ich repräsentiere, gehören eigentlich nicht hierher. Sein „Davon weiß ich nichts“ war vor allem ein „Davon will ich nichts wissen“.

Wer denkt ich sei übersensibel oder ich interpretiere zu viel in derlei Situationen hinein, möge dies denken. Jedoch muss ich auch erwähnen, dass ich mit Offenheit und hoher Wertschätzung fürs Musische, welche nach eigenen Angaben an der Schule herrschen, angeworben wurde. Ich möchte hier noch einmal betonen, dass die Theatergruppe fest im Stundenplan der Klasse verankert war – also vom Ding her eine Sache mit Hand und Fuß sein sollte: Da kann man doch breite Akzeptanz voraussetzen.
Und sollte jemand mutmaßen, dass ich dafür bejubelt werden will, dass ich mache was ich mache, der liegt ebenfalls daneben. Mein großer Wunsch war lediglich, das Gefühl zu haben, dass es okay ist, dass ich da bin – nicht dass ich ein toller Paradiesvogel wäre.

Die ersten Anzeichen von Skepsis von Seiten des Schulpersonals machten natürlich etwas mit mir, ich fühlte mich nicht unbedingt willkommen. Natürlich kann man sich auch bemühen, den Fokus auf die netten Schüler oder die freundlichen, zumeist jüngeren Lehrkräfte, zu legen - aber man macht sich nun einmal seine Gedanken, was das ganze Institut betrifft. Und ich spürte Kontra. Egal was verpatzt wurde, man reagierte nicht entschuldigend, sondern mit einer enormen Gelassenheit. Und wenn ich etwas brauchte, dann sollte ich mich ersteinmal ganz hinten anstellen. Im Sekretariat verlief ein Dialog während der Endprobenphase wie folgt:

Ich: „Im Proberaum sind ja Handwerkerinnen.“

Sekretärin: „Ja, genau.“

Ich: „Warum hat man mir das denn nicht mitgeteilt? Wohin können wir jetzt ausweichen?“

Sekretärin: „Das müssen Sie den Hausmeister fragen, der macht aber gerade Mittag.“

Ich: „Rufen Sie ihn doch bitte an, wir müssen wirklich anfangen.“

Sekretärin: „Ich habe doch gesagt, der macht gerade Mittag.“

Das war zu viel! Ich hätte schreien können. Ich habe nicht geschrien, aber den Tonfall gewechselt. Wütend und zugleich zittrig klingt meine Stimme dann.
Der Hausmeister trat an und man konnte förmlich hören, wie ich die Treppen der Beliebtheitsskala der Institution hinunterpurzelte. Flatsch! - im Keller angekommen.
Als ich einen Beamer abholen wollte, den ich vor Tagen reserviert hatte, konnte man ihn mir nicht rausgeben, weil Herr Soundso diesen für seinen Unterricht brauchte. Okay.. Und was mache ich dann? Etwas minderwertiges, weil es sich in Gefilden der Kunst abspielt? Das ist nicht fair. Man kann in Situationen wie diesen auf den Tisch hauen, man kann zynisch werden und man kann klein beigeben. Alles habe ich mal ausprobiert und nichts stellte mich am Ende zufrieden.

Warum aber war das Schulklima so kühl? Ich denke, es ist wie folgt: Jeder will in einer modernen Institution arbeiten und findet Kultur erst einmal gut und richtig. Erzählt man Interessierten dann, was man vor hat, herrscht Begeisterung. Bis diese zunächst Wohlgesonnenen bemerken, dass es ihrer Mithilfe bedarf, damit so ein Projekt wirklich umgesetzt werden kann. Für die Sekretärinnen, den Hausmeister, den Direktor und die Leute, die die technischen Gerätschaften verwalteten bedeutete ich vor allem eins: Mehr Arbeit. Und was ich nicht alles wollte: Wir mussten außerhalb der Schulzeiten, teilweise am Wochenende proben, brauchten immer wieder Schultechnik die in irgendwelchen Kammern stand, zu welchen kaum jemand einen Schlüssel hatte, ich musste diverse Anträge für Spesen stellen, welche bearbeitet werden wollten und und und.
Ich hatte mit der Gruppe das komplette Foyer für die Aufführung umgekrempelt. Man konnte unsere Theatergruppe nicht nicht bemerken und nicht jedem gefällt es wohl, wenn jemand von Außen kommt und für so viel Wirbel im altehrwürdigen Hause sorgt. Einige meiner Teilnehmer nahmen die Sache sehr ernst und auch sie begannen sich zu ärgern, wenn man ihnen das Projekt madig machen wollte.
Als wir den Bühnenraum im Foyer am Tag vor der Aufführung aufbauten, lehnte sich ein Lehrer lässig an die Wand und sah dem Treiben zu. Er fragte, wo man bei der Aufführung eigentlich sitzen soll. Eine Schülerin antwortet, dass die Teppiche dafür vorgesehen sind. Er sagte: „Ganz schön ungemütlich“, sie zurück: „Das ist Teil des Konzepts. Ist ja außerdem nicht ihr Problem, sie kommen ja eh' nicht“. Wow, das hat gesessen!

Tatsächlich war das Interesse der Lehrer weniger als mangelhaft. Und so besuchten hauptsächlich unsere Angehörigen die Aufführung. Es war ein sehr schöner Abend. Natürlich hat mich die Ignoranz, die unserem Projekt entgegengebracht wurde getroffen. Aber was soll ich machen: School sucks, schade eigentlich.

Sollte es jetzt so rübergekommen sein, als wollte ich die Institution Schule unter Generalverdacht stellen, ist das zumindest nicht ganz falsch. Ich habe schöne Dinge in Schulen verwirklichen können, aber hatte in den meisten Fällen wohl nicht nur das Gefühl, dass Kulturelles am Ende der Hackordnung steht. Theater macht lebendig, schafft ein Forum für Meinungen und nimmt die Schüler in ihrem Wesen wie sie sind. Und für die meisten Lehrkräfte ist die jährliche Projektwoche schon Ausnahmezustand genug – zu viel Freiheit führt am Ende zu Menschen mit eigenem Standing. Klingt gefährlich für den selbstgefällige altehrwürdige Teil des Kollegiums, oder nicht? Nun ja.. Zu sehr pauschalisieren möchte ich auch nicht, viele denken wohl gar nicht so weit und sind schlichtweg desinteressiert. Sich jemanden für Kultur ins Haus holen, die Imagerosinen rauspicken und keine Bereitschaft zur Mithilfe zeigen – nein danke. Integrität ist gefordert, dann läuft das Ganze auch.



1 Müsste es in meinem Fall nicht Hahn heißen? Nein – Hähne stehen für
Chauvinismus und Eitelkeit. Das passt doch nicht. Außerdem ist
Genderswitching Fun!
2 Wo wir gerade bei Genderthemen sind. Dieses „Schülerinnen und Schüler“
finde ich so etwas von sperrig. SchülerINNEN sieht fürchterlich klotzig aus.
Diese Nichteinbeziehung der weiblichen Formulierung werde ich an anderer
Stelle ausgleichen.

(Bild von Sören Höek)

verfasst von Julian Gerhard am 16. Mar. 2013