Theaterpädagogik Mystique

Theaterpädagogik Mystique

Theaterpädagogik Mystique

Es ist kein Geheimnis, man entfernt sich Stück für Stück von den Menschen, die einen zu Schulzei­ten umgaben. Wird man dann, wenn sich die Wege zu den obligatorischen Anlässen wieder kreuzen, gefragt mit was man jetzt so beschäftigt ist, beginnt man in der Antwort schnell das eigene Schaffen so runter zu dampfen, dass sich fast das Gefühl breit macht, man würde Verrat an der Sache ausüben. Und eigentlich ist man auch ganz froh, wenn anschließend wieder Anekdoten von Früher ausgepackt werden oder der aktuelle Bierpreis diskutiert wird. Hat man als Jurist, BWLer oder Ernährungswissenschaftler jedoch immer noch das Glück, dass das Gegenüber schon ir­gendwie zu wissen glaubt, was man etwaig veranstaltet, ist der Begriff Theaterpädagogik in der Re­gel ein überdimensionales Fragezeichen an sich.

„Und was machst du dort jetzt eigentlich genau?"; „Ich kann euch das im Moment nicht klar benen­nen. Ich würde sagen, dass sinnliches Wahrnehmen, kreativer Flow und Reflexionen auf Methaebe­nen so etwas wie Hauptpfeiler der Theaterpädagogik sind. Vor allem ist sie aber auch ein Überset­zungsmedium. Man stellt praktisch Fragen des Lebens an die Fiktion, in der man dann Antworten erahnen kann oder eben nicht.." In dieser Art verlief der ein oder andere Dialog mit den lieben Eltern bei den Weihnachtsfeierlichkeiten und es wäre viel verlangt, das schreibe ich fern von aller Ironie, würden sie spätestens nach dem zwei­ten Satz, noch ernsthaft gewillt sein mir zu folgen.

Die Familie sollte ja schon wissen dürfen, was Sinn und Zweck des Studiums, dieser Ausbildung sei. Rückwirkend finde ich eine grobe Erläuterung gar nicht mehr so schwierig. Unterm Strich hat man einen wissenschaftlichen Strang, wo man sich mit Theatergeschichte und den einzelnen Thea­terdisziplinen, wie Bühnenbild, Beleuchtung, Kostüm etc. beschäftigt. Und dann gibt es noch einen praktischen, eher experimentellen Part, welcher einen dazu veranlasst, Theatrales zu praktizieren, teils mit den eigenen Kommilitonen, teils mit externen Personen. Später wird das Geschehene re­flektiert und diskutiert.

Bislang bietet die HS Osnabrück exklusiv das staatliche Bachelor-Studium „Theaterpädagogik" in Deutsch­land an, praktiziert wird das Ganze etwas abseits im emsländischen Kleinstädtchen Lingen. Aber es gibt auch private Ausrichter und schweizer Kollegen, die das Fach als Vollzeitstudium im Programm haben und sich gewiss nicht elementar unterscheiden. Gegen nachträgliche Belehrungen von Absolventen anderer Institute hätte ich natürlich nichts einzuwenden.

Theaterpädagogik ist keine klinische Maßnahme, sondern eher ein Standing, dessen genauere Defi­nition aufgrund von künstlerischer Freiheit und persönlicher Intuition, was für Menschen gut ist und was nicht, meist für zwar feurige, am Ende aber ergebnisarme Diskussionen sorgt. Sie lässt sich eben nicht zwischen Kunst und Pädagogik platzieren, dieses Puzzleteil gibt es nicht. Jegliche feste Verortung gegenüber anderen Wissenschaften ist von fantastischer Natur, Ausnahme bildet die verrückte Welt der Projektanträge.

Eine weitere Frage, die immer in der Nähe von theaterpädagogischen Projekten herumschwirrt ist: Steht der Theaterprozess denn jetzt tat­sächlich über dem Ergebnis, also spielt die abschließende Aufführung nur zweite Geige? Ich per­sönlich habe schon sowohl einen wahnsinnig harmonischen und aufregenden Prozess mit mäßigem Ergebnis, wie auch etwas Gegenteiliges erlebt. Ich denke, was am Ende dabei rauskommt, sollte schon zu ertragen sein, sonst kann man lange auf eine breitere gesellschaftliche Akzeptanz für die­ses sich noch im Kosmos der Skurrilitäten befindende Fach warten. Aber der Prozess ist natürlich das, wo etwas Positives mit den Menschen, mit denen man arbeitet passieren kann. Da ich manch­mal für pathetische Kalendersprüchchen zu haben bin, sage ich: „Die Aufführung ist das Herz der Theaterpädagogik, der Prozess aber ist ihre Seele." Oder man probiert es mit Suppe: „Die Brühe ist der Prozess, das Gemüse die Aufführung." Ich glaube es reicht jetzt. In jedem Fall darf Theaterpäd­agogik nicht auf die Inszenierung allein reduziert werden – sie ist ein Zwitterwesen und von Natur aus un­trennbar dualistisch.

Na gut, aber was soll denn jetzt „etwas Positives kann passieren" überhaupt heißen?

Dem gemeinen Vertreter des Genres werden die Argumente vermutlich nie ausgehen: Stärkung des Selbstwertgefühls, Hinterfragen des eigenen Verhaltens, Ausbruch aus verhärteten Strukturen -

UND SO WEITER. Aber das wirkt für viele immer noch reichlich abstrakt und dieser Spirit er­weckt in manch einen Außenstehenden vielleicht gar die nicht immer unberechtigte Abneigung vor Esoterik und Seelenstriptease.

In Kleinkleckersdorf, wo ich herkomme, hat sich eine Theaterpädagogin niedergelassen, die es im­mer mal wieder in die örtliche Presse schafft. Der Themenschwerpunkt, auf den sie sich scheinbar eingeschossen hat, ist das Arbeiten mit Arbeitslosen. Das finden meine Eltern als aufmerksame Steuerbürger natürlich klasse, also dass da Menschen wieder in den Beruf geschickt werden sollen. Sie verfolgen ihr Tun mit großem Interesse. Und als ich vergangene Weihnacht etwas betrübt von einem Pro­jekt mit einer freien Gruppe erzählte, welches aufgrund von ästhetischer Auseinandersetzungen, Unklarheiten bei der genauen Einkreisung des Themas, wie auch Trouble mit dem Hausmeister, der nicht wollte, dass wir mit Flüssigkeiten rumhantieren, zu scheitern drohte, zeigten sich meine Eltern zuversichtlich: „Hauptsache du trägst dazu bei, dass diese Menschen wieder in die Arbeitswelt zu­rückfinden." Die beiden haben ihren Frieden mit dem Thema Theaterpädagogik gemacht und sich eine salonfähige Antwort, auf das was ihr Sohn so leistet zurechtgeschnitzt: Arbeitslose aufpeppeln. Ich kann mich damit arrangieren, schließlich ist es ja auch irgendwie etwas Positives und so ganz genau weiß ich ja auch nicht von ihrer Arbeit bescheid.

(Bild von Sören Höek)

verfasst von Julian Gerhard am 18. Jan. 2013