Was ist eigentlich Nicht-Theaterpädagogik?

Was ist eigentlich Nicht-Theaterpädagogik?

Klingt doch gut – Theaterpädagogik. Theaterpädagogik hier, Theaterpädagogik da. Am Ende bezeichnet jeder sein szenisches Werk, soweit es eine pädagogische Dimension beinhaltet (oder beinhalten sollte) als „Theaterpädagogik“.

Dagegen kann man auch nichts machen, der Begriff ist nicht geschützt und somit nicht zu bändigen. Wäre es denn erstrebenswert, nur unter gewissen Bedingungen von Theaterpädagogik zu sprechen? Sollte eine Ausbildung Vorraussetzung sein? Meine Ansicht lässt möglicherweise manch einen Zertifizierten vor Zorn die Teestube verwüsten oder zumindest würde ich nicht ausschließen, dass ihm der Teelöffel aus der Hand fällt. Ich glaube die Freiheit des Begriffs ist voll okay. Die Theaterpädagogik ist untrennbar mit der Kunst verwoben und was wäre, mal anders gedacht, würden wir nur das als Kunst betiteln dürfen, was von Menschen mit Kunstausbildung fabriziert wurde? Das wäre ein Setting für eine Welt in der ich persönlich nicht leben wollen würde - aus dieser Welt würde ich vielmehr unverzüglich abreisen.

Und überhaupt, ich setze auf interessante autodidaktische Theaterpädagoginnen und -pädagogen. Kunst die im Gegenlicht der Institutionen entsteht, ist wichtig und bereichert den Kulturkosmos. Warum sollte das in theaterpädagogischen Kontexten anders sein.

Dass man jetzt theaterpädagogisches Arbeiten nicht mit Therapie verwechseln darf, dürfte sich von selbst verstehen. Man muss schon ein echter Grobian sein, um jemanden in einem Theaterworkshop ernsthaft Schaden zuzufügen. Ein falsches Feedback hier, eine Unterschätzung da – ja das kann es geben, aber Empathie und zwischenmenschlicher Spürsinn ist auch nicht bei jedem ausgebildeten Pädagogen vorhanden.

Darüber, was eigentlich Theaterpädagogik ist, machen sich schon ohne mein Zutun täglich genug Menschen Gedanken – heute möchte ich das Pferd mal von der anderen Seite aufzäumen:

Hier nun drei selbst erlebte Paradebeispiele der Nicht-Theaterpädagogik:

Beispiel 1: Der „echte“ Mensch als Ausstellungsstück

Ich durfte im Jahr 2009 eine Inszenierung von „Romeo & Julia“ an einer namenhaften Berliner Bühne sehen. Man wollte das Drama ins Rotlichtmilieu versetzten. Ich gehe nicht weiter auf das konsequente Vorbeiarbeiten an der jugendlichen Zielgruppe ein – nur eine Entscheidung, welche im Rahmen der Inszenierung groß angekündigt wurde, soll hier erwähnt werden: Man hat ganz echte Jugendliche aus richtig krassen Brennpunktbezirken in das Stück eingebaut. Sie stellten mundtote Gangmitglieder dar (Montagues versus Capulets) die den Ensembleschauspielern hinterherrannten und peinlich genau darauf achten mussten, bloß nicht zu sehr aufzufallen. Wenn etwas nicht-theaterpädagogisch ist, dann ja wohl der Gebrauch von Menschen, die überhaupt nicht vorkommen dürfen – die als unverrückbares Klischee rumstehen sollen und mit keiner Mine in einen künstlerischen Prozess treten dürfen.

Sollte der Regisseur auf dem Heimweg nach der Premiere von einer Bande Halbstarker so richtig schön durch ein lovely Rotlichtviertel gejagt worden sein – ich hätte es den Kids nicht verübelt, er hatte seine Hausaufgaben einfach nicht gemacht.

Beispiel 2: Der Kulissenhalter

Ein regelrechter Klassiker der Nicht-Theaterpädagogik: Kinder die auf Pappe geschriebenen Ortsangaben, Wolken und andere zweidimensionale Fragmente über die Bühne tragen, ohne Anteil am Spiel nehmen zu können: Das ist eine ganz dumme Idee. Und ja, das gibt es noch – gerne auch bei den ganz Kleinen!

Beispiel 3: Sittlichkeit als Grundbedingung für Theaterarbeit

Bei diesem Beispiel wird es biographisch: Das gute alte Krippenspiel steht an. Neben Menschen werden auch Tiere von Grundschülern verkörpert. Gar nicht schlecht an sich.

Ich, der als Schaf an dem Traditionsspiel teilnimmt, beginne mich während einer der ersten Proben mit dem Ochsen (verkörpert von einem Junge, der frisch aus Kasachstan zu uns gezogen ist) zu keilen. Wahnsinn, ein stark von Wrestling beeinflusster Kampf mit Tierlauten findet auf der Bühne statt. Der Ochse stößt das Schaf gegen die Krippe: Eine Plastikpuppe purzelt hinaus.
Ochse und Schaf werden von der völlig überforderten regieführenden Lehrerin von der Bühne gescheucht. Da hat man denen schon die kleinsten Rollen gegeben und dann so was! Fortan müssen die beiden alleine im Zuschauerraum sitzen und zusehen, wie brave Kinder ihren Charakter als Zweitrolle übernommen haben.

Die Herangehensweise dieser Gelegenheitsregisseurin war natürlich nicht theaterpädagogisch, sondern darf mit Fug und Recht als ein einziger Schrotthaufen bezeichnet werden.

Was allen Beispielen innewohnt ist ein wenig reflektiertes, dem Gegenstand unangemessenes Arbeiten.
Mit der physischen Präsenz gewisser Leute, wie die Brennpunktjugendlichen in Beispiel 1, hat man gar nichts erreicht, außer eine große Heuchelei.

Und wer Regie führt ohne zu registrieren, dass man es mit einzelnen Individuen zu tun hat, die eben nicht abspielen können, was man sich so vorstellt und die immer in einem Mindestmaß zu fordern sind, dann sollte man eben keine Regie führen, sondern die Teilnehmer machen lassen. Dann lässt man sich einfach überraschen, was passiert, wenn man seine Schulklasse mit der Realisierung des verdammten Krippenspiels beauftragt: Ich wette keines der Kinder wird auf die Idee kommen, ein Pappschildhalter sein zu wollen. Und wenn die drei heiligen Könige als Wrestling-Charaktere auftreten wollen, ja meine Güte, das ist doch ein tolles Angebot. Einschreiten und ordnen kann man noch früh genug, zunächst muss ein jeder schlichtweg dürfen dürfen.

Die Lebensrealität und den Blick auf die Welt eines jeden Teilnehmers wahrzunehmen und einen Freiraum für diesen zu schaffen sind Grundbedingungen für ein Projekt mit theaterpädagogischen, beziehungsweise künstlerisch-pädagogischen Anspruch. Und wer das ganz und gar nicht nachvollziehen kann: Vielleicht wären Lego- und Playmobilfiguren, wie auch Steifftiere und ähnliche Produkte die besseren Teilnehmer für Sie?

 

(Bild von Sören Höek)

 

verfasst von Julian Gerhard am 05. Jun. 2013