Die Erste von Zwölf

Die Erste von Zwölf

Aktuell arbeite ich vorrangig an Kindertagesstätten zur Förderung der Sprachkompetenz. Das ist ganz nett, fünfjährige Kinder können ja so niedlich sein. Hin und wieder zumindest. Aber manchmal ist es gar nicht niedlich mit Kindern zu arbeiten. Die erste Stunde in einer neuen Kita hätte mich beinahe sämtliche Nerven gekostet. Ich begrüßte die Kinder und erklärte ihnen, dass wir in unserem Theaterprojekt zunächst auch Spiele spielen, bei denen nicht immer gleich klar ist, was das mit Theater zutun hat – und weiter kam ich schon gar nicht. Celina, neben mir sitzend, meldet sich. Sie wüsste ein Spiel! Und ehe ich mich versah, hatte Celina ohne Punkt und Komma die Spielregeln erklärt und war bereits dabei, die Gruppe in zwei Teams einzuteilen. Begeistert schrien die Kinder, wer mit wem in einer Gruppe sein wollte.
In einer Luftholpause von Celina schaffte ich es tatsächlich kurz das Wort an mich zu reißen.

„Alles klar, Celina, das Spiel hört sich interessant an! Ich schlage vor, dass wir erst mal machen, was ich geplant habe. Wenn noch Zeit ist, können wir gerne anschließend dein Spiel spielen!" Skeptisch schaute mich Celina an. „Wie, wir spielen das jetzt nicht?" „Nein." Celina war fassungslos: „Was sollen wir denn dann spielen?" Ich atmete durch. Wir starteten die Stunde mit einer Übung, in der von jedem Kind ein Portrait gezeichnet wird. Die Zeichnung wird dabei von mehreren Kindern gestaltet. Diese Übung hatte in allen Kindergärten immer zu einer guten Stimmung beigetragen. Doch nicht an diesem Tag. Plötzlich fing Lukas an zu weinen. „Die malen mich ganz doof! Ich sehe so gar nicht aus!!" Und plötzlich setzte der Dominoeffekt ein und die halbe Gruppe stand unter Tränen, da sie auf ihren Portraits nicht so vorteilhaft aussahen, wie sie es gerne hätten.
Die Übung musste abgebrochen werden. Kaum waren die Zeichnung aus dem Blickfeld der Kinder entfernt worden, fing Celine an, ein Mädchen zu hauen, welches angeblich über sie gelacht hätte. Das andere Mädchen rannte weg – Celine hinterher. So rannten die beiden unermüdlich im Kreis und weil das so lustig aussah, taten es ihnen die anderen 12 Kinder kreischend gleich.

Da stand ich nun, in der Mitte des Raums und um mich herum rannten 14 Kinder und quietschten und schrien dabei. Jeder Versuch von mir, mit meiner Stimme durch diesen Klangteppich hindurchzukommen scheiterte. Verzweifelt blickte ich zur Erzieherin, die ebenfalls an der Stunde teilnahm, aber bis dahin nicht ins Geschehen eingegriffen hatte. Mit strenger Stimme, schaffte sie es, dass sich alle Kinder setzten. Die Kinder erklärten, dass sie alles doof fänden und dachten, dass sie eigentlich ein Märchen spielen würden (wie auch immer sie auf diese Idee kamen). Die Kinder und ich gingen mutlos aus dieser Theaterstunde. Es war die erste Stunde von 12.

In den folgenden Wochen wollte ich nun zum Thema Märchen arbeiten. „Was kennt ihr denn für Märchen oder Märchenfiguren?" fragte ich in die Runde. Celine: „Hello Kitty?", Eduard: „Star Wars?"
Ich wollte umgehend den Raum verlassen.