Luises Scheiterhaufen Story No 1

Luises Scheiterhaufen Story No 1

Luises Scheiterhaufen Story No 1

Meine erste Story hier sollte eigentlich eine andere sein, aber meine Gruppe an der Realschule lieferte mir heute alles, was ein saftiger Scheiterhaufen braucht: Chaos, Tränen und knallende Türen. Viel Spaß beim Lesen!

Gut gelaunt und guter Dinge betrete ich den Klassenraum, welcher uns wöchentlich zum Theater spielen dient. Es sind drei Schüler der 6. Klasse anwesend, die mich stürmisch mit Einhörnern auf ihren Köpfen begrüßen. „Frau Reichel, Frau Reichel, das hab ich extra für den Eichwolf gemacht, es ist aus TOOOOnKAAATONNNGGG!“, sagt Charlotte und vergisst dabei nicht zu erwähnen, dass sie das letzte Woche noch nach den Hausaufgaben gebastelt hat. Außerdem teilt sie mir mit, dass sie ihren Text schon auswendig kann. Ich ziehe meine Jacke aus. Der Rest der Gruppe taucht auf. Max und Greta mampfen noch Käsebrötchen und lassen mich und alle anderen gern daran teilhaben. Max fällt ausversehen beim Pausenbericht etwas Käse mit Butter auf den hypersterilen Teppichboden. Ich muss lachen. Nach drei Ansagen sind dann auch alle Jacken, Schuhe & Rucksäcke in einer Ecke des Raums verstaut und wir können beginnen. Sitzkreis und Wie-geht’s-mir-Runde. Ich: gutlaunig – Dominik: gut – Max: gut – Lina: gut – Jennifer: gut – Steffi : sehrgut – Charlotte: aufgeregt – Julia: aufgedreht – Kate: ok – Greta: gut. Ich verteile den Elternbrief für das Probenwochenende – neun Finger recken sich urplötzlich in die Höhe.“ Da hab ich Reiten! Und ich Karate! Ich kann da nicht, das ist unfair! Was ist ein Probenwochenende? Wie lange geht das?“ „Steht alles im Brief.“, sage ich. Max und Julia jagen sich und treten nacheinander. Sofort ist alle Aufmerksamkeit verschwunden, es wird laut und jeder macht ein bisschen Karate.

Erste Aufwärmübung – der Impulskreis. „Stellt euch mit dem Rücken zur Kreismitte!“ Klappt nicht. „Stellt euch so hin, dass euer Po in die Kreismitte zeigt und euer Gesicht nach außen!“ Klappt bedingt. Jennifer lacht über „Po“. „Nehmt euch an den Händen und … AAAAHHHHH…“, Julia kreischt sich zu Tode, Dominik hat sie angefasst. Ich atme ein, ich atme aus. „Julia, was meinst du? Wird das klappen?“ „Nur wenn ich meinen Handschuh anziehen darf, Frau Reichel!“ Sie ist schon unterwegs zum Jackenhaufen und wühlt nach dem Handschuh. Ich schaue nach Dominik, er guckt betreten zu Boden. Julia hat den Handschuh gefunden, er ist klitschnass. Wir spielen das Spiel zwei Runden, es funktioniert. Ich lasse alle die Plätze tauschen. Das hätte ich nicht tun dürfen. Nun schreit Lina nach dem Handschuh und ich schaue betreten zu Boden.

Ausgerechnet heute steht die Chaosszene auf dem Plan. Gut ok, denke ich mir, die sind eh so chaotisch drauf - beste Voraussetzungen also. Nach zwei Anläufen mit Musik und völlig unverständlichem Gequatsche steht Kate in der Ecke, allein. Kate spielt die Hauptfigur. Ich frage: „Kate? Alles ok mit dir?“ Keine Antwort. Julia grätscht voll rein „ Ja genau! Was ist los Kate? Du siehst voll traurig aus!“ Kate fängt an zu weinen. Ich stoppe, frage, ob sie kurz mit mir raus gehen möchte. Sie nickt, ich bitte die anderen weiter zu proben. Draußen vor der Tür laufen dicke Tränen, bevor sie sprechen kann & drinnen wird es extrem laut. Wir gehen ein Stück weiter. Kate wird von ihren Freundinnen ignoriert, seit im Gespräch ist, dass sie vielleicht aufs Gymnasium gehen wird. Keine spricht mehr mit ihr & es heißt, sie soll nicht mehr zur Theater AG kommen. Außerdem gibt’s Gerede, weil sie die Hauptfigur spielen wird. Ich frage sie, ob ich das Thema ansprechen soll oder lieber nicht. Kate sagt ja und wir gehen wieder rein. Ich bitte alle zusammen. Das dauert, da der Geräuschpegel sich deutlich über meinem Stimmvolumen befindet. Ich erläutere kurz die Situation und frage, ob sich jemand äußern möchte. Greta, Jennifer, Lina und Julia sind ganz still. Charlotte meldet sich und sagt: „Ach das kenne ich, zu mir sagt auch jeder Streber! Aber glaub mir, daran gewöhnt man sich!“ Kate verdreht die verheulten Augen. Ich auch.

Ich wage einen letzten Versuch für die Szenenimpro. Es gelingt ein fast reibungsloser Start. Mitten drin muss ich jedoch abbrechen, da Julia mit Schuhen nach Dominik wirft. Er versucht sich zu wehren. Keine Chance. Wutschnaubend klaubt er seine sieben Sachen zusammen und verlässt den Raum. Ich bin baff. Viel zu spät frage ich mich, ob ich ihm folgen muss? Er ist weg. Ich beende die Stunde mit dem Satz: „Ich habe jetzt auch keinen Bock mehr!“.

verfasst von Luise Knappe am 11. Dec. 2012