Lingen - Bericht Leonie KW 45/46

Lingen - Bericht Leonie KW 45/46

Lingen - Bericht Leonie KW 45/46

Nach vier Tagen Freiheit starte ich mit neuen Ideen und Energie in die achte Woche meines Studiums. Das verlängerte Wochenende verbringe ich zu Hause, in Gießen (besuche die ATW'ler) und Aschaffenburg, wo sich in mir Fernweh-Sehnsucht entwickelt. ,,Creacting“, ein Verein zur Förderung der Kreativität, den Paul auf einem Kinderfestival entdeckte, fährt mit seinen Team jedes Jahr für ein Monat nach Bodhgaya, um dort theaterpädagogische Projekte zu gestalten. Ich brenne sofort für die Arbeit und Paul und ich beginnen die Tage danach in unserer WG-Küche Gedankenkonstruktionen zu bauen, um das Projekt Anfang 2015 begleiten und finanzieren zu können.

Dass die Geschichte der Theaterpädagogik ein zum Teil noch unentdecktes Wurzelgeflecht aus Menschen, Projekten und Ideen der vergangen Jahre ist, wird mir im Modul ,,Wissenschaftliches Arbeiten“ bewusst, indem wir Texte über Verknüpfungen dieses Phänomens bearbeiten und Herangehensweisen an unsere kommenden Forschungsarbeiten nahe gelegt bekommen.

Das freie Wochenende nutze ich, um in Münster richtig anzukommen und starte eine WG-Batik-Aktion. Ergebnis ist ein mein Bett umhüllender Baldachin und schmerzende Beine der durchtanzten Nacht. Mir fällt auf, dass Münster ein bisschen so tut , als wäre es alternativ, es  aber nicht so wirklich ist. Noch nicht. Aber da ich die meiste Zeit im Institut und somit im noch snobistischeren Lingen verbringe, wirkt Münster im Vergleich doch ein wenig alternativ. ,,Die Verhältnismäßigkeit der Dinge“ (Filmtip mit Robert Gwisdek)

Im Impulstraining erlebe ich mich meinen Körper immer wieder intensiv neu und entdecke wie Tanzen für mich zu einem Emotionsventil wird. Ich gebe mich sehr harten Bewegungsimpulsen am Boden hin und spüre wie sehr mir der Widerstand und Halt des Untergrunds gut tut. Ich tanze und biege etwas aus mir heraus, was schon lange nach außen will. Etwas will von innen nach außen, von außen nach innen (Zitat: Käptn Peng ,,Parantatatam“).

In Atmung, Haltung , Stimme widmen wir uns der Acapella–Band, ,,Wise Guys“ und probieren uns im Gesang. Ich traue mich seit langem wieder vor Menschen zu singen und lerne vor allem locker zu lassen und aus ,,dem Bauch heraus“ zu agieren . Ich fühle mich wohl und lerne viele Atemtechniken, um meine Atmung und meine Stimme zuzulassen.

Dass mir der Atem in unentspannten Situationen stockt und nicht mehr fließen lasse, wird mir in Körper und Bewegung sehr bewusst. Überhaupt die Priorität des Atems.

In meinen Bauch zu atmen, meinen Bauch zeigen zu dürfen eröffnet mir einen ganz neunen Freiraum und Körpergefühl, spüre meine Mitte mehr, ein Begriff, den ich immer als abstrakt und weitläufig empfand. Auch mit dem Gedanken, dass unser Wesen, unsere Charakter in der Brust verankert ist, kann ich mich sehr identifizieren. Vor allem die Verbindung zu der Handbewegung, dem Zeigen auf die Brust, wenn es um das ,,Ich“ geht, wenn ich von mir spreche und zu lernen dieses ,,ICH“ auch so zu meinen, finde ich sehr spannend. Überhaupt findet die Erkundungstour durch meinen eigenen Körper und seiner Wahrnehmung immer neue Wege und erfährt helle, aber auch dunkle Momente. Ich entwickle ein Wissenshunger, mehr über Energieströme im Körper und Verknüpfungen innerhalb des ganzen Wesens zu erfahren.

Im Pumpenhaus besuchen wir die Performance "Fremde Wesen" und ich sehe für eine Frage , die am Vormittag in ,,Theorie und Geschichte des Theaters“ auftaucht, einen Lösungsansatz. Angelehnt an die Thematik der Avantgarde/Russische Futuristen frage ich mich, welche Beziehung Schauspieler und Zuschauer bei Inszenierungen eingehen. Wie dieses Rollenverhältnis entsteht, ob es überhaupt Rollen gibt, wenn ja, wer diese zu schreibt und warum man diese unausgesprochenen Verhaltenskodizes einhält? Wann wird eine Inszenierung als solche genommen und mit was beginnt sie zu dieser betitelt zu werden? Passiert diese Abmachung durch das Bezahlen einer Karte? Welche Verantwortung tragen die Einladenden den Eingeladenen gegenüber? Wie weit darf man in deren Schutzraum eindringen? In "Fremde Wesen", ein Projekt der Szenischen Forschung der Ruhr-Universität Bochum, unter der Leitung von ,,She She Pop“ wird diese, für mich absurde, Situation als solche verbalisiert und realisiert. Mir erzählen Amanda, Helene, Julian, Asli, Julia, Mina, Mira und Ruth ihre Fragen ans Leben und interessieren sich für die Antworten, die wir zu geben haben! Ich empfinde eine Aufhebung dieses mir sehr unzufriedenen Rollenverhältnisse und mich als Leonie, die einem Mädchen aus der Türkei den Liedern ihrer Kindheit lauscht und von Ruth, eingeladen, das Nichts in der Performance zu finden und dafür zu applaudieren. Die Situation fühlt sich real und echt an und ich mich angesprochen.

Den (Nicht)-Ort im (N)irgendwo entdecken wir am Wochenende in unserem Institut während der Ergebnispräsentationen der Regieprojekten der 5. Semester, deren Premierenparty wir gestalten dürfen. Da ich viele StudentInnen aus diesem Semester seit Beginn des Studiums sehr schätzen gelernt habe und wir die oft stressigen Probenwochen davor miterlebten, tut es gut den RegisseurInnen und SchauspielerInnen einen famosen Abend mit guten Klängen und Schmaus zu bereiten. Zudem beschließen wir in einer kleinen Gruppe, unseren Bewegungsraum während der Präsentationstage in eine Klang- und Bildinstallation zu verwandeln, um Spenden für die Menschen auf den Philippinen zu sammeln, die durch den Taifun, Opfer eines dystopischen Zustands geworden sind. Heimat- und Ortlosigkeit, Desorientierung, Lärm und Verwirrung sind Motive, die wir in der Installation versuchen erlebbar/nachvollziehbar zu machen. Unser Institutsfoyer verwandeln wir in ein surrealistischen Bahnhof und alle Elemente des Abends ergänzen sich verblüffend gut, obwohl viele Entscheidungen spontan getroffen werden. Es ist unglaublich spannend die Menschen aus dem 5.Semester in neue und ungewohnte Rollen schlüpfen zu sehen und Fragen, (Leiden)schaften und Themen verpackt in ihren Szenen kennen zu lernen. Eine neue Begegnungsebene, die mich lächeln und staunen lässt.

 

verfasst von Leonie Adam am 25. Nov. 2013