Lingen - Bericht Leonie - "Erzählend Spielen"

Lingen - Bericht Leonie -

Lingen - Bericht Leonie - "Erzählend Spielen"

Erzählend spielen

Hoppla, jetzt komm' ich!
Alias: Sturzgeburten im Ruhrgebiet

(Diesen Sub- Titel stimmt nicht, er wurde nachträglich von uns beigefügt, da der Titel des Moduls so einen verlockend- trivialen Beigeschmack hatte...)

Still sitzend auf Stühlen betreten wir nach einer Meditation das Haus der Kindheit, mein Haus der Kindheit.
Die Sandmann-Tapete, die McDonalds Micky-Mouse Figur auf der Fensterbank und der Totem- Stamm, mit Kuli an die Wand gekritzelt, sind wieder gedanklich anwesend. Längst vergesse Details kommen wieder. Ich bin acht Jahre alt und sitze auf dem Holzfußboden in meinem alten Kinderzimmer, spiele mit Holz- Figuren.

Im Raum liegen Spielzeuge und Dinge, die wir assoziativ zu unserer Kindheit zu Hause auffinden konnten. Nach der Mediation beginne ich von dem Stuhl aufzustehen und als achtjährige Leonie den Spiel-Raum zu betreten. Den Raum der Kindheit. Da sind viele andere Kinder und interessante Gegenstände.
Ich spüre Bewegungs- und Entdeckerlust. Empfindungen, die ich lange nicht mehr gespürt habe. Springe auf die Fensterbank und Stühle und beobachte die anderen, spielenden Kinder. Wir geben uns dem Höhlen-Bauen, Malen und klassischem ,,Vater- Mutter-Kind“ -Spiel hin, obwohl sehr emanzipatorisch: Die Frau geht arbeiten und der Mann muss auf das Kind aufpassen. An dieser Stelle müssen wir ein bisschen lachen und die 20 jährige Leonie kommt wieder an die Oberfläche. Nach dem Besuch im Haus der Kindheit wird mir, der 20 jährigen Leonie, klar, dass viele Charakterzüge, die mir als Kind nachhaltig zugeschrieben wurden gar nicht vollständig stimmen. Eben unvollständig sind. Ich kenne aus Erzählungen nur dieses Kind, das laut und wild und unüberlegt war. Fast hatte ich vergessen, dass diese Kind ja auch sehr gerne beobachtete, für sich und still war.

Weiter geht es in unserem letzten Modul ,,Erzählend spielen“, vor den Semesterferien, verzeiht: der vorlesungsfreien Zeit, mit Begrifflichkeiten, Möglichkeiten auf der Bühne- die Aufgabe aber bis zu letzt eher unklar.

Jetzt aber klarer: Biografisches Arbeiten auf der Bühne. Die theatrale Bearbeitung einer Not, eines Konflikts in der Kindheit. Mit-sich ziehend die sensible Überschneidungsfläche von Rollenträger (ich) und Figur (Leonie als Kind). Wir küren das Wort ,,Tümeln“- sprich ,,Kind-spielen“. Eine höchst brisante Angelegenheit, Illusionsbruch fast vorprogrammiert und fordernd.

In Kleingruppenarbeit dürfen wir 5 Tage lang ein Konflikt aus dem Gedächtnis kramen und bearbeiten, sodass dramatische, epische und kommentatorische Elemente Platz haben.

,,Die Plastizität der theatralen Vorgänge bindet Gedächtnis und Vorstellungskraft. Auch im Bruchstück entdecken wir Geschichten... aus dem flüchtigen Datem im Leben wird eine Utopie, ein Drama.“ (Meyer, Jörg, Handout: Erzählend Spielen)

Dieser Auszug bestätigt, was passiert: Da kommt nach großer Verzweiflung eine Geschichte, die bis heute Wellen in mir schlägt: Diese übergroße schlechte Gewissen, welches mich auf Schritt und Tritt verfolgt. Geplagt wurde ich davon, weil ich mit 12 Jahren einer Schnecke im Biologie- Unterricht die Fühler abschnitt. Meine damalige große Not: Als Tierquälerin vor den Lehrern, den Schülern, der Klasse und der Schule Stellung nehmen zu müssen. Horror- vor allem wenn man religiös betrachtet die Sünde als Kind kennen lernt. Stundenlange Gespräche und Improvisationen folgen. Leonie auf der Anklagebank, vor Gericht. Da werden Details größer und spannend, gehen mir sehr nah. Dann aber Umwerfen von Szenen, Neuanfang. Stunden in unserem Burgtheater, kein Sonnenlicht, draußen verdammt kalt und irgendwann hängt die Schallplatte. Und dann das Feedback unseres betreuenden Dozenten. Krise.

Und wie uns die Alten schon lehrten geschieht aus der Resignation und der fast nihilitischen Stimmung ein neue Idee. Darth Vaders Stimme wird zur Transzendenz und meine Mitspielerin zum mephistotelischen Einschlaflied.... ,,und morgen früh, so Gott will, wirst du wieder geweckt.“

In diesem Prozess: all' das drin, was in Theaterpädagogik Büchern anhand eines Verlaufs dargestellt wird. Idee, Ausprobieren, Scheitern, Elementares Kristallisieren, Groß-machen, Manifestieren. Wir toben uns artmosphärisch und technisch ab und zu aus und ich spüre, wie sehr diese Geschichte mich damals eingenommen hat. Der Moment, in dem mir die Schwierigkeit und zugleich Qualität von biografischem Theater deutlich wird. Die Schwierigkeit diffuse Gefühle zu erkennen und dann Realitäten auf die Bühne zu stellen, ohne Realität zu bebildern.

„Die Bühne bringt ans Licht, ins Hier und Jetzt, was lange her oder weit weg ist, was verdrängt, vergessen oder unabgegolten ist, sie vergößert die verschwommmen, gedeckelten oder flüchtigen Tatbestände bis zur Kenntlichkeit“ (Meyer, Jörg, Handout: Erzählend Spielen)

Dann die erlösende Präsentation und Nachbesprechung, denn unsere Szenen werden im April 2014 im Burgtheater in Lingen zu sehen sein. Das heißt, der Stress, eine perfekte Szene abliefern zu müssen, schrumpft. Dafür gibt es das ein-stündige Nachgespräch. Hier ist es wieder eine große Herausforderung den Schulkontext abzuschütteln und wertungsfrei an unsere Szenen heran zugehen.

Ich verlasse das Modul sehr übermüdet und mit der Frage: Was macht einen Zuschauer glücklich? Der Annäherungsmoment zum Spieler, eine wiederkehrende subjektive Erinnerung, die ein Wort, ein Moment in auslösen - oder spannende Geschichten? Zwei Wochen später krame ich zu Hause alte Kindervideso raus und verbringe Stunden damit mich mir wieder als Kind zu begegnen, denn die theatrale Auseinandersetzung mit Konflikten, die mehr oder weniger mein hier und jetzt noch einfärben, scheint einer Klärung meiner Selbst mit sich zu ziehen.

Wichtig, um später Menschen diese Prozesse anzutun- um zu verstehen, was es bedeutet in der Erlebnis-Kiste zu wühlen und welche nachhaltigen Vorteile diese Verabreitung im Leben haben kann.

Zuletzt habe ich immer wieder den Satz ,, Komik ist Tragik in Spiegelschrift“ ( Freundeskreis, ,,ANNA“) im Kopf, Leitsatz meiner Szene. Denn was mit Humor betrachtet werden kann, scheint bearbeitet (worden) zu sein.

verfasst von Leonie Adam am 16. Feb. 2014