Lingen - Bericht Paul KW 39 /40

Lingen - Bericht Paul KW 39 /40

Lingen - Bericht Paul KW 39 /40

Zwei Wochen aus der Sicht von Paul..

Woche 1

Im Gegensatz zur vorigen Woche, in der wir im Ensembletraining improvisiert, gespielt und uns bewegt haben, fängt diese Woche informationslastiger an. Wir werden von Mitarbeitern der Hochschule in den Hochschulkomplex eingeführt und über die Bibliothek, das Onlineportal der Hochschule, die Ansprechpartner und wichtige Daten informiert. Ich beginne zu verstehen, wie groß der Hochschulkomplex Lingen ist und wie klein und exotisch das theaterpädagogische Institut ihm gegenüber erscheint. Diese Sonderrolle unseres Instituts, welche immer wieder betont wird, hinterlässt ein gutes Gefühl bei mir, da mir dadurch eine eigene Besonderheit suggestiert wird. Aus der Informationsflut stechen für mich die Möglichkeiten für ein Praktikum heraus. Wir werden dabei nicht nur über Praktikumsmöglichkeiten in der Region aufgeklärt, sondern auch darüber informiert, dass die Finanzierung eines Auslandspraktikums durch die Hochschule realisierbar ist. Zwar werden wir ein Praktikum erst im Laufe der nächsten Semester brauchen, ich freue mich jedoch jetzt schon. Einen Ausblick auf eine Praktikumsstelle im Ausland habe ich schon, nur war mir bis zu diesem Zeitpunkt nicht klar, wie ich dies finanziell stemmen soll.

Am Donnerstag beginnen wir wieder praktisch zu arbeiten. Im Impulstraining bewegen wir uns intensiv und versuchen in unseren Bewegungen unseren Impulsen zu folgen. Mich strengt der Unterricht an. Ich schwitze in Mengen, komme jedoch nicht an den Punkt der absoluten körperlichen Erschöpfung. Direkt nach dem Unterricht habe ich mich schon körperlich regeniert. Dafür setzt eine geistige Erschöpfung ein. Ich nehme in meinem Kopf eine Diffusität wahr, die ich nicht in Worte fassen kann. Dieses Durcheinander in meinem Kopf versetzt mich in eine unangenehme Rastlosigkeit, die sich erst eine Stunde später ohne benennbaren Grund verflüchtigen wird. Ich bin jetzt schon auf das nächste Impulstraining gespannt.

Tags darauf geht es praktisch weiter und wir beschäftigen uns mit unserer Körperwahrnehmung. Als besonders nehme ich dabei war, dass wir uns mit unserem Körper auseinandersetzen und ihn bewusst wahrnehmen. Auf einem Umriss meines Körpers muss ich meine Gefühle zu den verschiedenen Körperteilen einzeichnen. Zuerst erscheint es mir unsinnig, dann bemerke ich, dass ich jedem Körperteil ein Gefühl zuordnen kann und beziehe das erste Mal eine bewusste Stellung zu meinem Körper. Das eine solche Stellungnahme möglich ist, hätte ich nicht gedacht.

Sonntags wird von und für Theaterpädagogikstudenten ein Brunch veranstaltet. Ich lerne dabei nicht nur mein Semester, sondern auch viele Studenten der höheren Semsester besser kennen. Bei mir stellt sich ein Bild von einer großen, sympathischen und offenen Familie, mit der ich die nächsten drei Jahre meines Lebens verbringen werder und es auch will, ein.

Woche 2

Die erste Sitzung des Moduls "Sprachliches und performatives Gestalten" begeistert mich. Wir setzen uns mit dem Gestalten von Texten auseinander. Dies geschieht nicht auf einer analytischen Ebene, die ich aus der Schule kenne, sondern auf einer intuitiven Ebene. Das bedeutet, dass wir versuchen, unsere Texte frei von Hintergrundgedanken und Motiven zu schreiben. Diese intentionslosen Texte tragen wir uns gegenseitig vor und reflektieren anschließend darüber. Ich stelle fest, dass diese Texte, gerade weil sie keiner Intention folgen, einen immensen Interpretationsspielraum besitzen und, wie unser Dozent sagen würde, sich in ihnen etwas zeigt.

Der Dienstag wird überschattet von der Deutschen Bahn. Das erste Mal fällt mein Zug von Münster nach Lingen aus und ich komme mit einer Stunde Verspätung am Institut an. Die Studenten der höheren Semester warnen uns vor, dass es, gerade im Hinblick auf den kommenden Winter, nicht bei diesem einen Ausfall bleiben wird.

Mittwochs hat unser Semester seine erste gemeinsame Sitzung, bei der semesterinterne Angelegenheiten besprochen werden. Heute werden primär über organisatorische Dinge wie der Küchendienst oder die Wahl eines Semestersprechers gesprochen. Für mich hat die Sitzung einen hohen symbolischen Stellenwert, denn sie bedeutet für mich, dass unser Semester sich am Institut eingefunden hat und nun ein Teil dessen ist.

Freitags stellen wir uns der Frage, was für uns einen guten Theaterpädagogen ausmacht. Dies klingt zunächst einfach, bereitet mir jedoch in Zusammenarbeit mit meinen Kommilitonen viele Schwierigkeiten. Wir stellen fest, dass wir unterschiedliche und zum Teil konträre Meinungen dazu haben. Worauf wir uns aber einigen können, ist, dass jeder Theaterpädagoge einen eigenen Weg finden und ihm eine Echtheit, in dem was er tut, zu Grunde liegen muss.

Abends nehmen Nina, Leonie und ich an einer Videoperformance des Filmfestivals Münster, an welche wir durch eine ehemalige Theaterpädagogikstudentin gelangten, teil. Ich erfreue mich an dieser Möglichkeit, an künstlerischen Vorgängen teilzuhaben und endlich selbst aktiv zu werden und Verbindungen zu knüpfen.

verfasst von Paul Schneider am 20. Oct. 2013