FREEZE! & Blick ins Publikum

FREEZE! & Blick ins Publikum

Autorin: Maike Plath
Verlag: BELTZ
ISBN 978-3-407-622775-9

FREEZE! & Blick ins Publikum

Das Methoden-Repertoire für Darstellendes Spiel und Theaterunterricht

Vor mir liegt ein Stapel von farbigen Karten im Din-A5 Format. Auf jeder ist irgendein Begriff zu lesen. Zum Beispiel „Kriechen“, „Verliebt sein“, „Hochmut“ oder auch „Catwalk“ – ich habe das „Methoden-Repertoire für Darstellendes Spiel und Theaterunterricht“ von Maike Plath in der Hand. Und in dieser liegt es gut, denn Klappkarton und auch Karten machen optisch und haptisch einen wertigen Eindruck. Doch was macht man jetzt mit einem Haufen Karten im Theatertraining?

Maike Plath, selbst Lehrerin für Darstellendes Spiel sowie Vorstandsangehörige des Bundesverbands Darstellendes Spiel, hat hier aus ihrem reichen Erfahrungsschatz eine „magische Wundertüte“ für die Theaterarbeit mit Jugendlichen geschaffen.

Die Karten sind unterschiedlich farbig hinterlegt. Die Autorin erläutert in der beiliegenden Broschüre „das Baukasten-Prinzip: Neun verschiedenfarbige Kartengruppen stehen für neun ästhetische Kategorien von Theater: ...“. Die gelben Karten behandeln beispielsweise alle Gefühlsthemen, auf den Orangenen finden sich die ästhetischen Mittel des Theaters, wie Chorisch Sprechen oder auch Zeitraffer. Weiterhin gibt es Karten für unterschiedliche Bewegungsfolgen, Freeze-Karten und auch Karten mit Grundbausteinen für tänzerische Elemente.

Wie es funktioniert:

Gleich zu Anfang betont Maike Plath, dass die Möglichkeiten dieses „Methoden-Repertoires“ schier unendlich sind. Die Kurzanleitung ist zunächst einfach und klar: Man legt die Karten wie eine Art Büffet sichtbar für alle Teilnehmer aus. Es wird ein Mikrofon aufgestellt und die Spieler sollen sich im Zick Zack durch den Raum bewegen. Ein Spieler ruft durchs Mikrofon die Anweisungen zu, welche die Gruppe dann ausführt. Die Kombinationsmöglichkeiten der unterschiedlichen Karten sind hierbei unzählig und können ganz nach Lust und Laune desjenigen, der am Mikro steht gemixt werden.

Das Kartenset teste ich direkt in einer Gruppe, bestehend aus Schülern der 6. und 7. Klasse einer Realschule, an. Ein Mikro haben wir für die normale TheaterAG-Einheit nicht, es geht aber auch ohne. Also baue ich auf drei hintereinander gestellte Schultische das Karten-Büfett auf. Beim ersten Mal habe ich mich nur für einen Bruchteil der Karten entschieden – hauptsächlich einfache Bewegungen und Gefühlszustände. Ich stelle Musik an und der Raumlauf beginnt – das kann die Gruppe schon ganz gut. Abwechselnd rufe ich die Begriffe herein. Schnell hat jeder Teilnehmer herausgefunden, wo seine Gehgeschwindigkeiten zwischen 1 und 10 so liegen und ich werde mutiger. „ Gehen Tempo 7 plus Wut “ – ich bekomme einen energiegeladenen Haufen serviert. Es folgt „ Zeitlupe plus Stolz “ – mit derartiger Körperpräsenz habe ich noch keinen meiner Schüler über den Teppich schweben sehen. Ich bin begeistert und lasse nach und nach alle Schüler „Puppenspieler“ sein. Die Gruppe kommt ordentlich ins Schwitzen und ist nach diesem Warm-up in Hochstimmung.

Maike Plath offeriert aber noch viel mehr. Es gibt eine große Anzahl von Karten für eine weiterführende Vertiefung. Hierbei handelt es sich um Vorschläge für die Entwicklung von Choreographien oder auch „Inszenierungsjoker“, die dabei helfen sollen eine kurze Szene zu entwickeln. Im Prinzip kann mit jeder Kartenkonstellation eine szenische Idee umgesetzt und die dafür gewünschten Theatermittel herausgekitzelt werden. Im Beiheft gibt sie konkrete Rat-und Vorschläge für die Verwendung der Karten.

Besonders interessant finde ich den dunkel-lila Kartenstapel. Maike Plath hat für diese Karten die Grundbausteine der tänzerischen Elemente für Theater komprimiert und sich am Film „Matrix“ orientiert. Auf den Karten befinden sich Momente bzw. Szenen aus dem Film, beispielweise die „Frau in Rot“. Auf der Rückseite der Karte steht folgende Beschreibung:

„Der Spieler am Mikrofon ruft: „Freeze!“. Alle frieren in der Bewegung ein. Er ruft zwei Namen auf und bestimmt, wer von ihnen Neo und wer Morpheus ist. Neo und Morpheus bewegen sich nun durch die eingefrorenen Spieler/innen. Morpheus berührt im Vorbeigehen heimlich drei Spieler/innen so, dass Neo es nicht sieht. Plötzlich klatscht Morpheus in die Hände ruft: “Stopp!“ In diesem Moment springen die drei zuvor von Morpheus berührten Spieler/innen hervor und „erschießen“ Neo – es sei denn, er wehrt die drei „Agenten“ rechtzeitig mit einer ausgestreckten erhobenen Hand ab.

An dieser Stelle gebe ich zu bedenken, dass es sicherlich nützlich ist den Film Matrix gesehen zu haben, was für Jugendliche unter 16 Jahren leider noch nicht drin ist (So denn man sich als Theaterpädagoge an derartige Richtlinien halten möchte).

Und das überraschend schmale Beiheft hat noch ein Ass im Ärmel. Es beinhaltet mehrere Vorschläge für Musikstücke, welche gut zum Einsatz der Karten passen, um bestimmte Choreografien zu entwickeln. Die Autorin liefert auch hier noch konkrete Aufgaben-, Erarbeitungs- und Präsentationsoptionen mit. Ein Rund-um-Paket sozusagen. Mein Test in der Praxis hat bisher nur ein winziges Bruchstück der Möglichkeiten ausgekostet, die laut Beiheft mit den Methodenrepertoire-Karten zur Auswahl stehen. Ein endgültiges Fazit kann ich hier also noch nicht ziehen. Aufgefallen ist mir allerdings, dass die verschiedenen Anleitungen bei mir zu ein paar Verwirrungen geführt haben. Das Beiheft macht auf den ersten Blick einen kompakten, knackigen Eindruck mit kurzen Beschreibungen. Beim genaueren Lesen beginne ich jedoch vor und zurück zu blättern, um vereinzelte Abschnitte mit anderen in Bezug setzen zu können. Beispielsweise wird gleich zu Anfang auf Seite 3 die Bedeutung der Spielkarten aufgelistet, es folgt eine Einführung in dramaturgische Möglichkeiten, eine Beschreibung für den Spielablauf und auf Seite 5 folgt ein weiterer Text über die Funktion der Spielkarten. Insgesamt liefert das Heft so viele unterschiedliche Herangehensweisen, dass ich anfangs völlig davon abgesehen habe, diese eins zu eins anzuwenden - sie haben mich schlichtweg in ihrer Komplexität überfordert. Hier hätte ich mir eine logischere Zusammenstellung im Aufbau der Beschreibungen gewünscht. Dennoch: ich nutze die Karten mittlerweile seit fast einem halben Jahr im Theaterunterricht und bin immer wieder erstaunt, welche Ergebnisse mit so einem einfachen Mittel erzeugt werden können. Nur das Beiheft ziehe ich so gut wie gar nicht zu Rate.

verfasst von Lu Reichel am 01. May. 2013

Kommentare (2)

  1. Metamorphosen schrieb am 23. Sep 2013 um 12:26 PM

    Ich leite seit Oktober 2012 ein Theaterprojekt in einer stationären Jugendgilfeeinrichtung. Die Proben gestalteten sich immer in einen enormen Kraftakt der sich äßerte in :"Ich hab keinen Bock mehr" oder " Ich mach nicht mehr mit"! Für mich war es immer sehr schwierig die Jugendlichen immer und immer wieder zu motivieren. Nun las ich auf eurer Seite die Buchvorstellung " FREEZE " . Das mußte ich mir unbedingt bestellen und habe es gleich zur nächsten Probe ausprobiert. Es war für mich sehr beeindruckend mit wieviel Hingabe die Jugendlichen die Karten abgespielt haben. Sie wollten noch einen Durchgang und spielten mit einer Energie das war einfach toll ! Es schämte sich auch niemand eine bestimmte Pose einzunehmen oder mit starren Blick auf das gedachte Publikum zu gehen. Ich kann es nur jedem empfehlen der eine Theatergruppe leitet. Die Kinder und Jugendlichen erlernen auf spielerische Art und Weise die Theatertechniken. Gant toll !!!

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  2. Metamorphosen schrieb am 23. Sep 2013 um 12:34 PM

    Ich habe es nur einmal angewendet und weitere Erfahrungen folgen.

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