Life.On Stage. - Eine Buchvorstellung

Life.On Stage. - Eine Buchvorstellung

Life.On Stage. - Eine Buchvorstellung

"Erdachtes wird zu denken geben, doch nur Erlebtes wird beleben!" P.Heyse

Life. On Stage. - Ein Handbuch der Theatertherapie

Eine Buchvorstellung von Lu Reichel

Die beiden Autorinnen Sandra Anklam und Verena Meyer haben ein Buch herausgebracht, welches das Arbeitsfeld "Theatertherapie" durchschaubar und verständlich macht. Eng mit der Theaterpädagogik verwandt, geht die Theatertherapie einen Schritt weiter. Die Autorinnen formulieren diesen Schritt folgendermaßen: “Zielsetzung bei theaterpädagogischen Projekten ist es vorwiegend, die Kunstform Theater an Laien zu vermitteln. Eine Aufführung wird unter ästhetischen und künstlerischen Aspekten betrachtet und entwickelt. (...) In der Theatertherapie sind hingegen die spezifische Selbsterfahrung des Einzelnen mit anderen und der Gruppe sowie die Auseinandersetzung mit zumeist persönlichen Themen vorrangiges Ziel (...)”.

Zunächst führen die beiden Theatertherapeutinnen in das Fachgebiet ein. Ausgehend von einer umfangreichen Begriffsklärung des Metiers, folgt ein konkretes Kapitel über die Planung und den Ablauf eines theatertherapeutischen Projektes. Neben kleinschrittigen und gut nachvollziehbaren Erläuterungen über die verschiedenen Phasen eines Projektes, bieten die Autorinnen eine Checkliste zur Vorbereitung eines theatertherapeutischen Projektes. Beim genaueren Lesen dieser Liste fällt mir auf, dass diese sich nur in wenigen Punkten von einer Checkliste für ein theaterpädagogischen Projekt unterscheidet und insofern auch für meine pädagogiklastige Arbeit eine Bereicherung darstellt. Im nächsten Abschnitt geht es um die Anforderungen und Fähigkeiten, die eine Theatertherapeutin / ein Theatertherapeut mitbringen muss. Themen wie “Die Balance von ICH-WIR-ES”und “ICH II: Umgang mit einzelnen Persönlichkeiten” werden anhand psychoanalytischer Theorie anschaulich und nachvollziehbar beschrieben.

Foto: Sandra Anklam

Das Herzstück des Buches sind Beschreibungen von je zwei von den Autorinnen durchgeführten Projekten. Hier wird sehr genau auf den Prozessverlauf und auf die Rahmenbedingungen eingegangen. Dieser Teil des Buches liest sich sehr spannend. Hier geht es um zwar abgeschlossene, aber real existierende Projekte. Die Projektleiterinnen beschreiben den Verlauf mit Höhen und Tiefen und flechten gekonnt theoretische Abschnitte in eingängigen Fließtext ein. Ich bekomme nach und nach einen guten und umfangreichen Überblick zum Berufsbild “Theatertherapeut” und bin voller Ehrfurcht über den Mut und (ähnlich wie in der Theaterpädagogik) die peu a peu erworbenen Kompetenzen der Autorinnen. Beschrieben wird beispielsweise ein Projekt mit Langzeitarbeitslosen ausgehend von einer Literaturgrundlage.

Foto: Peter Phillips

Das Buch heißt “Herr Jensen steigt aus” und erzählt die Geschichte eines Mannes, welcher mit den Jahren der andauernden Arbeitslosigkeit immer mehr in eine außergesellschaftliche Position gerät und sich in eine Parallelrealität flüchtet. Das theatertherapeutische Projekt hangelt sich an der Erzähldramaturgie des Romans entlang, wobei jedoch persönliche Geschichten der Teilnehmerinnen ins Stück szenisch eingewebt werden.

Foto: Peter Phillips

Beim Lesen der Projektbeschreibung wünsche ich mir sofort, dieses Stück gesehen zu haben. Ähnlich geht es mir auch bei der Darstellung des nächsten Projektes. Hier wurde ein theatertherapeutisches Projekt mit Insassen einer Justizvollzugsanstalt durchgeführt. Der Aufbau des Berichts ist ähnlich, das Thema aber natürlich ein völlig anderes. Auch hier gab es eine Vorgabe: “Sein letztes Wort”. Zitate berühmter Menschen werden den Insassen zu Beginn des Projektes präsentiert - das Besondere daran: es sind deren letzte Worte. Aufbauend darauf manifestiert sich die Thematik des Abtretens, des Sterbens und Verlassens. Ein schweres und gleichzeitig auch hoffnungsvolles Thema. Zumindest erlebe ich es so beim Lesen dieses Projektberichtes.

Foto: Sandra Anklam

Schließlich wird im letzten Teil des Buches die Theorie mit der Praxis zusammengeführt. Die Autorinnen bündeln die wichtigsten Regeln der Arbeit im theatertherapeutischen Bereich und stehen mit Ratschlägen und allerhand Zitaten zur Seite. Im allerletzten und 10. Kapitel schreitet der Theaterpädagoge/therapeut in seinen Garten Eden: ein Manual, eine Methodensammlung. Ich gebe offen zu, dass ich prompt am nächsten Tag nach dem ersten Durchblättern dieses Abschnitts erfolgreich zwei Übungen in meiner Jugendgruppe durchgeführt habe und mich weiterhin gerne von dieser Palette, der für gut befundenen Methoden bedienen werde. Besonders gut gefallen hat mir der Nachweis jeder Methode. Die Autorinnen kennzeichnen zu welchem Zeitpunkt des jeweiligen Projektverlaufes, in welchem Themenkontext und zu welchem Zweck die Übungen eingesetzt worden sind.

Kurzum: dieses Buch gibt einen interessanten Einblick in die Disziplin Theatertherapie und ist nicht nur für eingefleischte Theatertherapeuten lesenswert. Ich als Theaterpädagogin habe hier meinen Horizont enorm erweitern können und bin wieder von der Wirksamkeit des Theaters und des Theatermachens überrascht. Wie auch auf dem Klappentext des Softcovers zu Lesen ist, leisten Sandra Anklam und Verena Meyer mit ihrem Werk einen wesentlichen Anteil zur begrifflichen Einordnung der Theatertherapie.

Life. On Stage Handbuch Theatertherapie
EUR 19,90 inkl. MwSt.
Neuerscheinung 2014
ISBN 978-3-86863-117-3
Mit vielen sw-Fotos, Abbildungen und Tabellen.

Die Autorinnen

Sandra Anklam, Jahrgang 1972, Diplom- und Theaterpädagogin (BuT), Drama- und Theatertherapeutin (DGfT), Heilpraktikerin (Psychotherapie), Gestaltberaterin, Systemische Supervisorin und Organisationsentwicklerin (DGSF), Tanztherapeutin i.A.

Verena Meyer, Jahrgang 1969, Theaterwissenschaftlerin (M.A.), Theaterpädagogin (BuT) und Dramaturgin, Drama- und Theatertherapeutin (DGfT), Dozentin und Autorin.

verfasst von Lu Reichel am 16. Mar. 2014